Medien : Die neue Macht

Nach Kritiker und Quote kommen die Fansites

Joana Hauff[Kurt Sagatz]

„Herr Jocic, wir gratulieren Ihnen zu diesen fantastischen Zuschauern!“ Die Meldung, dass Pro 7 die Sendung „Mein neuer Freund“ mit Christian Ulmen bereits am 24. Februar wieder ins Programm nehmen wird, verbreitete sich nahezu in Lichtgeschwindigkeit durchs Internet. Und auf der Webseite www.meinneuerfreund.de freute man sich, dass die im World Wide Web organisierte Fangemeinde ihren Anteil daran hatte, dass der Sender seine Meinung zum Ulmen-Format erneut überdachte. Schließlich hatte Pro 7 erklärt, mit dieser Entscheidung werde „der Comedy-Realityshow und seinen sehr aktiven Fans“ eine zweite Chance gegeben.

Fansites, wie die überwiegend von Fans selbst gestalteten Seiten im Internet heißen, sind zur dritten Gewalt im Fernsehgeschäft geworden. Wo früher einmal der Kritiker alleine herrschte, später begleitet von der Macht der Quote, kann es sich heute kein Sender mehr leisten, die Fans zu vernachlässigen, die sich notfalls laut Gehör verschaffen in der Medien-Demokratie des Netzes.

Das Selbstbewusstsein der mehreren Tausend Ulmen-Fans kennt seither keine Grenzen mehr: Schon melden sich Stimmen, die überhaupt nicht damit einverstanden sind, dass sich Ulmen den Fernsehdonnerstag nach 23 Uhr mit Harald Schmidt teilen soll. „Noch nicht genug“, meinen die Fans und fordern den Sender zu Nachbesserungen auf – per Mail an zuschauerservice@prosieben.de. Mailaktionen können durchaus Erfolg haben, „wenn auch im Sender Leute glauben, dass ein Format auf einem anderen Sendeplatz mehr Erfolg haben kann“, sagt Susanne Lang von Pro 7.

Zuschauer, die einer Sendung wie beispielsweise der „Lindenstraße“ über viele Jahre die Treue halten, finden durchaus Gehör, bestätigt auch Hans W. Geißendörfer: „Es gibt immer wieder Ideen von Euch, die wir mit unseren Autoren diskutieren“ erklärte er im Internet-Chat mit „Lindenstraßen“-Zuschauern. Dann wird auch schon mal ein Schauspieler aus seiner Rolle geschrieben, fügt „Lindenstraßen“-Dramaturgin Iris Hohmann hinzu.

Dass die Macht von Fans und Fernsehvolk dennoch begrenzt ist, dafür steht Harald Schmidt. Mit allen Mitteln sollte Schmidt Ende 2003 von seiner Kreativpause abgebracht werden. Doch weder die zahlreichen Proteste auf der Webseite geh-nicht.de halfen, noch konnte ihn die kurzfristig via Internet organisierte Demo vor dem Studio 449 umstimmen. Von Schmidt lassen, das gelingt eben nur schwer. Über www.schmidt.de prangt immer noch das Sat-1-Logo.

Warum Fans ihren eigenen Seiten brauchen, wird auch mit Blick auf die ARD- Homepage zu „Harald Schmidt“ deutlich: „Mit größtem Vergnügen nimmt er Prominente, Sportler und Politiker auf die Schippe“, wird dort humorfrei geworben. Immerhin gelangt man über daserste.de/haraldschmidt zum Video- Best-of der Sendungen. Wenn schon „Bild“ nicht mehr in einst gewohnter Ausführlichkeit seine Worte rezitiert, muss der Fan eben anders umworben werden.

Dabei haben die Fanseiten oft mehr Möglichkeiten als die Sender selbst. Diese verfügen zwar über das beliebteste Gut der Fansites, die Rechte an Bildern, O-Tönen und Videos, aber die effektivere Organisation liegt bei den Amateuren. In kürzester Zeit können sie über ihre Newsletter auch noch den letzten Fan von „Verbotene Liebe“ oder „Lindenstraße“ erreichen. Kooperation ist dabei alles: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und die „Simpsons“ sind nur zwei Beispiele, bei denen unterschiedliche Fansites in einem Webring organisiert sind. Wehe dem Sender, der sich gegen diese Fans stellt.

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