Medien : „Die Kollegen schneiden mich“

Ein Besuch bei der Journalistin Luc Jochimsen, die für die Linke im Bundestag sitzt

Eleni Klotsikas

Ein gelber Zettel ersetzt das Türschild. „Dr. Lukrezia Jochimsen. Die Linke“ steht handschriftlich darauf geschrieben. Und sie wartet auch schon in der Tür: die Lippen hellrot geschminkt, die Haare hochtoupiert, so wie man es früher von ihr kannte, als sie noch mit scharfer Stimme ihre Kommentare in den „Tagesthemen“ vortrug. Vor zwei Wochen ist Luc Jochimsen in ihr Bundestagsbüro Unter den Linden eingezogen. Der Schreibtisch ist ganz neu, die Wände noch kahl. „Bisher habe ich noch keine Tretminen entdeckt, vor denen mich alle gewarnt haben“, sagt sie und lacht. Sie wirkt gut gelaunt, fast ein wenig aufgedreht.

Über 40 Jahre lang war Luc Jochimsen Journalistin: Redakteurin bei „Panorama“, Korrespondentin in London, zuletzt Fernseh-Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks. Jetzt hat sie die Seite gewechselt. Da ist sie nicht die Einzige. 16 Abgeordnete im Bundestag waren früher im Journalismus. Reinhard Grindel, der ehemalige ZDF-Studioleiter in Berlin und Brüssel, sitzt zum Beispiel schon seit 2002 im Parlament. Nur ist Grindel Mitglied der Unionsfraktion, Jochimsen ist bei der Linkspartei. Das ist offenbar ein großer Unterschied. „Ich werde von vielen ehemaligen Kollegen geschnitten“, sagt Luc Jochimsen. „Richtig übel nehmen die mir das mit der PDS. Sie diskutieren aber nie offen mit mir darüber.“

Es war der Umgang des Westens mit der Deutschen Einheit, der Luc Jochimsen zur PDS trieb: „Pauschal wurde die PDS als Paria-Partei abgestempelt.“ Außerdem waren ihr die SPD und die Grünen nach der Regierungsübernahme im Jahr 1998 zu stark in die Mitte gerückt. Deshalb ging sie vor drei Jahren darauf ein, als Dietmar Bartsch, damals Bundesgeschäftsführer der PDS, sie nach ihrer Pensionierung beim Hessischen Rundfunk fragte, ob sie nicht für die PDS in Hessen kandidieren wollte. Doch damals scheiterte die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde. Luc Jochimsen machte trotzdem weiter, trat in die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein, besuchte alle PDS-Parteitage und schrieb eine Medien-Kolumne für das „Neue Deutschland“. Im Frühjahr wurde sie sogar Parteimitglied bei der PDS. „Ich stehe auf dem Fundament des Parteiprogramms, daher war es für mich ein konsequenter Schritt“, sagt sie. Platz drei auf der thüringischen Landesliste brachte ihr dann das Bundestagsmandat. „Ich kann natürlich keine Garantie geben, dass aus der Journalistin Jochimsen eine gut funktionierende Politikerin Jochimsen wird“, sagt sie.

Die Linke/PDS hat sie trotzdem zu ihrer kulturpolitischen Sprecherin gemacht. Viele ihrer Parteikollegen können mit dem Amt ohnehin wenig anfangen: „Sie glauben immer noch, dass Kultur etwas Bourgeoises ist, etwas, das mit Luxus zu tun hat“, sagt sie. „Mit denen möchte ich über die existenzielle Bedeutung von Kultur reden.“ Schon ihr Lebensstil stellt sie für manchen PDSler unter BourgeoisieVerdacht. Luc Jochimsen lebt in Hamburg und Venedig. In ihrem Haus in Venedig wollte sie eigentlich nach ihrer Pensionierung Bücher schreiben. Es ist anders gekommen.

Jetzt will sie im Bundestag dafür kämpfen, dass der „Palast der Republik“ nicht abgerissen wird. Sie will sich außerdem für den Erhalt des öffentlichen Kultursektors stark machen – trotz Haushaltsloch in Milliardenhöhe. „Wir leben doch in einem Steuerparadies für Reiche und Großunternehmer“, sagt sie. Ihre Perspektive ist klar: „sozialdemokratisch-sozialistisch“ nennt sie sie selbst. So sieht sie im Kauf von ProSiebenSat1 durch den Springer Verlag eine gefährliche Marktkonzentration. Eine breite Debatte über Medienkonzentration will sie lostreten. „Ich weiß nicht, ob wir daran etwas ändern können, aber wir müssen zumindest darüber reden.“ Klingt das nicht immer noch nach politischer Talkshow?

Jahrelang hat sie die Talkshow „3-2-1“ im Hessenfernsehen moderiert. Damals zog sie bereits den Ärger der ARD-Kollegen auf sich, als sie sich regelmäßig auch PDS-Leute in die Sendung einlud. Nicht nur Gregor Gysi, sondern auch Leute aus der zweiten Reihe. Sie rechtfertigt sich mit ihren Korrespondenten-Erfahrungen aus London: „Das Spektrum in England ist vielfältiger. Das macht Politik erst spannend.“ Das ganze Hessenfernsehen trug in der Ära der Chefredakteurin Jochimsen den Schmähnamen „Rote Laterne“, nicht nur weil es angeblich so links war, sondern weil es die schlechtesten Einschaltquoten von allen dritten Programmen der ARD hatte. Was das Einstecken von Kritik angeht, ist Luc Jochimsen für die Politik gut gewappnet.

Sie schaut auf die Uhr, sie muss weiter. Ihr erster großer Termin: Kanzlerwahl. Jochimsen geht über den Innenhof des Abgeordnetenbürogebäudes, der mit Birken voll gestellt ist. „Sieh an: ein russischer Birkenwald!“, sagt sie lachend, kämpferisch. „Das ist der Aufbruch in den Osten.“ Angela Merkel, so viel steht fest, wird ihre Stimme heute nicht bekommen.

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