Medien : Die Liebenden von Gotteszell

„Himmelreich auf Erden“: mutiger ZDF–Film mit Christiane Paul

Thilo Wydra

Einmal erzählt sie ihm von der chinesischen Prinzessin Turandot, die wunderschön gewesen sein soll. Wer sie erobern wollte, musste drei Fragen richtig beantworten. Er durfte keine Angst vor der Liebe haben, andernfalls: Kopf ab! Liebe, die kann gefährlich, ja sogar tödlich sein. An einer wahren Liebe kann man sterben. Davon erzählt sie ihm. Und eigentlich spricht sie dabei über sich selbst.

Sie, das ist die junge Neuropsychologin Julie Stiller (Christiane Paul), die sich nunmehr um den 18-jährigen Robert „Baba“ Rutzmoser (Frederic Welter) kümmert. Und ihm erzählt sie von Turandot. Ihm, der er vor Monaten einen schweren Autounfall hatte, nachts, nach der Disco auf dem Land. Eine Freundin kam dabei ums Leben. Ihn nun wieder ins dörfliche Leben im bayerischen Gotteszell einzugliedern, ihn überhaupt wieder ins Leben zurückzuführen, das ist Julies große Aufgabe.

Baba leidet noch immer unter Amnesie, lebt mehr in seinen Phantasien denn in der Wirklichkeit, und ist seither auch körperlich behindert. Er verliebt sich in die schöne Julie, wartet auf sie Tag für Tag, hört die Puccini-CD, die sie ihm gab, träumt sie sich herbei. Doch Julie hat ganz andere Probleme: Sie lebt zwar mit Roland (Wotan Wilke Möhring) zusammen, der soeben seinen Doktor gemacht hat, doch heimlich trifft sie sich auch mit dem deutlich älteren Fotografen Max (Günther Maria Halmer) – eine ménage à trois, ein Gang auf dünnem Eis, das früher oder später einbrechen wird…

„Himmelreich auf Erden" (ZDF, heute, 20 Uhr 15) ist in gleich mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Film, ein Wagnis, gewiss. Das fängt allein mit dem Umstand an, dass das ZDF sein Nachrichten-Flaggschiff, das „heute-journal", um zehn Minuten verschiebt, da man diesen Film nicht in ein übliches Format pressen wollte. Nein, man entschied sich, es bei der Laufzeit von 100 Minuten zu belassen und somit die montägliche Programmabfolge über Bord zu werfen. Ein Film, dem dies gelingt, ist allein schon aus diesem Grund etwas Besonderes, er kann nicht ganz so sein wie die anderen. Und das, was Regisseur Thorsten C. Fischer („Der Briefbomber“, „Sperling und das Spiel gegen alle") da hinlegt, ist in der Tat außerhalb gängiger Normen, bewegt sich fast schon auf Dominik-Graf-Niveau, ist eine visuell bunte, wilde, schräge, absurde Genre-Mixtur aus Liebesgeschichte, Sozialdrama, Heimatfilm und Phantasien-Groteske (Kamera: Theo Bierkens). Apropos: Drehbuchautor Günter Schütter („Der Skorpion") ist im Übrigen just Grafs langjähriger Co-Autor.

Dass das Ganze dennoch nicht durchgehend aufgeht, die Groteske leider so manches Mal der Love-Story die Momente stiehlt, steht auf einem anderen Blatt. Mutig und wichtig ist der Film trotzdem, zumal in der öffentlich-rechtlichen Primetime. Und natürlich nimmt Christiane Paul in ihrer charmanten Natürlichkeit abermals die Zuschauer für sich ein. Ihre schöne Julie ist genau von der inneren Zerrissenheit, von der sie unfreiwillig Baba erzählt. Julie muss sich entscheiden, steht zwischen den Stühlen, und eigentlich hat sie einfach nur Angst, sich fallen zu lassen. Eine Versicherung gegen Liebesschmerz gibt es nicht. Ihr ganzes Leben ist ein Kompromiss, eben jener zwischen Roland und Max.

Und beide, Julie und Baba, drohen sie an ihren Lieben zu zerbrechen. Auch und gerade davon handelt Thorsten C. Fischers Film, der sogar den Mut hat, mitunter explizit kitschig zu sein, so etwa beim himmelhochjauchzenden, zu Tode betrübenden Ende. Ein ungewöhnlicher Film eben.

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