Medien : Die nächste Generation

Die Mechanismen der Elite-Rekrutierung – wie die öffentlich-rechtlichen Sender zu ihrem neuen Führungspersonal kommen

Bernd Gäbler

Nachfolger werden gesucht. Mindestens für Günter Struve, Fritz Pleitgen, Peter Voß und Jobst Plog – also den Programmdirektor des Ersten und die Intendanten von WDR, SWR und NDR. Innerhalb der nächsten ein bis anderthalb Jahre tritt eine Generation ab. Das ist ein Einschnitt für die ARD, ja für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt. Diese Führungsriege der noch vor Kriegsende Geborenen kann als Inkarnation des Öffentlich-Rechtlichen gelten. Struve, Pleitgen, Voß und Plog – sie haben die ARD und ihre regionalen Sender durch die herausfordernde Phase des Ansturms der werbefinanzierten Sender geführt. Der eine, Günter Struve, als schlitzohriger Programmgestalter mit mancher Übernahme-Idee von der Konkurrenz; der andere, Fritz Pleitgen, als gestandener Journalist; als etwas orthodoxer juristischer Vertreter der schützenswerten Anliegen des eigenen Vereins der dritte, Jobst Plog, der zugleich aber unorthodox genug war, zur Medienkommission der Grünen zu gehen; als kulturbeflissener Fusionierer der vierte, Peter Voß. Sie haben regiert und repräsentiert, eigene Anliegen durchgefochten und politisches Geschick bewiesen. Sie sind erfahrene Eigengewächse der Anstalten, deren Selbstbehauptung sie geschafft haben. Ob sie die Sender auch neu beseelt haben, wird sich in der nächsten Phase zeigen.

Wie nun wird die Nachfolge geregelt? Die Stellen werden ausgeschrieben, und der Qualifizierteste bekommt den Job. Diese Vorstellung ist naiv. Denn es geht um sehr viel Politik. Man darf sogar vermuten: um zu viel Politik. Die Aufsicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist in der Regel überpolitisiert, insbesondere der Einfluss der Parteien ist überbordend. Und deren Repräsentanten – ob Kurt Beck (SPD) oder Edmund Stoiber (CSU) – fassen Medienpolitik zu einem guten Teil noch so auf wie CDU-Kanzler Konrad Adenauer: als Personalpolitik. Vorbei sind zwar die Zeiten (1964), als die ARD noch beschloss, satirische Beiträge über Minister dürften nicht „in der Bevölkerung Unbehagen“ gegenüber diesen schüren; auch ist der direkt kontrollierende Zugriff der Politik auf die Berichterstattung rückläufig. Dennoch bewegt sich ein Intendant stets im Farbenspektrum, in dem der jeweilige Ministerpräsident erstrahlt. Zum Qualifikationsprofil gehört also unbedingt, das Wechselspiel von Selbstbehauptung und politischer Beweglichkeit zu beherrschen.

Dies hemmt bei der neuen Elite-Rekrutierung den Austausch mit der Gesellschaft. Das öffentlich-rechtliche System traut in der Regel nur sich selbst. Übergänge von Führungspositionen privater Medienunternehmen in öffentlich-rechtliche Spitzenfunktionen sind selten. Fred Kogel war Unterhaltungschef des ZDF, Hubertus Meyer-Burkhardt wird perspektivisch zugetraut, im NDR etwas zu werden – nach wie vor arbeitet er aber im Vorstand der ProSiebenSat1 Media AG, da ist ein baldiges öffentlich-rechtliches Amt wenig wahrscheinlich. So bleiben auch Management-Erfahrungen in der Sphäre der Real-Ökonomie in der ARD-Spitze noch die Ausnahme.

Auch von den allenthalben eingerichteten Journalistenschulen oder gar tollen Studiengängen für Medienmanagement stammt kaum einer der in Rede stehenden Kandidaten. Vielleicht dauert dies ein paar Jahre. Nur Volker Herres, Programmdirektor des NDR, der als Zögling seines Intendanten Jobst Plog gilt und eindeutige parteipolitische Präferenzen bisher klug zu verbergen verstand, ist Absolvent der Münchener Journalistenschule. Er ist noch keine fünfzig Jahre alt und gilt derzeit als Favorit für die Nachfolge als Programmdirektor des Ersten. Zunächst aber soll Günter Struve zu einer Verlängerung überredet werden.

Alles hängt mit allem zusammen. Die Postenpyramide ist ein filigranes Bauwerk, das tief in die Einzelsender und mindestens bis zum Berliner Studioleiter reicht. Dafür stehen Rainald Becker (SWR) und Michael Best (HR) in den Startblöcken. Interessen der Sender sind in die politische Balance einzuwiegen.

Zu den wesentlichen Veränderungen in den äußeren Bedingungen für die Spitzenämter gehört die gewachsene Stärke der CDU – im Bund, aber auch im Gebiet der nördlichen Vier-Länder-Anstalt NDR und in Nordrhein-Westfalen. Den Südwesten begriff die Union traditionell als ihr Sendegebiet, was sich mit der Fusion der Funkhäuser in Baden-Baden und Mainz zum SWR verändert hat: das seitdem eingeübte groß-koalitionäre Handling ist in vielen Sendern Sitte geworden. Für kantige Figuren, profilierte Journalisten oder Quereinsteiger sind die Karriereaussichten dadurch trüber geworden. Ein Berichterstatter vom Typus Joschka Fischer hätte in der ARD keine Chance. Dieter Gütt, Sebastian Haffner oder Gert von Paczensky erst recht nicht. Die Apparate produzieren beides: Sehnsucht nach Originalität und deren Ersticken.

Unorthodoxe Entscheidungen sind nicht zu erwarten. Das öffentlich-rechtliche Karrieremodell heißt „Ochsentour“. Dies steht in einem eigenartigen Kontrast zu der politischen Kommentierung, die sich gerne über die Parteien als unbewegliche Tanker mokiert. Nicht Juso-Chef, Abgeordneter, Landesminister und Ministerpräsident lauten hier die Stufen, sondern: Reporter, Abteilungsleiter, Chefredakteur, Programmdirektor. Dabei liegt es auf der Hand, welche Eigenschaften besonders gefördert werden: Geschick im Umgang mit Gremien und Politik sowie beste Kenntnis der Institution selbst.

Wird das für die nächste Phase ausreichen, für die notwendige Neubegründung öffentlich-rechtlicher Substanz in der digitalen Welt? Obwohl dafür eine neue Öffnung zur Gesellschaft nötig wäre, wird man auf Funktionsträger zurückgreifen, die sich schon bewährt haben. Dies kann man beim leichter zu steuernden ZDF. Nachdem das Schauspiel um die Inthronisation von Markus Schächter zum ZDF-Intendanten fast zur peinlichen Selbstentlarvung der Politik geriet, hat die neue Führung auf dem Lerchenberg solide Fuß gefasst. Der Intendant ist kein spektakulärer Rhetor, aber ein Könner im Umgang mit Politik und Gremien; sein Programmdirektor Thomas Bellut erwies sich rasch als durchgreifender Modernisierer; Chefredakteur Nikolaus Brender hat der politischen Berichterstattung den Rücken frei gehalten.

Interessiert wird von diesem inzwischen erzählt, wie er in jungen Jahren im Schwarzwald der dortigen Jungen Union beigewohnt habe. Er könnte gut als Intendant nach Köln an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren. Hörfunkdirektorin Monika Piel wirkt trotz der „Presseclub“Moderation weniger profiliert, Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf wird für zu viele Ämter gehandelt, laut „Süddeutscher Zeitung“ soll ihn wieder die Spitze des ARD-Hauptstadtstudios locken.

Während Nikolaus Brender noch brav seine Berge von Unterschriftenmappen signiert, hat sich Thomas Bellut längst in modernere, EDV-gestützte Abläufe eingearbeitet. Auch ihm wird Intendantenpotenzial zugesprochen. Vermutlich lockt der Norden, während das jüngste Gerücht für den Südwesten neben dem Haus-Justitiar Hermann Eicher sogar ZDF-Beau Claus Kleber im Rennen sieht. Eicher hat für die ARD den „Schleichwerbungsprozess“ mit der Bavaria relativ geräuschlos erledigt, aber kann man heute ein Medienunternehmen führen ohne selbst Medienpersönlichkeit zu sein?

Noch sind die Namen Gerüchte. Die Wege bis zu den Entscheidungen sind verschlungen. Da aber das Anforderungsprofil klar ist, zeichnet sich ab, dass das ZDF zur entscheidenden „Kader-Reserve“ der ARD wird. Auch die ARD-Intendanten Peter Voß (SWR) und Helmut Reitze (HR) kamen aus Mainz. Zu Höherem bereithalten soll sich auf dem Lerchenberg auch der Direktor Europäische Satellitenprogramme, Gottfried Langenstein. Halb geschmeichelt, halb fatalistisch schickt sich ZDF-Intendant Markus Schächter in sein Schicksal. Als gebranntes Kind weiß er, was es zu vermeiden gilt. Vor den Abstimmungen soll Klarheit herrschen. Im Gerangel „beschädigte“ Kandidaten will er nicht zurückhaben.

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