Medien : Die Köche aus Bergisch-Sizilien

Die „Westdeutsche Zeitung“ beschäftigt die Justiz. Immer neue Details tauchen auf

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Von Andreas Kötter

Das Zusammenspiel von Politik und PR war zuletzt ein dankbares Thema für die Medien. Der PR-Berater Moritz Hunzinger und der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping sorgten mit ihrem fragwürdigen Verständnis von Lobby-Arbeit tagelang für fette Schlagzeilen. Nun sieht es so aus, als zerre eine andere Affäre das Zusammenspiel von PR und Medien in den Fokus der Öffentlichkeit.

In der bergischen Metropole Wuppertal scheint Zeitungsjournalismus anders zu funktionieren, als sich der Presserat das wünschen mag. Der Ehrenkodex des Rates schreibt vor, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalisten beeinflusst werden dürfen. Eben diese strikte Trennung von Nachrichten- und PR-Journalismus scheint in der Schwebebahnstadt fraglich zu sein.

Um die Verhältnisse zu verstehen, muss man wissen, dass Wuppertal mit der „Westdeutschen Zeitung“ („WZ“) nur eine einzige Tageszeitung hat. Wer sich über Lokales informieren will, ist auf dieses Blatt angewiesen. Eine weitere Möglichkeit bietet zwar die zweimal in der Woche erscheinende „Wuppertaler Rundschau“. Die aber ist ein Anzeigenblatt, wenn auch mit umfangreichem redaktionellem Teil. Beide Blätter gehören zum selben Unternehmen, dem Girardet-Verlag, der an der Düsseldorfer „Kö“ residiert. Man darf zumindest darüber nachdenken, ob im Falle eines Falles die eine Redaktion unabhängig über das berichten kann, was in der anderen möglicherweise schief laufen mag. Und „schief“ läuft momentan einiges in Wuppertal. Der Oberstaatsanwalt der Stadt, Alfons Grevener, hat mehr zu tun, als ihm lieb sein kann.

Es scheint, als sollte so mancher sein ganz eigenes Süppchen kochen in Bergisch-Sizilien, wie man schon unkt. Die Stadt ist durch Korruptionsaffären in Verruf geraten: Ermittelt wird unter anderem gegen den suspendierten Oberbürgermeister Hans Kremendahl sowie gegen mehrere Mitglieder der städtischen Prominenz. Und seit kurzem, im Zusammenhang mit der Affäre um die Gemeinnützige Wuppertaler Wohnungsbaugesellschaft (GWG), gegen den Chefredakteur der „WZ“, Michael Hartmann. Der GWG soll laut Grevener beim Kauf weit überteuerter Baugrundstücke und Gebäude, etwa Senioren- und Studentenwohnheime, durch „Finanzschiebereien“ („SZ“) ein Schaden von mehr als 15 Millionen Euro entstanden sein. Einer der Hauptbeschuldigten, der frühere Justiz-Oberamtsanwalt Gerd Kolbe, belastet Hartmann damit, dass der bei Immobiliendeals als „Vermittler“ aufgetreten sei und „redaktionelle Unterstützung“ geleistet habe. Kolbe brüstete sich, dass bei einem seiner windigen Geschäfte „Presse sichergestellt“ sei. Hartmann, einst mit Kolbe befreundet, räumt „Geschenke auf Gegenseitigkeit“ ein – das sei „nichts Ungewöhnliches“.

Ungewöhnlich ist, dass der am Mittwoch beurlaubte Chefredakteur mehrere Jahre stiller Teilhaber der Wuppertaler PR-Agentur Klaus GmbH war. Die arbeitet der lokalen Presse, also „WZ“ und „Rundschau“ zu, etwa mit Pressemitteilungen ortsansässiger Firmen. Auch daran mag Hartmann nichts Verwerfliches erkennen. So sagte er, dass die lokale „WZ“-Redaktion in Wuppertal gar nichts von seinem Engagement habe wissen können, schließlich sei er nur „stiller Gesellschafter“ gewesen. Im Übrigen habe er seine Anteile an dem „Kräuterladen“ schon vor vier Jahren abgegeben. Das stimmt, Hartmann hat seinen Anteil vor einiger Zeit verkauft, wie es heißt an die Frau des „Rundschau“-Geschäftsführers Rainer Wolff.

Das reicht aus, um ins Grübeln zu kommen, ob und wie sich die Journalisten der „Rundschau“ ihre Unabhängigkeit bewahren konnten. Noch schwieriger dürfte das für die beiden „Rundschau“-Redakteure sein, die gleichzeitig Geschäftsführer der Klaus GmbH sind. Da kann man schon mal durcheinander kommen mit dem, was Nachricht und was PR ist. Dass da jemand den Überblick verloren zu haben scheint, zeigt die Tatsache, dass Oberstaatsanwalt Grevener die Büroräume der Klaus GmbH durchsuchen ließ, allerdings „nicht gegen die beiden Redakteure ermittelt“, wie er ausdrücklich betont. Bei dieser Durchsuchung, sagt er, sei man allerdings nicht fündig geworden. Was Grevener sucht, ist ein Beweis dafür, dass bei der „Rundschau“ Schmiergeld für die Schaltung von Werbeanzeigen geflossen sein könnte. „In einer regelmäßig erscheinenden Beilage für Senioren, ,Evergreen’, hat ein ehemaliger Diakonie-Leiter seitenweise Anzeigen geschaltet“, sagt Grevener. Im Gegenzug soll der Diakonie-Leiter vom „Rundschau“-Geschäftsführer mit privaten Zahlungen entlohnt worden sein. Dieser „Lohn“ taucht auf Konto-Auszügen der Klaus GmbH auf. Der „Rundschau“-Mann Wolff behauptet, dass das Thema formal längst vom Tisch sei: „Das Verfahren ist eingestellt, die Urlaubszeit hat lediglich zu einer Verzögerung der Bekanntgabe geführt“, sagt Wolff. „Das stimmt so nicht“, widerspricht Grevener. „Das Verfahren gegen Wolff kann gegen Zahlung einer bestimmten Summe niedergeschlagen werden, das aber bedeutet, dass er de facto den Vorwurf einräumen würde“. Bis jetzt fehlt Wolffs Unterschrift, Grevener soll aber seine Bereitschaft zu unterschreiben signalisiert haben.

Mittlerweile scheint auch den Verantwortlichen des Girardet-Verlages das Wuppertaler Gebaren nicht mehr geheuer zu sein. Man überprüfe die Verbindungen zwischen „Rundschau“ und Klaus GmbH, sagt Frank Reiners, Sprecher der Geschäftsführung.

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