Medien : „Die Meute hatte ein Opfer gefunden“

Hauptstadtjournalist Hans-Ulrich Jörges über die Abwahl von Kurt Beck, Medienkampagnen, Gerhard Schröders Zigarren und – Hauptstadtjournalisten

Herr Jörges, Kurt Beck sieht sich als Opfer einer Medienkampagne. Hat er recht?

Er ist Opfer geworden von Widersachern in der eigenen Partei. Aber die Medien hatten einen großen Anteil dabei, ihn so zuzurichten, dass er abgeschossen werden konnte.

Gab es nun eine Medienkampagne oder nicht?

Es gab eine: im Frühsommer. Und zwar eine, wie ich sie so oder ähnlich nicht in Erinnerung habe. Das war einmalig. Es gab zwar auch eine ausgeprägte Kampagne gegen Helmut Kohl. Aber im Unterschied zu Kurt Beck konnte sich Kohl immer auf Medien stützen, die treu zu ihm standen. Beck hatte am Ende niemanden mehr, der ihn verteidigt hat. Er stand ganz alleine da.

Passt der Begriff Medienkampagne überhaupt für das, was Beck erleben musste?

Nicht, wenn wir von einem organisierten und zentral gesteuerten Verhalten reden. Da führte keiner Regie, den großen, dunklen Hintermann gibt es nicht. Im Falle von Kurt Beck gab es ein gleichgerichtetes Verhalten der Medien, da kamen viele unterschiedliche Interessen zusammen. Die Meute, wie ich sie einmal genannt habe, hatte ein Opfer gefunden. Viele Kollegen haben sich meutenhaft verhalten, weil sie glaubten, dass es angesagt wäre. Das war im Frühsommer so, als es zum ersten Mal gegen Kurt Beck ging. Und das war jetzt nicht viel anders.

Gab es einen konkreten Anlass für die Meute, sich auf Beck zu stürzen?

Alles hat mit Becks politischem Kurswechsel hin zu den „Linken“ begonnen. Da gab es sehr starke Interessen, Beck anzuschießen. „Bild“ und „FAZ“ haben da zum ersten Mal das Schießen geübt. Das war damals eine politische Kampagne. Dazu kam, dass auch manche in der SPD mit Beck unzufrieden waren. Er war ein grauenhafter Redner, hat die Partei zum Schluss nicht mehr geführt und war so dünnhäutig und waidwund geworden, dass er erkennbar am Ende war. Sein Selbstbewusstsein war pulverisiert.

Was hat Kurt Beck falsch gemacht?

Sein größter Fehler war, nicht in Berlin präsent gewesen zu sein. Nicht so, wie es der Bundesvorsitzende einer Regierungspartei tun müsste. Dazu kam ein sich über Jahre hinziehender Machtkampf mit Franz Müntefering. Und nicht zu vergessen: Die meisten Journalisten, die sich mit der SPD beschäftigen, sind im Kielwasser der SPD-Politiker geschwommen, die in Berlin das Sagen haben. Und am Ende Kurt Beck los haben wollten.

Eine geplante, gesteuerte Medienkampagne gab es also nicht. Könnte es sie denn überhaupt jemals geben?

Das wird zwar von Politikern immer wieder gern behauptet, vor Kurt Beck hat das zum Beispiel Gerhard Schröder getan. Ich bin da skeptisch. Ja, es gibt zum Beispiel in Wahlkämpfen Medien, die sich zum Diener einer politischen Richtung machen. Im Fall von Kurt Beck lässt sich allerdings eindeutig sagen: Eine Kampagne hat es nicht gegeben.

Aber eine allgemeine Stimmung gegen ihn schon?

Die Meute hatte die Fährte längst aufgenommen, das ist wahr. Arroganz, Dünkel, Herablassung – Beck hatte viel zu ertragen. Die Hauptstadtjournalisten gingen zu dem Provinzler auf Distanz, den der Historiker Hans-Ulrich Wehler nun sogar in einem Buch einen „pfälzischen Waldschrat“ genannt hat – eine lupenreine Beleidigung, und das Ergebnis dieser medialen Zurichtung. Beck hat die Hauptstadtjournalisten immer wieder zu sich nach Rheinland-Pfalz eingeladen und zu Wein- und Schlachtfesten mitgenommen. Er hat gar nicht begriffen, was er damit anrichtete. Die medialen Vertreter der Hauptstadtkultur haben ihn danach nur noch als den Hinterwäldler aus der Pfalz gesehen. Dabei wollte Beck es nur gut machen und zeigen, wie nahe er den Menschen ist. Aber je mehr er das versuchte, desto schlimmer wurde es. Die Kollegen haben miterlebt, wie Beck „Schnüffel“ aß, Schweineschnauze. Das war für viele des Guten zuviel.

Was lernen wir daraus?

Dass man Hauptstadtjournalisten, die ja nicht ganz unwichtig sind, wenn es um das Bild eines Politikers in der Öffentlichkeit geht, so auf keinen Fall kommen darf. Insbesondere dann nicht, wenn sie keine Angst und damit keinen Respekt mehr vor einem haben. Wäre Beck Mitglied der Bundesregierung gewesen, dann wäre ihm nie passiert, was ihm passiert ist. Die Kollegen wären mit ihm viel vorsichtiger umgegangen, weil er über ein Droh- und Furchtpotenzial verfügt hätte. Er hätte in diesem Quadratkilometer Wahnsinn, in dem sich das politische Berlin abspielt, seine Macht ausspielen können. Aber weil er in Mainz saß, konnte man ihn viel leichter fertigmachen. Am Ende wurde sogar noch seine Klage über unfaire Behandlung gegen ihn gewendet. Man suchte nur noch, was man finden wollte: Unsägliches.

