• Die Moral kommt in dunklen Limousinen Zehn Jahre FSF und 50 Jahre Bundesprüfstelle: Jugendschutz hat effiziente Routinen entwickelt

Medien : Die Moral kommt in dunklen Limousinen Zehn Jahre FSF und 50 Jahre Bundesprüfstelle: Jugendschutz hat effiziente Routinen entwickelt

Jo Groebel

Es liegt nur wenige Jahre zurück, da konnte man gar Schreckliches über den Präsidenten der britischen Behörde für Moralstandards im Rundfunk, einen veritablen Lord, lesen. Er war von der Murdoch-Presse, der er vorher arg zugesetzt hatte, als verheirateter Mann gleich mehrerer Geliebter bezichtigt worden. Fotos und Namen waren eindeutig, und schnell trat er zurück, den Eindruck hinterlassend, dass jedenfalls in Großbritannien institutionalisierte Medienmoral und Heuchelei nicht weit auseinander lägen.

Es ist ziemlich menschlich, sich zu fragen, wie die es selbst mit der Ethik halten, die sich beruflich mit dem Laster befassen. Und so ist manchen noch in Erinnerung, wie der frühere Chef der „Bundeszentrale für jugendgefährdende Schriften“ in einem „Spiegel“-Interview bekannte, noch nie durch das Anschauen pornografischer Darstellungen gefährdet worden zu sein. Auf ihn, einen umgänglichen und liberalen Mann, folgte eine noch umgänglichere und noch liberalere Behördenleiterin rheinischer Provenienz, die sich, wenn sich der Zigarettenrauch um sie gelegt hat, geradezu als Inkarnation des deutschen Jugendschutzes zeigt: Man ist kein Moralapostel, geht sehr nachsichtig mit sehr eindeutig schädlichen Angeboten um, zum Beispiel der soften Pornografie, und hat verstanden, dass sich Werte verändern und weiterentwickeln. Bloß nicht verklemmt sein, heißt die Devise der nun 50 Jahre bestehenden Bundesprüfstelle.

Erst recht folgt diesem Prinzip die „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF)“, die jetzt ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Erotik und Sex sind, sofern nicht Kinder, Demütigung, Gewalt betreffend, kaum noch ein Thema. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Risiken, wie extreme Brutalität und hier und da die Gefährdung der Menschenwürde. Auch der Initiator und Chef dieser Einrichtung für den privaten Rundfunk, Joachim von Gottberg, kann wahrlich nicht als Zeigefinger-Zensor bezeichnet werden.

Und so wären die Hüter der deutschen Medienmoral alle zusammen fast eine große glückliche Familie, gäbe es nicht auch noch die öffentlich-rechtlichen Sender. Sie gehören der Gemeinde deshalb nicht an, weil sie entweder per definitionem nie gegen den Jugendschutz verstoßen können, denn alles, was sie senden, hat die Weihen des Gerechten, oder, wahrscheinlicher, sie bestehen auf ihrer Autonomie und fühlen sich von den Rundfunkräten sowie dem eigenen Gewissen und Auftrag hinlänglich kontrolliert.

Und so rauschen zu den nationalen Jugendschutztreffen mit Ausnahme der Öffentlich-Rechtlichen die Chefs der Landesmedienanstalten in ihren Limousinen heran, fordern die Erhöhung der Medienkompetenz und rauschen wieder davon; es fliegen die Europaexperten ein, fordern die grenzüberschreitende Erhöhung der Medienkompetenz und der Forschungsgelder und begegnen sich anschließend selbst in der Luft; berichten die Jugendschutzbeauftragten der Sender vom erfolgreichen Beschneiden kritischer Filmstellen, fordern die Erhöhung der Medienkompetenz und schneiden weiter; bedauern manche Medienpädagogen, dass sie nicht selbst Fernsehprogramm machen dürfen, produzieren mit Lehrern und Schülern zur Erhöhung der Medienkompetenz weiter hauseigene Angebote, die von Familie und Freunden begeistert rezipiert werden. Schließlich die Politik: So alle paar Jahre gibt es durch spektakuläre Ereignisse oder ganz einfach, weil es wieder einmal so weit ist, eine öffentliche Debatte über Jugendschutz, dann ruft man die Verantwortlichen zusammen, mahnt Selbstverpflichtungen an, initiiert Initiativen und fordert die Erhöhung der Medienkompetenz.

