Medien : Die Kunst dem Volke

Erfolgreich in der Nische: Das Hamburger Magazin „Art“ feiert 25. Geburtstag

Bernhard Schulz

Die Glückwünsche sind so unterschiedlich wie die Leserschaft. „Ohnegleichen ist das Kunstmagazin ,art’“, hebt Altbundespräsident Richard von Weizsäcker an. „Kaum war das Kunstmagazin ,art’ auf dem Markt, gehörte ich schon zu den Abonnenten“, jubelt ARD-Wickert und lobt sich dabei gleich mit. „Das ist 300 Mal Freude über die Post, mit der das Heft auf dem Schreibtisch landet“, bedankt sich MoMA-Beweger Peter Raue. Nur der derzeit viel gefragte Kunstsammler Christian Boros stichelt, „das Magazin war symbiotisch mit den Wartezimmern aller Freiberufler verbunden“ – muss aber anfügen, dass mittlerweile „die Künstler aus meiner Sammlung auf den Titelseiten“ sind.

„Art“ wird 25 – und da kann es sich Gründungs- und Dauer-Chefredakteur Axel Hecht nicht verkneifen, den Auftakt des 216 Seiten starken Jubiläumsheftes mit Glückwünschen zu füllen. Doch der Stolz ist berechtigt. Vor 25 Jahren war es nur eine Idee des damaligen, mit 29 Jahren überhaupt jüngsten Kulturchefs des „Stern“, Gruner + Jahr ein eigenes Kunstmagazin vorzuschlagen: „Zu unserem großen Erstaunen sagte der Vorstand Ja.“ Ganz so kinderleicht dürfte der Start allerdings nicht gewesen sein; immerhin gab es einen einjährigen Vorlauf, ehe im Oktober 1979 das erste Heft erschien. Der Beginn fiel denn auch dermaßen solide aus, dass von Kinderkrankheiten nie die Rede sein konnte. Legt man ein Heft aus dem aktuellen Jahrgang neben eines von 1979, fallen konzeptionelle Unterschiede kaum und gestalterische allenfalls nach dem zweiten Hingucken ins Auge.

Solche Kontinuität zahlt sich augenscheinlich aus bei einer Leserschaft, die sich doch andererseits stets erneuert haben muss, wenn die Verlagsangabe zutrifft, das größte Lesersegment stellten die 30- bis 49-Jährigen. Offenbar stimmt das Grundrezept, und zwar generationenübergreifend. Man nehme: aktuelle Informationen aus dem Kunstbetrieb, eine Titelgeschichte zwischen klassischer Moderne und Gegenwart, mische die anderen Kunstthemen ausbalanciert hinzu, starte gelegentlich eine mehrmonatige Serie, wage immer wieder einmal Ausflüge ins Unkonventionelle, um dann wieder an den Mehrheitsgeschmack der Leser anzuknüpfen und – in dieser Reihenfolge – Malerei, Skulptur und Fotografie vorzustellen, wohldosiert mit brandaktueller Kunst aller Gattungs-Mischungen garniert; dazu ein wenig Kunstgeschichte in Gestalt der Endlosserie der „Bildbefragung“ und nicht zuletzt den unverzichtbaren Ausstellungskalender. Und fertig ist die abgewogene Mischung, die einer stabilen Leserschaft von 65 000 Käufern – 50000 davon im Abonnement – mit insgesamt 510000 Lesern je Heft gefällt. 0,8 Prozent beträgt somit die Reichweite, bezogen auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands. Dass das Potenzial der Kunstfreunde damit weitgehend ausgeschöpft ist, darf man vermuten.

„,Art’ ist seit vielen Jahren das größte Kunstmagazin Europas“, vermeldet lakonisch das zufriedene Verlagshaus Gruner + Jahr. Das Blatt hat sie hierzulande alle überlebt: „Pan“ und „Die Kunst“, „Westermanns Monatshefte“ und die deutsche Ausgabe von „Connaissance des Arts“; aber auch die eher lifestyligen Magazine „Wolkenkratzer“ oder „Tempo“. Die sind nur noch Geschichte.

Garant der Kontinuität ist natürlich der Chefredakteur selbst. Axel Hecht, in diesem Jahr 60 geworden, ist von Hause aus Germanist und verdiente seine journalistischen Sporen bei der „Welt“, ehe er beim „Stern“ das Magazin-Handwerk erlernte. Im eigenen Blatt hält er sich bis auf das allmonatliche Editorial zurück. Hecht hat in seinem Führungszirkel immer auf vertraute Mitstreiter – gern mit „Stern“-Vergangenheit – gesetzt; umso größer fällt dafür die Fluktuation unter den Korrespondenten aus, denen „Art“ seinen stets gut recherchierten Nachrichtenteil verdankt. Aktionen, wie sie heutzutage zur Leser-Blatt-Bildung als unerlässlich erachtet werden, hat das Magazin von Anfang an unternommen; derzeit ist es die „art-Edition – exklusiv für unsere Abonnenten“. Ausflüge ins Metier der Macher waren wohl auch intern nicht ganz unumstritten, wie die 1982 mitveranstaltete Ausstellung „Zeitvergleich – Malerei und Grafik aus der DDR“, die die SED-Kulturpolitiker mit einem Grass-Vorwort zur Weißglut trieb. Das immerhin.

Publizistisch in Gestalt von „Specials“ eng verbunden hat sich das Magazin mit der alle fünf Jahre zelebrierten Weltkunstschau documenta, und das nicht nur, weil der frühere langjährige Hecht-Stellvertreter Alfred Nemeczek einst documenta- Sprecher war. Die Kasseler Mischung aus provokanter Aktualität und gesellschaftlicher Akzeptanz dürfte dem Kunstverständnis der Leser-Majorität trefflich entsprechen. Man ist informiert, man ist dabei, aber man weiß die wahre Kunst zu schätzen. Und man will mitreden. Für eine breite Leserschaft verständlich zu bleiben, ohne Abstriche an der Qualität, ist eine hohe journalistische Kunst – auch sie ein Schlüssel zum Erfolg. Weniger denn je ist ein Konkurrent in Sicht, der ihn dem Hamburger Haus und seiner „Art“ streitig machen könnte.

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