Medien : Die Melancholie der Hansestadt

Atmosphärisch eindrucksvoller „Polizeiruf 110“ über einen Mord in Wismar

Barbara Sichtermann

Wäre man von Beruf Polizist, sähe man die Welt wohl ähnlich: Nahe wären einem die familiären Sorgen, das Revier, das Büro, die Stadt und die Kollegen. Käme ein neuer Mann hinzu, wäre der ohnehin Thema Nr.1. Wie sich mit jemandem arrangieren, der ganz anders tickt als man selbst und obendrein ein wenig undurchsichtig wirkt? Ganz zuletzt käme dann der Mordfall, eine Arbeit, die man machen muss, aber eigentlich nicht wirklich im Vorderkopf hat. So gesehen sind der „Polizeiruf 110“ als Serie und insbesondere die neue Folge mit dem Titel „Matrosenbraut“ (Regie: Christine Hartmann) ziemlich realistisch.

Nicht nur das Buch (Beate Langmaack) legt den Schwerpunkt auf die schwierige Beziehung zweier Kommissare, die wegen des Abgangs des Kollegen Törner (schade, dass er weg ist: Henry Hübchen) zusammenarbeiten müssen und dabei immer wieder scheitern. Auch die Kamera (Alexander Fischerkoesen) hat keine Lust auf Verbrecherjagd, wo sie doch die vergrübelten Gesichter ihrer Protagonisten, die Ostsee, die Städte Rostock und Wismar, die Fischerboote, ein romantisch verfallenes Behelfsbüro und das Ozeanische Institut hat, die allesamt fantastische Bilder liefern. Kommissar Hinrichs, eigentlich aus Rostock (Uwe Steimle), und der Neuzugang Tellheim (Felix Eitner), vormals Wasserschutzpolizist, stapfen so desorientiert wie fotogen durch reizvolle Stadtlandschaften Wismars, einander fremd, zunächst fast feindselig („Mein Gott, ich kann so nicht arbeiten!“) und erst allmählich sich gegenseitig wahr- und ernst nehmend. Das Zusammenspiel zwischen dem pedantischen Aktivisten Hinrichs und dem verschlossenen Melancholiker Tellheim ist wunderbar anzusehen. Man hat seine Freude an diesen lebensechten Unglückswürmern, die vor der zärtlich abgelichteten Kulisse einer aus der Zeit gefallenen alten Hansestadt ihren Dienst schieben und Ermittlungen anstellen, die in Sackgassen führen. Und man rechnet eigentlich damit, dass die Akte „Caroline“ (so heißt das aus dem Meer gefischte Mordopfer) irgendwann ergebnislos geschlossen und vergessen wird.

So wäre es in der Wirklichkeit wohl geschehen, denn der Hintergrund dieser Mordtat bleibt bis ganz kurz vor Schluss dunkel. Aber wir sind ja nun doch im Fernsehen, und so muss Kommissar Zufall eingreifen und Hinrichs und Tellheim auf die richtige Fährte schicken. Es bleibt aber dabei, dass dieser Film seine Helden, die beiden Bullen, weniger als Verbrecherjäger denn als einsame Streuner porträtiert, die ungewollt miteinander zu tun kriegen, mühsam ihre Routine ableisten, eher täppisch mit ihren Indizien und ihren Verdächtigen umgehen und dabei in ihrer Verlorenheit und ihrem „Was-mach-ich-hier- eigentlich?“-Gefühl manchmal echt komisch sind. Bezaubernd die Szene in der Fisch-Feinkost-Fabrik, in der Hinrichs die Kolleginnen des Opfers ein zweites Mal befragt und die beiden Frauen, während sie Rollmöpse wickeln, vor lauter Kichern über den steifen, korrekten Herrn von der Polizei, der nicht mal vom Fisch kosten will, kaum ein Wort rausbringen.

Von diesen Seitenblicken auf die Realität im öfter fast menschenleeren Wismar und in die Gesichter der ratlosen Bullen lebt der schön durchkomponierte Film. Zum Schluss gibt es dann so etwas wie einen Showdown, tja, und die vom Drehbuch angebotene Lösung kaufe, wer mag. Aber wenn es schließlich so weit ist und man eine Verwicklung akzeptieren soll, der jegliche Wahrscheinlichkeit abgeht, ist man längst für diesen Film eingenommen: seiner Atmosphäre, seiner Bilder, seiner Bullen wegen. Was schert einen die Akte „Caroline“.

„Polizeiruf 110: Matrosenbraut“,

Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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