Medien : Die neue Einsamkeit

Die große Koalition ist der Tod der politischen Talkshow von „Berlin Mitte“ bis „Sabine Christiansen“

Joachim Huber

Das vorletzte Aufgebot der deutschen Politik: Gerhard Schröder , 62, gegen Heiner Geißler, 76, und Ottmar Schreiner, 60. Da sitzen sie bei „Sabine Christiansen“, eingeladen, dass sich Gerhard Schröder seiner Kritiker erwehre. Gegen die Einladung seines schärfsten Kritikers, Oskar Lafontaine, hat sich der ehemalige Bundeskanzler erfolgreich gewehrt. Eine andere Sendung würde es auch mit Lafontaine nicht: Es geht ums Rechthaben. Hatte Schröder recht, als er regierte, hatte Schreiner mehr recht, als er den Bundeskanzler Schröder immer kritisierte, oder hat Heiner Geißler am meisten recht, weil er zur aktiven Politik den größten Abstand hat und deswegen nie den Beweis für seine Thesen wird antreten müssen?

Schröder, Schreiner, Geißler, kernige Typen, eindrucksvoll vernarbte Gesichter, und doch ein Triumvirat der verlorenen 60 Minuten. Sie sind Ersatzleute, sie sind Vergangenheit und sie stehen für deren Bewältigung. Wer sich für die Zukunft des Landes interessiert, kann an das Trio ernsthaft nicht denken. Aber „Sabine Christiansen“ muss senden, Woche für Woche, so verlangen es das Format, das ausgedruckte Programm und der Vertrag mit der ARD.

Wer jetzt ein „SC“-Bashing erwartet, der muss dringend an die letzte Ausgabe von „Berlin Mitte“ erinnert werden. „Berlin Mitte“ ist die Antwort und die Konkurrenz des ZDF zu „Sabine Christiansen“ im Ersten. Vielleicht ist die Illner-Truppe noch ratloser als der „Christiansen“-Clan. Am vergangenen Donnerstag war der Fußball-Kaiser bei „Berlin Mitte“. Als Solo-Gast. Franz Beckenbauer bekam an diesem Tag in Berlin die „Ehren-Victoria“ überreicht, und weil das Motiv so fotogen war, übergab die Kanzlerin Angela Merkel den Pokal. Dann tauchte Beckenbauer in seinem Heimatsender ZDF auf, und wurde von Maybrit Illner in ein freundliches, zuweilen pueriles, stellenweise parfümiertes Parlando verwickelt.

Der Auftrag für Sabine Christiansen und Maybrit Illner lautet: eine politische Talkshow. Teuflisch schwierig, wo die große Koalition als öffentliche Säuseltruppe der beiden Volksparteien von Union und Sozialdemokratie mit gelegentlicher Fingerhakelei die Talkshow ihrer natürlichen Mechanik beraubt hat: die Regierung einer Volkspartei gegen die Opposition der anderen Volkspartei, die potenziell immer die nächste Regierung ist. Die erste große Koalition in der Geschichte der politischen Talkshow bringt das Fernsehformat an den Rand. Solange Sozialdemokratie und Union miteinander regieren wollen und die nächste Bundestagswahl noch Lichtjahre entfernt ist, werden bei „Christiansen“ und „Berlin Mitte“ nicht die Bestimmer und Ansager der Schwarz-Roten Platz nehmen, um sich gegenseitig Versagen vorzuwerfen. Dass Angela Merkel seit der Wahl 2005 zur Kanzlerin nur einmal aufgetreten ist – am 28. September 2006 bei Illner – liegt, na klar, am Amt. Aber die anderen Spitzen der Koalition? Müntefering: kein Mal. Stoiber: kein Mal. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum nach der Wahl 2002 war Stoiber fünf Mal zu Gast (drei Mal „SC“, zwei Mal „Mitte“), Müntefering sechs Mal (jeweils drei Auftritte).

Und die „Kleinen“? Dass Guido Westerwelle, Claudia Roth, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine sich ewig und drei Tage nur an der zweiten Reihe reiben wollen, passt zu deren Ego und Selbstverständnis nicht.

Die Parlamentarier haben es schneller begriffen als die Talkshow-Redaktionen. Die alles absorbierende Macht der großen Koalition hat die Sitzreihen während der Bundestagsdebatten weiter geleert. Würden vor einer Generalaussprache zwei Drittel der Sitze abmontiert, müsste immer noch kein Mitglied des Parlamentes stehen. Die schwarz-rote Regierung besitzt eine derart erdrückende Mehrheit, dass im Parlament niemals um eine Mehrheit gerungen werden muss, allenfalls Argumente für das So-und-nicht-Anders in die Öffentlichkeit vermittelt werden müssen. Da bleibt der gemeine Abgeordnete lieber in seinem Büro, schaut Parlamentsfernsehen und sortiert zeitsparend Akten und Termine vor.

Die große Koalition eliminiert einen großen Feind: die Politshow, und sie ruiniert einen großen Freund: die Politshow. Angela Merkel und Sabine Christiansen, das sind auf eine merkwürdige Weise siamesische Zwillinge.

Den politischen Talkshows fehlt es an Relevanz und an relevanten Gästen. Das hat auch das Publikum bemerkt. In dem Maße, wie die Volksparteien an Zustimmung verlieren (und die Wahlen an Wählern), verlieren „SC“ und „Berlin Mitte“ an Zuneigung. Selbst die Hardcore-Fans in Polit-Deutschland, die treuen Zuschauerinnen und Zuschauer des Senders Phoenix, können sich die Prime Time ohne politische Gesprächssendung vorstellen. Seit Beginn dieser Woche hat Phoenix seine Talks in den Spätabend verschoben – Dokumentationen gehen um 20 Uhr 15 einfach besser.

Wo die Relevanz sich absentiert, wird die Prominenz platziert. Schröder bei „Christiansen“, Beckenbauer bei Illner, vom reinen Politiker-Casting geht es hin zur bunten Mischung, damit die Quoten stimmen. Sportler, Unternehmer, Professoren plus der von einschlägiger Politik betroffene Hans Mustermann werden auf die Stühle gebeten, die die Großen der großen Koalition geräumt haben.

Mit ihren neuen Varianten bei der Gäste- und der Themenliste haben sich Christiansen und Illner in fremde Gefilde aufgemacht. Christiansen ist Beckmann, Christiansen sieht Sandra Maischberger zum Verwechseln ähnlich, die Illner macht den Johannes B. Kerner. Beispiele? Das einzig bedeutsame politische Gespräch seit dem Ende der Sommerpause fürs Gesprächsfernsehen führte Reinhold Beckmann mit Murat Kurnaz, dem „Bremer Taliban“. Zweitens: Sandra Maischberger hat sich für ihre heutige Sendung das Thema „Wut auf die Mächtigen – warum lassen sie uns im Stich?“ einfallen lassen, das zu diskutieren aufgefordert sind: Kurt Biedenkopf, 76, Paul Kirchhof, 63, Erhard Eppler, 79. Wieso hat diese Runde nicht schon bei „Sabine Christiansen“ zusammengesessen, warum fehlt heute Abend Heiner Geißler? Ach so, der Norbert Blüm, 71, hatte Zeit und macht der Maischberger den Heiner Geißler.

Wenn es der politischen Talkshow schlecht geht, muss keiner in Depression verfallen. Es ist halt so, und obwohl es so ist, muss es nicht schlecht sein. Und Politik, strittig und umstritten, findet weiter statt. Nur das Leitmedium Fernsehen ist herausgefordert, seine zuschauergängige Antwort zu formulieren auf eine Politik, die eine große Koalition formuliert. Magazine, Dokumentationen, „Ich stelle mich“, „Hart, aber fair“ ...

Oder sollten Schröder, Schreiner, Geißler nicht das vorletzte, sondern das letzte Aufgebot für die deutsche politische Talkshow sein? Das wollen wir nicht annehmen, denn vom letzten Aufgebot wollen wir nicht unterhalten und nicht regiert werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar