Medien : Die Monster und das rechte Maß

NAME

Von Thomas Gehringer

Laut ist es an der Aachener Straße in Köln. Draußen dröhnt mehrspurig der Berufsverkehr, drinnen tobt ein einfältiges Monster und wird nach einer wüsten Ballerei von Fantasy-Rittern mit Kinderstimmen, den „Power Rangers“, zur Strecke gebracht. Gleich vor fünf Bildschirmen sitzt Karla Durchleuchter, äußerlich unbeeindruckt vom Lärm und der tumben Geschichte. Die Cutterin zählt zu den vier fest angestellten Jugendschützern bei RTL.

An einem Tag in der Woche hat sie den Schnittplatz bei einer freien Produktionsfirma in der Nähe gemietet. Die „Power Rangers“, eine amerikanische Kinder-Actionserie, gehören zur Routinearbeit der Jugendschützer. Immer wenn die deutsche Bearbeitung abgeschlossen ist, legen sie noch einmal Hand an. Doch selbst wenn Karla Durchleuchter es wollte, könnte sie unmöglich alle Kampfszenen herausschneiden, denn dann bliebe nicht mehr viel übrig. Und Folge 406 hat es in sich: Mal legen Geschosse ein Gebäude in Trümmern, mal dauern die Kampfszenen allzu lang, oder sie sind mit klassisch-orchestraler Musik unterlegt, während die Bilder in Zeitlupe ablaufen. „Das gibt einer Kampfszene eine ästhetische Qualität, die ich im Kinderprogramm nicht gut finde“, sagt Karla Durchleuchter. Am Ende hat sie die 20:37 Minuten lange Original-Folge um zwei Minuten gekürzt.

Die Monster, die das Fernsehen aufs Publikum loslässt, dürfen „das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern oder Jugendlichen“ nicht beeinträchtigen und schon gar nicht „sittlich schwer gefährden“, wie es im Rundfunkstaatsvertrag heißt. Doch ganz ohne Bösewichte geht es im Programm natürlich nicht, wie sonst sollte über das wirkliche Geschehen in der Welt berichtet werden, und wie sollte man eine spannende Geschichte ohne die klassische Auseinandersetzung zwischen den Helden und den Schurken erzählen? Dabei das rechte Maß bei der Gewaltdarstellung zu finden, ist eine alltägliche Herausforderung für die Sender, deren Chefs zwar nach dem Schul-Massaker in Erfurt bereitwillig zu einem Kanzler-Gipfel eilten, die sich aber im Grunde zu Unrecht als Sündenböcke angeprangert sahen. Der RTL-Jugendschutzbeauftragte Dieter Czaja sieht das nicht anders. „Auf anderen Gebieten“, sagt er, bei der Frage des Zugangs zu Waffen oder bei den Videospielen, bestehe Handlungsbedarf, beim Fernsehen weniger.

In seinem geräumigen Büro in Köln kann Dieter Czaja vom Schreibtisch aus direkt auf einen Fernsehbildschirm blicken. Dieter Czaja ist zu Beginn des Interviews etwas in Eile, unterschiedliche Auffassungen über das rechte Maß von Gewalt im RTL-Programm halten ihn auf Trab. Den Trailer zu dem Hollywoodfilm „Ausnahmezustand“ müsse er sich schnell noch anschauen, da habe es eine Beschwerde der Landesmedienanstalt gegeben, sagt Czaja. „Ausnahmezustand“ ist im Kino ab 16 Jahren freigegeben; RTL durfte den Film daher erst ab 22 Uhr senden und auch erst ab dieser Zeit mit Filmtrailern dafür werben. Eigentlich.

Doch weil im Rundfunkstaatsvertrag ausdrücklich nur „Bewegtbilder“ untersagt sind, zeigte RTL eine geschickte Diashow, bei der jedes 20. oder 25. Bild aus einer Szene als Standbild, aber in schnellen Abständen gezeigt wurde. Für das Tagesprogramm produzierte RTL später auf Rat von Czaja einen Trailer, in dem nur die Köpfe der Stars zu sehen waren, eine offizielle Beanstandung der Landesmedienanstalt gab es nicht. Dieter Czaja sagt, den Sender bei Beschwerden nach außen zu vertreten, sei „eher der unangenehme Teil der Arbeit". Intern sei er dagegen „der skeptische und kritische Begleiter und Kontrolleur“, das ist schon eine Zwitterrolle.

Dennoch: „Man macht die Arbeit ja, weil man Fernsehen mag“, sagt er. 1989 kam er zu RTL, kurz zuvor, noch vor der Wende, war er aus der DDR in den Westen geflohen. 15 Jahre hatte er beim DDR-Fernsehen in der Programmplanung gearbeitet. Bei RTL landete Czaja in der Film- und Serienredaktion, wo damals noch munter drauflos gesendet wurde, was man auf dem amerikanischen Markt einkaufen konnte.

Seit 1994 ist die von den Privatsendern kurz zuvor gegründete Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) im Rundfunkstaatsvertrag gesetzlich verankert. In über 600 Fällen entschied die FSF im vergangenen Jahr, ob überhaupt, zu welcher Tageszeit und unter welchen Schnittauflagen die von den Jugendschutzbeauftragten vorgelegten Filme ausgestrahlt werden dürfen. Gut die Hälfte der Filme und Beiträge passierte die dreiköpfige Prüfkommission ohne Beanstandung, 46 Filme durften gar nicht ausgestrahlt werden.

Doch die wesentliche Arbeit wird bei den Sendern selbst erledigt: Czajas kleine Abteilung schneidet Spielfilme und Serien, verhandelt mit den Produzenten von Talk- und Gerichtsshows oder mit den Kunden, die im RTL-Programm für Videospiele werben.

Bei allen eigenproduzierten Programmen wollen die Jugendschützer frühzeitig einbezogen werden. Bei TV Movies und Serien klappt das naturgemäß besser als bei aktuellen Sendungen, etwa bei den Boulevardmagazinen. Die Redakteure seien „meistens junge Leute. Die kommen von der Hochschule, haben teilweise noch keine Familie und sind in solchen Fragen vielleicht nicht so sensibilisiert“, meint Czaja. Sein Team bietet intern Seminare an und stellt außerdem Material und Unterrichtsreihen für Lehrer zur Verfügung.

Jede Menge Arbeit also, auch für Karla Durchleuchter, die nicht nur für heute im Schnittraum mit den „Power Rangers“ abgeschlossen hat. Früher sei die Serie noch kindlicher gewesen, nun würden die Autoren immer öfter Anleihen aus Actionfilmen für Erwachsene nehmen, klagt sie. „Deswegen bin ich froh, dass das aufhört.“ Nach der neunten Staffel ist bei RTL Schluss für die „Power Rangers“, aber das dauert noch ein Weilchen, und schließlich hat die RTL-Familie ja ihren Kindersender Super RTL, wo die Serie wiederholt werden könnte. Ganz verschwinden werden die Fernseh-Monster aus dieser Welt sicher nicht mehr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar