Medien : Die Netzwerker

Sie sind die Piratensender des Internets: Online-Tagebücher, Blogs genannt, breiten sich aus

Hannah Pilarczyk

Auch ein Drei-Millionen-Kollektiv kann sich manchmal wie David im Kampf gegen Goliath fühlen. Zum Beispiel am Montag letzter Woche. Da musste Goliath, in diesem Fall der US-Fernsehmoderator Dan Rather, eingestehen, dass seine Berichte über die bevorzugte Behandlung von Präsident George W. Bush während des Militärdienstes auf gefälschten Dokumenten basierten und deshalb nicht haltbar waren. Die Steine geschmissen, respektive den Fall ins Rollen gebracht hatte die Gemeinde der „Blogger“, der Internetnutzer, die sich über öffentliche Online-Tagebücher (weblogs) austauschen. Dan Rathers Sender CBS hatte die Dokumente, die die angebliche Begünstigung von Bush belegen sollten, auf seine Homepage gestellt. Dort wurden sie innerhalb kürzester Zeit online zerfetzt. Eine Schrifttype aus den 80er-Jahren auf einem Brief aus den 70ern, falsche Militärränge – was die CBS-Redakteure übersehen hatten, trugen die Blogger zusammen. Am Ende der Geschichte standen Rathers Entschuldigung und ein einhelliges Urteil: „Die Blogger-Gemeinde im Netz hat eine Legende des alten Medien-Systems gedemütigt“, jubelte die „Welt“.

Doch was da als neu gegen alt, klein gegen groß ausgespielt wird, ist weder neu noch klein. Online-Tagebücher gibt es seit der Entstehung des Internets und mit einer geschätzten Anzahl von über drei Millionen haben sich Blogs in den USA längst als wichtiger Faktor der politischen Kommunikation etabliert. Schon vor der Spaltung der US-amerikanischen Öffentlichkeit in Verehrer und Verachter der Bush-Regierung waren sowohl einfache Mitglieder als auch PR-Profis beider großer Parteien in ihren Blogs in den publizistischen Krieg gegeneinander gezogen. Auf der linken „dailykos.com“ und Co., auf der rechten „freerepublic.com“ etc. Ihr immergültiges Ziel: zu beweisen, wie parteiisch die jeweils anderen Medien sind. Passenderweise haben beide Seiten ihren eigenen Gründungsmythos: die Rechte mit dem Enthüllungsjournalisten Matt Drudge, der durch seinen Blog das Feuer unter der Clinton-Lewinsky-Affäre entfachte, die Linke mit dem Fernsehreporter Ed O’Keefe, der den damaligen Senatsvorsitzenden Trent Lott durch ein online veröffentlichtes rassistisches Zitat zu Fall brachte.

Doch beide Geschichten haben etwas gemeinsam: Sie zeigen, wie Blogs die Defizite des herkömmlichen Mediensystems korrigieren können. Drudge nahm sich des „Monicagates“ erst an, nachdem sich „Newsweek“ geweigert hatte, darüber zu berichten. Zensur beim Magazinklassiker war Drudges ursprüngliches Thema gewesen, das daraus folgende Impeachment- Verfahren gegen Bill Clinton eigentlich ein Nebenprodukt von Medienkritik. O’Keefe hingegen war sich der Brisanz des Lott-Zitats von Anfang an bewusst, konnte es aber seinen Chefs vom Sender ABC nicht als News verkaufen. Es fehlten die Statements und Bilder, um daraus einen sendefähigen Beitrag zu machen. So gelangten Lotts Worte (er sprach sich verklausuliert für Rassentrennung in den USA aus) stattdessen auf die Homepage von ABC, von wo aus das Unheil für Trent Lott erst seinen Gang nahm.

Blogs können nicht mehr als die etablierten Medien, sondern einfach anderes. Das zeigt auch das Beispiel von „bildblog.de“, dem bekanntesten (medien-)politischen Blog aus Deutschland. Vier Journalisten tragen auf dieser Seite hobbymäßig die kleinen und größeren Verfehlungen der „Bild“ zusammen, machen sowohl auf hetzende Artikel und entwürdigende Fotos als auch auf grobe Recherchefehler aufmerksam. „Auf die Seite kommt das, was als Enthüllung über die „Bild“ für eine Zeitungsmeldung zu klein wäre, uns aber dennoch einfach journalistisch ärgert“, erklärt der Seitenverantwortliche Christoph Schultheis. Ein Archiv der publizistischen Fehlgriffe ist so aus der Seite geworden. Trotz des eigenen Erfolgs ist Schultheis nicht in Blog-Euphorie verfallen: „Im Zweifelsfall vertraue ich lieber auf Zeitungen. Bei denen weiß ich wenigstens, wie ernst sie es jeweils mit der journalistischen Sorgfalt nehmen. Bei Blogs bin ich mir da nicht sicher.“

Diese Zweifel sind auch absolut angebracht. Allzu häufig stecken hinter Blogs gescheiterte Journalisten, die gern auf die inhaltlichen und ethischen Regeln des Berufs, nicht aber auf die Aufmerksamkeit verzichten möchten. Zum Beispiel Ana Marie Cox, Betreiberin des Blogs „wonkette.com“. Der letzte Arbeitgeber der Washingtoner Journalistin, das Magazin „The American Prospect“, entließ sie nach nur sechs Wochen aus ungeklärten Gründen. Über die genaueren Umstände vereinbarten Cox und das Magazin vertraglich Schweigen. Ein letzter Anflug von Diskretion bei Cox, seit der Entlassung veröffentlicht sie auf ihrem Blog jeden erdenklichen Klatsch aus der Washingtoner Polit- und Medien-Szene – ob wahr oder unwahr, wird nicht weiter überprüft. Doch der „Wonkette“-Stil ist witzig und sophisticated („Ein todsicherer Tipp, um Senator Zell Miller aufzureißen: Flüstere ihm ins Ohr: ‚Ich bin an unilateralen Handlungen interessiert.’“) und längst Pflichtlektüre der US-amerikanischen Hauptstädter.

„Meinung, Meinung, Meinung“ ist zum Blogger-Mantra geworden. „Zum Glück!“, sagt Nico Lumma. Der Hamburger ist technischer Projektleiter der kommerziellen Webseite blogg.de, die den derzeit besten Überblick über deutschsprachige Blogs bietet. 23 000 Weblogs aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat „webstats.de“ registriert, Schätzungen gehen von über 60 000 deutschsprachigen Blogs aus. Lumma verfolgt 300 bis 500 Webtagebücher täglich. Noch findet er die deutschen Blogs unpolitisch: „In den USA gehen die Blogs viel kritischer mit den Medien um. Bei uns wird nur verschämt der ,Spiegel’ zitiert.“ Aber vielleicht ändert sich das bald. Bis zu 120 neue Blogs pro Tag registriert „blogg.de“ momentan, darunter auch viele politische. Noch wird dort vor allem „Hartz IV“ diskutiert, doch wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir das erste Mal von Joschka Fischers neuer Freundin aus einem Blog und nicht aus der Zeitung erfahren.

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