Medien : Die Mainzelmännchen: Gunaaaahmd!

Kerstin Kohlenberg

Wie die sich wohl anfühlen? Klein und rund, mit einem großen Kopf. Und eins, zwei, drei, vier Finger haben sie nur! Auch Haare fühlt man nicht, nur - sind das Zipfelmützen? Und ob sie quietschen wenn man auf sie drauf drückt? Gunaaaahmd!

Niedlich sind sie, die Mainzelmännchen, harmlos und glücklich. Sie hängen sich zum Beipsiel gerne gegenseitig an einer Wäscheleine auf und kichern dann wie blöde. Obwohl, damals, beim Eishockeyspiel in Hintergugelhampfing gegen den VFL Puck, da haben sie auch mal ganz schön heftig gefoult. Aber als sie ihren Gegnern nach dem Spiel anboten, die winzigen Trikots zu tauschen, hatten sie wieder alle Herzen auf ihrer Seite. Die Mainzelmännchen sind so eine Art Kreuzung zwischen Happy Hippo und Überraschungsei. Nur viel älter.

Die Welt der Mainzelmännchen ist rätselhaft. In Zeiten von Reality-TV und fehlenden Duschvorhängen sehen Sie aus wie spießige deutsche Gartenzwerge, aber die Zuschauer mögen sie. Ihre Späßchen sind betulich und bieder, aber keiner möchte auf sie verzichten. Sie leben in einer Welt der Dreijährigen, in einer Zeit, in der die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen von Belang ist. Was also ist das Geheimnis der Mainzelmännchen?

Uwe Gerlach sitzt mit seinem Chef-Zeichner vor dem Fernseher. Sie sehen sich die neue Mainzelmännchen-Staffel an. Gerlach, ursprünglich Kostümbildner, hatte sich die sechs Spassstumpen 1963 zur Gründung des ZDF ausgedacht. Er arbeitete damals als Filmarchitekt bei der Neuen Filmproduktion Franz Thies. Dort schnappte er auf, dass die Mitarbeiter des ZDF, die vor dem Sendestart am 1. April 1962 wie die Wilden arbeiteten, überall "die Mainzelmännchen" hießen. Zwei Wochen später schleppte Gerlach sein Mainzelkonzept zum damaligen Intendanten Karl Holzamer. Der war begeistert, die Sache war geritzt. Gerlach wurde beauftragt, innerhalb von sechs Wochen mindestens fünfzig Spots abzuliefern. Er schaffte 42. Die Mainzelmännchen gingen trotzdem auf Sendung. Zwei Jahre lang in schwarz-weiß, ab 1966 bunt.

1978 wurden die Mainzelmännchen zum ersten Mal überarbeitet. Sie wurden noch knubbeliger und noch optimistischer. 1993 schließlich wurden sie aus ihrer Mainzer Kollektiv-Identität befreit: Jeder bekam ein eigenes Hobby und Edi und Fritzchen mussten ihre Mützen abgeben. Edi trägt seitdem eine rote Lola-rennt-Frisur, Fritzchen Stirnband und kurze Hose. Blanke Knie, mehr Erotik ist nicht. Nur mit ihren vier Fingern müssen sie weiter zurechtkommen. "Die haben wir uns von Disney abgeguckt", sagt Gerlach.

Der Eishockey-Film ist noch in der Zeit vor den Überarbeitungen entstanden, erzählt Gerlach. Damals, 1970, hatten sie die Idee, die Mainzelmännchen vor einem realen Hintergrund spielen zu lassen. Sie nahmen Ausschnitte aus einem Eishockey-Spiel, drehten einige Sequenzen mit den Spielern nach und montierten die Mainzelmännchen hinein. Zweieinhalb Minuten war der Film lang, Kommentator des Spiels war Harry Valérien. Das war zu einer Zeit, als die Mainzelmännchen in den Programmzeitschriften noch ausgedruckt wurden und Gerlach drei Sekretärinnen beschäftigte, um die Autogrammwünsche abzuarbeiten.

Gerlach lässt den Videorekorder weiterlaufen. "Die Filme sind in den letzten Jahren kürzer geworden", sagt er und deutet auf den Fernseher. Länger als eine Minute ist heute keiner mehr. Und auch die kurzen Trenner zwischen den Spots sind von acht Sekunden auf eine geschrumpft. Es bestand die Gefahr, dass die Werbung zur Nebensache wurde. Aus diesem Grunde dürfen die Zwerge auch nur quietschen und nicht sprechen. Die Pausenclowns sollen Pausenclowns bleiben.

Die Filme werden dennoch immer aufwändiger. Gerlach findet die neue Mainzelmännchen-Staffel zum Thema Krimi großartig. Die Hintergründe wurden ausgemalt, und die Mainzelmännchen haben zum ersten Mal richtige Schatten.

Viel hat der 72-Jährige mit der Produktion nicht mehr zu tun. Er liefert noch Ideen und kommt einmal im Monat, um sich die neuen Filme anzuschauen. Die Hauptverantwortung hat Gerlach an den 13 Jahre jüngeren Chefzeichner Jürgen König abgegeben. Was Gerlach an dessen Kapriolen nicht so gut gefällt, ist ihre Erzählweise. Sie ist ihm zu schnell. Ob da der Zuschauer nicht überfordert sei, fragt er König. Aber der ist sich sicher, dass die Kinder von heute durch Videospiele und Computer an eine ganz andere Geschwindigkeit gewöhnt sind. "Naja" sagt Gerlach, "zu meiner Zeit haben wir auch noch Märchen gemacht, ich bin doch ein paar Generationen zurück."

Heute kickboxt eines der Mainzelmännchen sogar, um den Bösewicht, die schwarze Hand, zu erledigen. Heile Welt sei für ihn kein Schimpfwort, sagt Gerlach, die jungen Leute seien da heute wohl allerdings anders.

Das ZDF ist da ganz auf Gerlachs Linie, und will, dass die Mainzelmännchen so bleiben wie sie sind. "Sie werden niemals farbige Rapper aus der Bronx werden", sagt Walther Kehr, Sprecher des ZDF. Sie sollen vertraut und sympathisch wirken und für die ZDF-Tradition stehen. "Auf die Älteren, die mit dem ZDF aufgewachsen sind, wirken die Männchen sehr positiv", sagt Guntram Bay von der Werbeforschung des ZDF. "Für die Jüngeren sind sie dagegen kaum noch von Bedeutung." In der letzten ZDF-Erhebung von 1990 haben noch 93 Prozent der Zuschauer erklärt, dass Werbung ohne Mainzelmännchen undenkbar sei. Eine neuere Studie gibt es nicht. Und die Werbungtreibenden, was sagen die dazu? "Das ZDF liefert uns die älteren Zuschauer", sagt der Werbeplaner Thomas Koch. "Gehobenes Bürgertum, mit guter Bildung. Die sehen sehr selektiv Fernsehen. Damit sind sie für uns ohnehin sehr schwer zu erreichen." Daher schaltet er im ZDF hauptsächlich Werbung für Medikamente oder Nahrungsmittel. "Wenn die Begeisterung der Werbeindustrie für die 14- bis 49-Jährigen weiter so anhält, dann könnte das ZDF in eine große Sackgasse laufen", sagt Koch.

Das ZDF hält an den Mainzelmännchen aber nicht nur als ZDF-Symbol fest, sondern hat mit ihnen noch mehr vor. Die Zwerge sollen nicht mehr nur zwischen Spinat und Aspirin herumturnen, der Sender plant sogar ein regelmäßiges Kinderprogramm mit ihnen. Ein festes Konzept gibt es jedoch noch nicht. "Früher", seufzt Gerlach, "ging das alles viel schneller. Heutzutage muss hingegen jede Idee über hundert Schreibtische."

Das Geheimnis der Mainzelmännchen? Das sind ihre Fans. Fernsehgucker, die sich mit dem Schlachtruf "Gunaaaahmd!" an ihre Kindheit zurückerinnern. An eine heile Welt, die sie eisern gegen Reality-TV, schrille Modetrends, Krawall-Talkshows, Werbeterror und Privatfernsehen verteidigen.

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