Medien : Die Magie von Turin

Markus Ehrenberg

Bruno Morawetz und sein flehentlicher Ruf nach einem vermissten deutschen Skilangläufer: „Wo ist Behle?“ Katharina Witt im Eiskunstlaufen, das schönste Gesicht des DDR-Sports. Der Eishockeysieg der US-Amerikaner im Finale gegen die große UdSSR. Alles magische Momente des Olympischen Wintersports aus den 80er Jahren. Unvergessene Bilder, auch über den Bildschirm. Am Wochenende haben wieder Olympische Winterspiele begonnen. Zwei deutsche Überraschungssieger, Michael Greis und Georg Hettich. „Goldrausch im Zweiten!“ Ein Glückstag fürs ZDF, das den ersten Wettkampftag übertragen durfte. Doch wie sehr sich Steinbrecher, Poschmann & Co. auch mühten, das Märchen, die Sensation medial herüberzubringen – es ist nur schwer vorstellbar, dass sich Bilder wie die mit Greis und Hettich dauerhaft ins Gedächtnis brennen. Woran das liegen mag? Es gibt eigentlich keinen Grund dafür. Olympia ist Fernsehzeit. Live-Übertragungen, Vorberichte, Nachberichte, Gewinnspiele, vier Interviews mit demselben Sportler, Antwort-Phrasen, über den Tag verteilt, italienisch Kochen im Ersten, Olympia-Glossen im Zweiten, am Rande pflichtschuldig das Thema Doping – das will alles gesendet sein.

Vielleicht sind 14-Stunden-Übertragungen einfach zu lang. Vielleicht gibt es mittlerweile zu viel olympische Wettbewerbe, die von zu vielen Sendern übertragen werden. Eishockey-Vorrundenspiele der Frauen oder die Qualifikation im Freestyle-Buckelpisten-Rennen – die tun’s auch auf Eurosport. Unentwegt wird der olympische Geist beschworen. Irgendwann ist die Luft raus. Andererseits: ARD und ZDF haben viel Geld für Übertragungsrechte bezahlt und hunderte von Mitarbeitern in und um Turin einquartiert. Die müssen beschäftigt werden. Auch die so genannten „Experten“. Ein Phänomen. Es werden immer mehr. Man denkt: Wenn ich noch mal auf die Welt komme, werde ich umgehend Fernseh-Experte. Aber nur bei Sommerspielen.

Was war noch am ersten Olympia-Wochenende? Waldemar Hartmann im Dauereinsatz, abends Witze neben Harald Schmidt, der sensationell laufende, medial jedoch ziemlich spröde Georg Hettich („Olympiasieger? Ich dachte, das gibt’s nur im Fernsehen“) und – Michael Steinbrecher. Der musste samstags kurz vor acht im Studio auf die Siegerehrung für Michael Greis warten: „Ich zähle die Sekunden, zehn, neun, acht, sieben …“ Man dachte sich schon: „Wo ist Medaille?“ Doch noch ein magischer Moment – als Simulation. Nicht wie damals, 1980, in Lake Placid, als der 19-jährige Jochen Behle, vorm Langlaufgott Juha Mieto in Führung liegend, dem Fernsehbild entschwand.

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