Die Nachgeborenen : Der NS-Filmer Veit Harlan – eine Familienschau

Doku über Erbe und Erben des Goebbels-Propagandisten.

Wie leben die Nachgeborenen mit dem Erbe eines Veit Harlan? Wie stellt man sich der Mitschuld des Vaters oder Großvaters, der „Jud Süß“ drehte und den Durchhaltefilm „Kolberg“? Und dessen dritte Frau Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, darin die weiblichen Hauptrollen spielte?

Der Dokumentarist Felix Moeller hat die über ganz Europa verstreuten Kinder und Enkel des von Joseph Goebbels in den NS-Propagandadienst genommenen, nach dem Krieg freigesprochenen Regisseurs aufgesucht und entwirft ein erschütterndes Panorama all der Gewissenskonflikte, die noch die dritte Generation umtreibt. „Harlan – im Schatten von Jud Süß“ erhellt die Frage nach Verstrickung und Mitverantwortung nachdrücklicher als Oskar Roehlers Kolportagefilm „Jud Süß“, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Eine Familienaufstellung: Jeder reagiert anders, es kommt zum Bruch zwischen Geschwistern, Eltern und Kindern. Sohn Thomas Harlan schlägt sich in eigenen Filmen und Büchern mit der Gewalt- und Gewissensfrage herum, klug, quälend, schonungslos, erst am Totenbett des Vaters kam es zur Annäherung. Sein Halbbruder nimmt ihm übel, dass er mit der Vergangenheit keinen Frieden schließen will. Eine Tochter hat ihren Namen geändert, andere sagen, es war doch eine Zwangslage, die Enkelinnen wollen Genaueres wissen. Christiane Kubrick, Harlans Nichte, weiß, niemand kann sich sicher sein. Auch ihr Mann Stanley wollte einen Film über das NS-Kino drehen, auch er fragte sich, ob er integer bleiben würde.

Versuch eines Stammbaums: In der Polyphonie der Stimmen scheint Wahrheit auf. Eine Ahnung davon, wie das Erbe sich verteilt, die Schuld sich ausdifferenziert in Sühne, Skrupel, Entlastung und Verdrängung, wie sie Schönfärberei hervorbringt oder auch eine besondere moralische Sensibilität. Vor allem die Publizistin Jessica Jacoby hat dieses feine Gespür entwickelt: Einer ihrer Großväter wurde von den Nazis ermordet, während der andere, Veit Harlan, Propaganda für dessen Vernichtung machte. Ihre Mutter nahm sich das Leben. Die Tragödie des 20. Jahrhunderts in einer einzigen Biografie, kulminiert in einer einzigen Biografie. chp

„Harlan – Im Schatten von Jud Süß“, WDR, Donnerstag, 23 Uhr 15; RBB, 30.9., 23 Uhr 30

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