Wir lernen: Hauptstadtjournalisten nehmen übel, wenn man sie mit Schweineschnauzen abspeist. Und: Wenn Politiker „Medienkampagne“ rufen, dann ist das immer ein Ablenkungsmanöver.

Vielleicht nicht immer, aber sicher in den allermeisten Fällen. Im Falle Beck war es jedenfalls keine gesteuerte Kampagne. Was die Schweineschnauzen angeht: Das ist ein kulturelles Problem. Wenn man als Journalist hier in Berlin am Prenzlauer Berg oder in Charlottenburg lebt, dann kann man mit einfachen Holzbänken irgendwo in der Provinz, und mögen sie auch noch so romantisch sein, nicht viel anfangen. Da treffen zwei Welten aufeinander, die sich nichts zu sagen haben und sich nicht verstehen. Das Komische ist, dass genau dieses Provinzielle Kurt Beck am Anfang noch Pluspunkte eingebracht hat, am Ende aber gnadenlos gegen ihn gewendet wurde.

Kurt Beck hat sich selbst als Opfer angeboten. Und die Meute hat zugebissen.

Beck hat offenbar bis zum Schluss nicht verstanden, was er selbst zu dem Ganzen beigetragen hat. Sein Versuch, die Meute mit pfälzischer Gemütlichkeit beeindrucken zu wollen, war das Verkehrteste, was er tun konnte.

Beck hätte nicht den schlauen Bauern geben sollen, sondern den Cäsar.

Wer den Bauern gibt, egal ob schlau oder nicht, der kommt in Berlin nicht weit. Erwin Huber von der CSU zum Beispiel, ein Mann, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat, wurde auf einer Pressekonferenz in Berlin, nachdem er eine halbe Stunde zu einem Thema referiert hatte, von einem Journalisten gefragt, ob er das Ganze noch einmal „in vier klaren deutschen“ Sätzen sagen könne. Das war eine grobe Unverschämtheit. Zeigt aber, wie schwer es ein Politiker hat, der aus der Provinz kommt. Provinz hat es in Berlin schwer. Und wird es in Zukunft noch schwerer haben.

Einer aus der Provinz kann es in Berlin nicht schaffen?

Es müsste eine ganz besondere Figur sein mit ganz besonderen Fähigkeiten, eine sehr starke Figur. Ich sehe da im Moment niemanden auf der politischen Bühne. Wer nach Berlin kommt, dem bleibt nur eines, wenn er eine Chance haben will: Er muss die Provinz hinter sich lassen. So wie Gerhard Schröder, der Zigarren geraucht hat und statt Moselschoppen teuerste italienische Rotweine verkostete. Schröder war kulturell aufgerüstet, als er nach Berlin kam. Wer weiß, was sonst aus ihm geworden wäre.

Sitzt die Journaille immer am längeren Hebel?

Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass jemand, der die Erwartungen nicht erfüllt, es in Berlin sehr schwer hat. Die Journaille erwartet, dass ihr Gegenüber ihr auf gleicher Augenhöhe begegnet. Für die Weltpolitik geeignet ist. Wer den Anspruch erhebt, Deutschland regieren zu wollen, dem muss man abnehmen können, dass er, ob in Russland, den USA oder China, eine gute Figur macht. Er muss gut aussehen, sich gut artikulieren können und Tischsitten beherrschen. Allein das macht es Politikern aus der Provinz fast unmöglich, in Berlin in Spitzenpositionen zu kommen. Unter demokratischen und sozialen Gesichtspunkten ist das verheerend. Es bedeutet auch, dass es Politiker aus einfachen Verhältnissen und ohne Studium enorm schwer haben.

Im Fall von Kurt Beck muss doch jemand sehr eng mit dem „Spiegel“ zusammen gearbeitet haben. Die Kollegen vom „Spiegel“ haben offenbar schon ein paar Tage vorher gewusst, was passieren würde.

Ich glaube nicht, dass die Kollegen vom „Spiegel“ aktiv an einer Intrige beteiligt gewesen sind. Woher die Informationen kamen, liegt für mich auf der Hand, dafür ist Frank-Walter Steinmeier viel zu prominent in dem Artikel vertreten. Ich habe allerdings noch nie erlebt, dass eine Geschichte, noch bevor sie überhaupt veröffentlicht werden konnte, schon von ihrem eigenen Echo überholt und dadurch substanziell falsch geworden war. Das ist eine Kuriosität. Aber nicht die Schuld des „Spiegels“.

Die Meute hat ihr Opfer erlegt. Und jetzt: Auf zur nächsten Treibjagd?

Die Meute hat sich auf einen Schwachen gestürzt. Das war so einfach, wie es feige war. Es wäre schön, wenn die Meute in sich gehen und sich fragen würde, ob es nicht ihre vornehmste Aufgabe wäre, sich mit den Mächtigen anzulegen. Das aber braucht Mut. Und wenn man Pech hat, steht man plötzlich sehr alleine da.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber

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