Medien : „Die Passion Christi“ verstehen

Eine Arte-Dokumentation erklärt, was bei Mel Gibson nur zu sehen ist

Kerstin Decker

„Die Geburt des Christentums“ auf Arte ist die Alternative zu Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Und für alle, die doch schon im Kino waren, ist die zehnteilige Reihe, die heute startet, das ideale Rekonvaleszenzprogramm. Am meisten nervt bei Gibson doch die Tonspur. Der Triumph der Geräusche. Hier nicht. Und warum soll man auch zugucken, wie einer fast zwei Stunden lang ein Kreuz einen Berg hochträgt? Hinterher ist man genau so klug wie vorher, Arte aber gibt uns die Chance, in nicht mal einer Stunde viel klüger zu werden als wir vor der „Geburt des Christentums“ waren.

Alle, die bei dem Wort Geschichtsdokumentation an Guido Knopp denken müssen, seien trotzdem gewarnt. Nicht mal eine sehenswerte Ausgrabung gibt es hier. Dabei fühlt sich unser materialistischer Verstand erst richtig beruhigt, wenn er wenigstens eine historische Scherbe in den Händen hält. In „Die Geburt des Christentums“ sehen wir nichts als Gesichter in Nahaufnahmen. Sie wechseln ungefähr alle drei Minuten, um öfter wiederzukehren. Keine Heiligengesichter, es sei denn, man betrachtet Akademiker, wie es das 18. Jahrhundert tat, als die legitimen Nachfolger der Heiligen. Wir schauen also unablässig in sehr zeitgenössische Professorengesichter, auf denen sich keine religiöse Exstase, dafür aber die schöne Exstase des Wissens spiegelt. Die Dramaturgie der Autoren Jérome Prieur und Gérard Mordillat folgt dem Prinzip: Keiner fragt – Professoren antworten. Es kommt darauf an, das Avantgardistische dieser Form zu erkennen.

Hier geben die Berufensten Auskunft. Auch bei Gibson sprechen zwar alle scheinauthentisch Aramäisch, weshalb den Syrern der Film so gut gefällt, weil dort noch manche Aramäisch verstehen. Aber sonst? Bei Gibson geschieht die Geburt des Christentums so: Jesus stirbt am Kreuz, die Erde bekommt Risse, der Himmel nimmt eine unangenehme Farbe an und eine Krähe hält sich streng an die Regel, der anderen kein Auge auszuhacken und verübt die Tat statt dessen an einem von Jesus’ Mitgekreuzigten.

Das ist den Professoren zu wenig. „Die Geburt des Christentums“ fängt also noch einmal dort an, wo „Die Passion Christi“ endet. Was machen die völlig überraschten Jünger nach dem Tod ihres Messias? Vorerst fliehen sie aus der Stadt, denn sie könnten die nächsten sein am Kreuz. Aber dann kehren sie zurück, ins Herz der Gefahr. Warum? Auch Nichttheologen wissen, dass die ersten Christen – darf man überhaupt schon Christen sagen? – anders glaubten als die späteren. Sie warteten auf das Reich Gottes, das in jedem Augenblick kommen musste. So hatte es Jesus gesagt. Wenn also an diesem unmöglichen Messias doch etwas dran sein sollte, dann kehrt er sofort zurück und bringt das Reich Gottes gleich mit. Wo aber betritt er den Erdboden? Natürlich dort, wo er ihn verlassen hat, vermuten die Professoren. Insofern sind heutige Christen solche, die noch immer wie die allerersten auf die Wiederkunft Jesu warten, nur dass sie inzwischen das Warten revolutioniert haben. Sie haben es selbst zur Religion gemacht. Ja, mehr noch: Solche, die ernsthaft die baldige Wiederkunft des Herren erwarten, haben keine guten Karten. Und manche fühlen sich noch immer getäuscht: Jesus kündigte das Reich Gottes an, und was kam? Die Kirche.

Darum geht es in den Erzählungen der Akademiker, die aber nicht akademischer als nötig klingen. Und kein vorderorientalisches Kamel zwischendurch zur Auflockerung, keine Palme, nicht der Himmel über Jerusalem, gar nichts. Dafür lernen wir wieder, das scheinbar Selbstverständliche so unselbstverständlich zu sehen, wie es wirklich war. Denn wie konnte es geschehen, dass so ein paar Schismatiker einer ohnehin etwas abstrusen Religion einer kleinen eroberten Provinz (mit den Augen Roms gesehen) sich über die ganze Welt verteilten?

Keine Ankündigung sollte Ergebnisse vorwegnehmen. Tun wir es trotzdem, wenigstens eins: Schuld war – vor 2000 Jahren wie heute – eine stillschweigende Rentenreform. Die Fachleute formulieren das nur ein wenig anders. War es denn irgendwie einzusehen, dass die Witwen der griechischen Naherwarter weniger Altersversorgung bekamen als die Witwen der hebräischen Naherwarter? Mit dem Renten-Problem hatte keiner gerechnet. Lauter Quasi-Kommunisten teilten alle Güter, weil das Ende aller Tage ohnehin bevorstand. Woraus wir lernen, dass Kommunismus entsteht, wenn sowieso alles zu spät ist. Selbstverständlich gab es auch damals schon Realisten, die etwas beiseite legten für den Fall, dass Jesus sich verspäten würde. Und nun starben schon die ersten und hinterließen ihre Frauen.

Wir sind hier in Palästina, also bekommt eine hebräische Witwe mehr als eine griechische Witwe. – So ungefähr müssen die Ökonomen der Urgemeinde gedacht haben, was zur Empörung der Griechen führte. Seit wann gibt es Witwen erster und zweiter Klasse? Also verließen die Griechen Jerusalem, und wenn man schon einmal unterwegs ist, kann man ja allen mitteilen, dass da einer kommen wird. Vielleicht nicht sofort. Aber bald. Oder etwas später.

„Die Geburt des Christentums“, 20 Uhr 45, Arte. Weitere Folgen 9., 10., 16. und 17. April

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