Medien : Die nächste Set-Top-Box kommt bestimmt

Die Verschlüsselungspläne einiger Privatsender verunsichern das Messepublikum der Funkausstellung

Leila Knüppel,Kurt Sagatz

Was hat sich zwischen der Funkausstellung 2005 und der von 2006 geändert? Im letzten Jahr waren Flachbildschirme die Zuschauermagneten, weil die Fußball-Weltmeisterschaft vor der Tür stand. Und in diesem Jahr stehen noch größere Farbbildschirme mit „Full HD“ im Mittelpunkt, weil man sich so ein Gerät im nächsten Jahr angesichts der höheren Mehrwertsteuer sicher nicht mehr kauft. Eins hat sich hingegen nicht geändert: Was auf der Funkausstellung die Zuschauer in ihren Bann zieht, führt oftmals später daheim zu ernüchternden Reaktionen. So gab es zur Fußball-WM reichlich Enttäuschungen, als der neue Edelfernseher den Ball nur mit einem Kometenschweif darstellte und das n-tv-Laufband einfach nicht zu lesen war. Ähnliches droht diesmal durch die kommerziellen Verschlüsselungspläne einiger privater TV-Sender.

Noch wartet der Satellitenbetreiber SES Astra auf die Entscheidung des Kartellamtes. Doch wenn die digitale Satellitenübertragung der Programme von MTV und der RTL-Gruppe in den nächsten Jahren nur noch verschlüsselt über die neue Digitalplattform „Entavio“ zu empfangen wäre, könnten viele digitale Satellitenempfänger das Signal schlicht nicht mehr lesen – der Fernseher bliebe schwarz. Betroffen davon wären alle sogenannten FreeAir-Receiver, also die Mehrzahl der Satellitenempfänger.

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 2,2 Millionen Set-Top-Boxen für die Satellitenübertragung verkauft. „Zwei von drei Geräten könnten das Signal dann schätzungsweise nicht entschlüsseln“, sagt Michael Bobrowski, Referent für Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Sollte das digitale Antennenfernsehen DVB-T ebenfalls verschlüsselt übertragen werden, was bei RTL ebenfalls in Betracht gezogen wird, so müssten noch weitaus mehr Zuschauer Set-Top-Boxen austauschen. Steckt der Empfänger gar im Fernseher, wie es bei vielen Ifa-Neuheiten der Fall ist, ist ebenfalls der Neukauf der Set-Top-Box nötig. Ein hübsches Konjunkturprogramm für die Gerätehersteller, meint Michael Bobrowski.

Die Gerätehersteller reagieren auf die Verschlüsselungspläne verhalten. „Dass die Kunden einen anderen Receiver benötigen, ist ja nichts Neues. Das gibt es in anderen Ländern auch“, wiegelt Wolfgang Clas, Produktmanager bei Grundig, ab. Auch sein Kollege vom Elektrounternehmen Sharp, Thiess Radeloff, will darin kein Problem sehen. „Unsere Fernsehgeräte sind darauf ausgerichtet, dass man externe Receiver anschließen kann“, lautet sein Kommentar. Alte Geräte könnten weiter benutzt werden. Schließlich würden die öffentlich-rechtlichen Sender auch künftig nicht verschlüsselt werden – zumindest protestieren ARD und ZDF derzeit noch gegen sämtliche Verschlüsselungspläne, obwohl auch für sie der Druck zunimmt, die kostbaren Filme nicht unverschlüsselt in digitaler DVDQualität auszustrahlen.

Wer allerdings nicht nur öffentlich-rechtliche Sender sehen möchte, sondern auch „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ auf RTL, der sollte beim Kauf eines Receivers darauf achten, dass dieser möglichst mit den verschiedensten Verschlüsselungsverfahren zurechtkommt: Einen einheitlichen Softwarestandard, genannt Common Interface, gibt es, die Sender und Satellitenbetreiber müssen sich an diesen jedoch nicht zwangsläufig halten. Wozu das führen kann, sieht man derzeit bei Premiere und Arena. Weil die beiden Pay-TV-Anbieter unterschiedliche Verschlüsselungsverfahren einsetzen, muss man beim Wechsel auch gleich einen neuen Decoder dazukaufen. „Unser Ziel sind daher einheitliche Regelungen bei der Verschlüsselungstechnologie“, sagt Roland Raithel, Unternehmenssprecher bei dem Elektronikhersteller Loewe. Sonst könnten sich die verschiedensten Receiver beim Kunden bald stapeln.

Vor allem von Fernsehgeräten mit integriertem Empfänger raten mehrere Hersteller angesichts der unsicheren Lage ab. Das Unternehmen Sagem verzichtet sogar vollständig darauf. Zurzeit wären die Kunden mit einem Fernseher am besten beraten, bei dem verschiedenste Receiver zusätzlich angeschlossen werden können. Für viele kommt dieser Rat allerdings zu spät: Panasonic verkauft nach eigenen Angaben bereits die Hälfe seiner Fernsehgeräte mit integriertem Receiver. Immerhin, das Problem mit unscharfen Sportbildern haben die Gerätehersteller in der Zwischenzeit in den Griff bekommen. Vielleicht ist es doch kein Fehler, mit der Anschaffung eines neuen Edelfernsehers bis zur nächsten Ifa zu warten, auch wenn die höhere Mehrwertsteuer dann zuschlägt. (Mitarbeit: Ulf Schubert)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben