Medien : Die Mitläufer der Politik

Der „Bericht aus Berlin“ wechselt den Sendeplatz. Für eine Sendung mit Gewicht wird das nicht reichen

Bernd Gäbler

Herr Baumann spricht einen Kommentar. Zum Thema des Tages. Es ist der 11. Februar. Es geht um Gesetzesverschärfungen, die Rot-Grün plant, damit am 8. Mai keine Neonazis durch das Brandenburger Tor marschieren können. Herr Baumann ist dafür. Und für Zivilcourage. Das wären zwei Sätze. Herr Baumann aber braucht anderthalb Minuten. Allem Gesagten verleiht er Bedeutung. Zum selben Thema gab es zu diesem Zeitpunkt schon Zeitungskommentare von Heribert Prantl („SZ“), Bernd Ulrich („Die Zeit“), Stefan Reinecke („taz“) und Hans- Ulrich Jörges („stern“). Die Schlussfolgerungen waren unterschiedlich, aber all diese Kommentare waren meinungsfreudig, informativ und sprachmächtig. Herr Baumann teilt dem Zuschauer nichts Neues mit und regt ihn auch nicht zum Denken an. Das ist wohl auch nicht seine primäre Absicht, denn er hat die Perspektive eines Schiedsrichters zwischen den politischen Fronten gewählt. Er empfiehlt der Union, in dieser Frage auf Rot-Grün zuzugehen. Das ist seine wichtige Botschaft. Herr Baumann ist also ein Politik-Ratgeber. Seine Bedeutung bezieht er nicht aus seinem Verhältnis zu den Zuschauern.

Weder für ARD-Kommentare generell, noch für die Sendung „Bericht aus Berlin“ ist das untypisch. Eine Woche später, am 18. Februar, gibt es zum selben Thema einen Filmbeitrag. Herr Wagner ist bezüglich einer Gesetzesänderung deutlich skeptischer als Herr Baumann. Joachim Wagner kommt vom NDR, Thomas Baumann vom MDR. Für seinen Film hat er vor allem einige Politiker-O-Töne montiert. Zu Beginn allerdings zeigt er eine NPD-Demo, dann sehen wir Adolf Hitler und einen gewaltigen Nazi-Fackelmarsch – was das Archiv eben so hergibt. Dass er seinen Film so beginnt, wirkt gedankenlos. Überlegter Gestaltungswille oder gar längerfristige Recherche zeigt sich in solchen Beiträgen nicht. Die Ein- und Unterordnung des „Berichts aus Berlin“ in die „Tagesthemen“ wirkt da logisch. Über das Tagesgeschehen hinaus geht er selten.

Selbst bei einem angeblich doch so großen Skandal wie der „Visa-Affäre“ wirkt der „Bericht aus Berlin“ genügsam. Am 11. Februar sollte visualisiert werden, dass die Grünen in ihrem Abwehrverhalten auf dem Weg zu einer völlig normalen Partei seien. Also wurden alle schon bekannten O-Töne von Frau Sager, Frau Roth, Herrn Bütikofer und Herrn Beck zum Thema montiert – als Zwischenbilder gab es grüne Schlittschuhe auf einer Eisfläche und Textbrocken, die von „dünnem Eis“, „Rutschpartie“ und ähnlichem handelten - Praktikantenhumor statt wirkliche Arbeit.

Keine neuen Fakten, keine neuen Zusammenhänge, erst recht keine Sicht auf gesellschaftliche Auswirkungen der Berliner politischen Entscheidungen. Der redaktionelle Blick entspricht weitgehend dem Sehschlitz, durch den auch die Politik selbst auf die Wirklichkeit schaut. Immer wieder wird das Berliner Geschehen nacherzählt, selten durchdrungen. Großes Interesse gibt es für das parteitaktische Zueinander und für Kräftekonstellationen. Es wird kommentiert, wer warum „unter Druck“ gerät, und Thomas Roth, Moderator und Redaktionsleiter, passt auf, nur ja keine parteiischen Vokabeln zu benutzen. So entsteht Langeweile.

Wer nur etwas Zeitung liest, erfährt kaum Neues. Selbst bei „Kerner“ denkt man häufiger, man hätte etwas verpasst, wenn man nicht eingeschaltet hätte. Der „Bericht aus Berlin“ scheint auch gar nicht mehr zu wissen, an wen er sich richtet. Einem halbwegs interessierten Publikum jedenfalls bietet er wenig. Wollte er aber politisch weniger Interessierte an die Politik heranführen, müsste er erst recht völlig anders gestrickt sein, viel mehr über die Auswirkungen politischer Entscheidungen berichten, hinter die Kulissen der Institutionen schauen, weniger talking heads zeigen, selber Zusammenhänge herstellen.

Es würde von größerer journalistische Distanz zum täglichen Berliner Betrieb zeugen, käme zu nüchterner Fehleranalyse häufiger der Drang zum Erforschen gesellschaftlicher Institutionen. Das Desinteresse an solchen gesellschaftlichen Einrichtungen wie Bundeswehr, Hochschulen oder Bundesagentur für Arbeit harmoniert aber leider mit der Bereitschaft zu rascher Skandalisierung (Folter in Coesfeld, Pisa-Schock).

Es wäre ungerecht, den „Bericht aus Berlin“ mit den goldenen Bonner Zeiten der Nowottnys und Luegs zu vergleichen. Die Bedingungen sind grundlegend anders geworden. Aber so sehr auch ein Herr Nowotny zum rheinischen Polit-Betrieb gehörte, hat er doch stets das politische Agieren und Taktieren mit der Skepsis des gesunden Menschenverstandes geprüft und den Polit-Heroen so ihre Übergröße genommen. Heute flankiert Thomas Roths Mannschaft berichtend die Politik, ist sicher jedem agitatorischen Populismus abhold, aber verzichtet auch weitgehend auf Originalität.

Günter Struve, der sicher als einziger ARD-Manager so clever ist, dass er auch RTL leiten könnte, kennt sich aus mit time slots und audience flow. Er hat es geschafft, das Vorabendprogramm komplett werbekompatibel zu machen und Dokumentationen im Ersten weitgehend auf Zeiten nach 23 Uhr zu schieben. Jetzt rückt er mit seinem Repertoire auch der mangelnden Resonanz dieses öffentlich-rechtlichen Formats par excellence zu Leibe. Am Sendeplatz soll es liegen. Freitags abends, so springt ihm WDR-Intendant Fritz Pleitgen bei, wollten die Leute eben lieber Unterhaltung statt Politik. Als sei das nicht auch zu anderen Zeiten so! Sicher aber kommen die „Tagesthemen“ in Zeiten vielfältiger Informationswege zu spät. Das hat man nun erkannt, und wird es schnellstens – also ab 2006 – verändern. Nur der „Bericht aus Berlin“ muss schon früher weichen - auf den Sonntag, „direkt nach der Sportschau“ um 18 Uhr 30, wie Thomas Roth nicht müde wird frohlockend anzukündigen.

Viel wichtiger wäre es, sich über Sinn und Ziel dieser Veranstaltung neu zu verständigen und demgemäß eine eigenständige Magazin-Redaktion aufzubauen, die Zeit hat für Recherchen und Filme, sich nicht im Tagesgeschäft verschleißt und sich vor allem nicht als Delegiertenkonferenz der jeweiligen heimischen ARD-Anstalten und deren politischer Couleur missversteht. Experten für bestimmte Politikgebiete wären wichtig. Dazu so etwas wie ein Gunter Hofmann des Visuellen, ein Talent oder Routinier, der es versteht, Reflexionen filmisch zu gestalten. Bisher lautet das Ziel aber, möglichst viele Zuschauer von der „Sportschau“ zu halten und dem „Berlin direkt“ vom ZDF wegzunehmen. Parameter für das Wiedergewinnen des geschwundenen publizistischen Gewichts sind das noch nicht.

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