Tatsächlich hat sich so eine gemeinsame Routine entwickelt, die gut funktioniert und durchaus effektiv ist. Deutschland ist durch viele Instanzen gut jugendgeschützt. Immer dann, wenn der Bundeskanzler zum Runden Tisch gegen Mediengewalt ruft, kann man viele von ihnen auch in der Öffentlichkeit besichtigen. Da gibt es die schon berühmte „Bundesprüfstelle“ (für Gedrucktes und Gespieltes) und FSF (Privatfernsehen), da gibt es FSK (Kino), da gibt es Internet-Schützer und Spiele-Hüter. Fast wird einem schwindelig. Was aber manchmal überorganisiert wirkt, hat in Wirklichkeit dazu geführt, dass der deutsche Jugendschutz die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen – Anbieter, Religionsgemeinschaften, Nutzer – recht gut abbildet und eine hohe Expertise auf breiter Ebene entwickelt hat.

Vor allem ist durch das immerwährende Ringen um die rechte Balance zwischen Meinungsfreiheit und Jugendschutz, zwischen Massenattraktivität von Action und dem Bewahren von guten Geschichten das vielleicht Entscheidende entstanden: eine öffentliche Debatte, die die Dynamik von Wertesystemen und kulturellen Auffassungen nicht nur abbildet, sondern selbst mitgestaltet.

Was sind die Herausforderungen für die Jugendschutz-Szene? Am Fernsehen vorbei hat sich eine ungleich gewaltsamere „Kultur“ in anderen Medien entwickelt – Internet, Computerspiele, DVD –, die nur deshalb nicht in gleicher Weise öffentliche Aufmerksamkeit findet, weil Politiker und Eltern häufig nicht selbst deren Konsumenten sind und von daher keine Aufregungsreflexe entwickeln. Eine internationale Studie des Europäischen Medieninstituts besagt, dass 70 Prozent der Eltern nicht einmal wissen, dass und was ihre Sprösslinge im Internet alles treiben.

Auch das Fernsehen verändert sich weiter. Technisch steht mit dem mittelfristigen Erfolg von Festplattenrekorder und Pay-TV eine Loslösung von Inhalt und zeitlicher Platzierung an. Damit fällt eines der Grundprinzipien des Jugendschutzes beim Fernsehen weg, dass man nämlich über Sendezeiten das Riskante differenziert steuern kann. Zugleich sind viele Debatten heute auf die nicht-gewaltsamen, dennoch potenziell problematischen Formate wie Reality-TV oder Risikospiele bezogen. Viele dieser Programme leben von ihrem Live-Charakter und entziehen sich so der Vorabkontrolle, siehe „Dschungel-Show“ und „Big Brother“.

Entscheidender jedoch ist, dass die Trennung zwischen bloßer Geschmacklosigkeit und tatsächlicher Jugendgefährdung viel schwieriger zu leisten ist. Körperliche Gewalt lässt sich relativ einfach beschreiben, die Verletzung der Menschenwürde ist ungleich subjektiver. Und so werden die deutschen Jugendschutz-Instanzen wohl kaum arbeitslos werden, ihre Stärke und Effizienz aber dadurch beweisen müssen, dass sie auf die öffentliche Debatte um Ethik und Moral angemessen reagieren und diese selbst im Sinne der Zivilgesellschaft mitprägen. Ja, die Erhöhung von Medienkompetenz gehört natürlich dazu.

Aber, Gott sei dank, führt die gewiefteste Medienpädagogik nicht zur Abgeklärtheit und Immunisierung gegenüber jedweder Medienleidenschaft. Selbst Jugendschützer und Medienexperten lassen sich von gut gemachten Programmen faszinieren. Und mögen heimlich schon mal vom Erotikangebot angeregt werden.

Professor Jo Groebel ist Chef des Europäischen Medieninstituts.

Die Bundesprüfstelle untersucht Zeitschriften und Videospiele auf Jugendgefährdendes. Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) durchforstet das Fernsehen, die FSK das Kino.

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Geprüft und umbenannt: Am 7. Februar dieses Jahres musste der Sender Kabel 1 den Titel einer Spielshow am Tag der Ausstrahlung umbenennen: Statt des „Judas Game“ lief das „J-Game“.

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