Medien : Die Macht sei mit ihr!

Reich gesegnet: Elke Heidenreichs „Lesen!“ ist ein Hyper-Buchbeschleuniger

Marius Meller

Die Literaturwelt hat ihn endlich wieder: den ultimativen Literaturverstärker, den Buchbeschleuniger mit todsicherer licence to sell. Als Ende 2001 das „Literarische Quartett“ seine kritischen Geigenkästen ein für alle mal zuklappte, beklagte man das Ende einer glorreichen literarischen Fernsehepoche: Mit den denkbar einfachsten und im Grunde unpopulären Mitteln – vier gebildete Menschen, die eine knappe Stunde über Bücher reden – hatte die Literatur im Fernsehen endlich eine Form gefunden, war man nicht zuletzt intelligent unterhalten worden. Aber die Leute vom Fach – Autoren, Buchhändler und Verleger – hatten noch etwas ganz anderes verloren, nämlich ein perpetuum mobile des Buchverkaufs. Eine Empfehlung im Quartett bedeutete mindestens 15000 verkaufte Exemplare, meist viel viel mehr. Sogar nach einem Verriss konnte man noch mit über 5000 rechnen.

Die zwei Jahre bis zum Start von Elke Heidenreichs „Lesen!“ im Mai herrschte diesbezüglich Flaute. In gewisser Hinsicht war die Luft raus aus dem Literaturbetriebsspiel. Zwar experimentierte das öffentlich-rechtliche Fernsehen munter weiter mit diversen neuen Literatur-Formaten, aber keines erreichte auch nur annähernd die Quote und schon gar nicht die Wirkung auf den Buchverkauf. Man vermisste die glühenden Augen der Verlagsleute und der Autoren, die vorab wussten, dass ihre Bücher im Quartett besprochen würden. Ein bisschen war es so, als würde im Lotto nur noch Spielgeld ausgeschüttet.

„Das hat ja gut geklappt, Sie haben mir wirklich geglaubt, was ich Ihnen empfohlen habe“, strahlt Elke Heidenreich zu Beginn ihrer zweiten Sendung am Dienstagabend in die Kamera. Eine Schelmin, wer da bescheiden wäre. Tatsächlich sind alle drei von Heidenreich in der ersten Sendung vorgestellten Bücher gleich am darauf folgenden Montag auf der „Spiegel“-Bestsellerliste gelandet – und halten sich seitdem dort. Zwei davon besetzen diese Woche die beiden Spitzenplätze, die verkaufte Auflage klettert bei einem der Bücher sogar stetig über die magische Marke von 100 000 Exemplaren.

Das Wunder des Buchverkaufs korreliert mit dem Wunder der Reichweite: Hatte die erste Sendung sensationelle 2,45 Millionen Zuschauer – wohl wegen der Gast-Leseratte Harald Schmidt – so waren es am Dienstag überaus ansehnliche 1,85 Millionen. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Heidenreich wieder ein attraktives Quoten-Zugpferd in ihr alternatives Kölner Kinderzirkus-Studio geladen (und man fragt sich, wie das noch zu steigern wäre, wohl nur mit dem Bundeskanzler oder dem wirklichen Papst).

Aber das Gipfeltreffen mit dem Großkritiker im Ruhestand machte nicht nur symbolisch Sinn. Einerseits diente es natürlich der spirituellen Übertragung der Literaturpapst-Aura auf Heidenreich, die nun inthronisierte neue Päpstin Elke. Andererseits war es einfach ein besonders geistreiches und unterhaltsames Gesprächsduo: Zunächst beginnt der 83-jährige MRR, offensichtlich in Bestform, sein altbewährtes Monologisieren. Heidenreich wartet höflich ein Weilchen, schaut dann aber kurz ins Publikum und fängt entschlossen an, Ranicki aus der Reserve zu locken: Die Hauptfigur in dem von MRR vorgestellten Roman sei doch im Grunde ein „ekelhaftes Bürschchen“ – „Nun ja, errr ist Jourrrnalist…“ Und während das Hochamt von Papst und Päpstin aufblüht wie ein Pfingstwunder, während er sie eindringlich mit „Liebste“ anredet (und sie ihn mit „mein Lieber“), währenddessen wird deutlich, wie wichtig der Gast in der Sendung ist. Ohne Widerpart würde Heidenreich nur ex cathedra, aus ihrem päpstlichen Medienkörper sprechen, und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sich eine berechenbare Routine von Kaufbefehl und Kaufgehorsam einstellte.

Heidenreich bemüht sich erfolgreich, in jeder Hinsicht ein Gleichgewicht herzustellen: Sie empfahl diesmal die vielbändige Ausgabe des Riesenwerks „Das magische Labyrinth“ des lange unbeachteten Schriftstellers Max Aub über den Spanischen Bürgerkrieg – gegenüber den schlichteren Titeln vom letzten Mal ziemlich harte Lesekost. Spätestens mit diesem eindringlichen Buchtipp hat sie sich in die Herzen auch des intellektuellen Publikums hineinempfohlen.

Noch nie hatte ein Literaturkritiker in Deutschland so viel mediale Macht wie die neue Päpstin Elke. Es sieht aber so aus, als sei die Macht bei ihr in guten Händen.

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