Medien : „Die Leichtigkeit ist weg“

Kann man in Israel barfuß laufen? Schauspielerin Iris Berben über Krimis, Gefühlskitsch, Martin Hohmann und ihr politisches Engagement

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Frau Berben, „Rosa Roth“ zu Weihnachten. Wird das weh tun?

Ich hoffe nicht. Weihnachten war immer eine gute Zeit für „Rosa Roth". Gerade weil wir eben nicht auf Gefühlskitsch setzen. Bei der Auswahl unserer Themen gehen wir sehr sorgfältig vor. „Rosa Roth" ist ja inzwischen ein Markenzeichen für ungewöhnliche Stoffe geworden, und wir können uns quotenmäßig nicht beklagen.

Diesmal geht es um Gehörlose. Krimis scheinen sich für soziale Themen besonders gut zu eignen.

Da könnten Sie Recht haben. Auch wir haben diesen Trick schon des Öfteren probiert. Und er wirkt. Denn am Ende geht es schließlich um die Frage: Wie kann ich die Zuschauer erreichen?

Wie stark bestimmen Sie „Rosa Roth"?

Alles ist Teamarbeit. Die Gefahr bei einer so erfolgreichen Figur wie Rosa Roth ist, dass man auf Nummer Sicher geht, nur um den Erfolg nicht zu gefährden. Aber ich habe glücklicherweise in meinem Regisseur Carlo Rola einen Komplizen gefunden, der wie ich versucht, immer wieder neu anzusetzen. Wir versuchen, die Dinge nicht beliebig zu machen. Das ist anstrengend - auch für andere. Aber der Erfolg hat bislang immer die Mühe gelohnt. Sechs, sieben Millionen Zuschauer schalten ein.

Dem Erfolgreichen gehört die Welt.

Da unsere Quote gut ist, kann ich aus einer angenehmen Position heraus mit den Sendern über Projekte verhandeln. So konnte ich mir einen Traum verwirklichen: Ich habe eine Dokumentation über Israel abgedreht, die zu Ostern im ZDF zu sehen sein wird.

Gibt es Absprachen unter den Sendern, wenn es um Krimis oder bestimmte Stoffe geht?

Überhaupt nicht. Da kann es dann passieren, dass, wie im letzten Jahr geschehen, kurz hintereinander drei Filme das Thema Kindesmisshandlung behandeln. Das kann mich schon auf die Palme bringen.

Wer ist eigentlich diese Rosa Roth?

Ich kann Ihnen sagen, was sie nicht ist: eine einsame Kämpferin, eine Heroine, eine Antwort auf alle Fragen dieser Welt. Wir versuchen, so nah an der Wirklichkeit zu bleiben wie nur möglich. Das hat uns sogar Lob von der Polizeigewerkschaft eingetragen. Rosa Roth ist eine Frau in meinem Alter, also 53 Jahre alt, eine Mutter, eine Frau, die sich engagiert. Eine Frau, die sehr oft auch mit den Tätern fühlt, weil sie sie zum Teil verstehen kann. Denn wo sollen sie hin mit allen ihren Aggressionen in einer Welt, die ihnen keine Räume lässt?

Sie engagieren sich sehr stark für Israel und jüdische Themen. Was würden Sie den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann fragen, wenn Sie ihn träfen?

Mir wäre wichtig zu wissen, was sein Ziel ist. Will er die Gesellschaft umformen, was will er? Der Mann hat sich ja sehr bewusst geäußert. Vielleicht ist es politisches Kalkül. Mich hat erschreckt, wie nach der Entscheidung von CDU-Chefin Angela Merkel, Herrn Hohmann aus der CDU-Bundestagsfraktion auszuschließen, als erstes gefragt wurde, welche Folgen das für die CDU haben könnte. Ich finde, die entscheidende Frage ist doch, ob ich diese Leute in meiner Partei haben will oder nicht.

Martin Hohmann hat eine zweite Chance gefordert. Hätte er sie bekommen sollen?

Nein. Er ist ja kein Ersttäter. Er wusste genau, was er tat. Sich einfach nur zu entschuldigen, wie es so viele vor ihm getan haben, die Ähnliches geäußert haben, das reicht mir nicht.

Sie nehmen stark Partei für Israel. Spüren Sie dabei zunehmenden Gegenwind?

Ich will erreichen, dass nicht vergessen wird. Wenn Sie wie ich mit einem jüdischen Mann zusammen leben und seit 35 Jahren regelmäßig Israel besuchen, dann bekommen Sie ein anderes Verhältnis zu Israel und den Juden. Ich wünschte mir, dass die Menschen hier mehr wüssten über Israel und sich nicht nur mit Schablonen begnügten.

Sie waren für Ihre Dokumentation sechs Wochen in Israel. Sie haben einmal gesagt, in Israel könnten Sie barfuß laufen. Ist das immer noch so?

Die Leichtigkeit ist weg. Ich gehe heute eher wie auf Glas. Aber es gibt in Israel auch so etwas wie eine Trotzreaktion auf all das Leid. Die Restaurants sind immer voll, trotz aller Attentate. Natürlich merkt man die Müdigkeit und die Traurigkeit der Menschen. Aber alle Menschen, die ich getroffen habe, von Simon Peres bis zum ganz gewöhnlichen Busfahrer, haben mir den Eindruck vermittelt, leben zu wollen. Vor allem: in Frieden leben zu wollen. Das Problem ist: Israel verkauft sich nicht gut. Was immer wir hier in Europa zu sehen bekommen, es ist immer weniger als das halbe Bild.

Und die Palästinenser?

Eine politische Dokumentation über die Lösung dieser Frage müssen andere, berufenere Leute drehen - und tun es ja auch. Mich interessierte ein Psychogramm des Judenstaates. Wie fühlen sich die Israelis abseits der täglichen Nachrichten?

Nimmt man Ihnen Ihr Engagement übel?

Es gab und gibt immer wieder unappetitliche Beschimpfungen. Ich habe zuerst nicht begreifen können, was diese Menschen wollten. Es hat mich vollkommen ratlos gemacht. Aber langsam trauen sich auch Menschen ins Rampenlicht, die mir schreiben, wie falsch ich doch läge und die mein Bild korrigieren wollen. Diese Menschen machen mir mehr Angst als die einfachen Geister, die nur beleidigen. Weil sich dahinter etwas verbirgt, dessen Konturen wir nur ahnen können.

Sie sind in der letzten Zeit verstärkt in die Öffentlichkeit gegangen. Das war nicht immer so.

Weil ich Angst hatte, in eine Vermarktungsmaschinerie zu geraten. Ich weiß, wovon ich rede. Ich wollte anfangs nicht, dass etwas so Privates wie mein Engagement öffentlich würde. Aber ich habe gelernt, dass man durch Popularität auch etwas transportieren kann. Wenn dann noch eine gewisse Glaubwürdigkeit hinzu kommt, dann kann man durchaus auch etwas erreichen. Eine Haltung vorzugeben ist etwas anderes, als eine Haltung zu leben.

Sie haben für Ihr Engagement Preise bekommen, unter anderem den Leo-Baeck-Preis.

Preise sind schön und gut. Aber ich will nicht etwas Besonderes sein oder dazu gemacht werden. Ich will auch kein Vorbild sein. Was ich tue, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Das Interview führte Joachim Huber.

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