Medien : Die Pulsmesser der Nation

Seit 1990 hat sich die Zahl der Wahlumfragen verfünffacht. Schuld sind die Medien, die pausenlos frische Stimmungsdaten anfordern

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Von Josef-Otto Freudenreich

und Matthias Schmidt

Überall, wo aus Zahlen Erzählungen gemacht werden, sind Künstler am Werk. Auf keinen trifft die Bezeichnung besser zu als auf Edgar Piel in Allensbach. Dr. Edgar Piel, 56, grauer Bart, randlose Brille, hat nach dem Studium der Philosophie und der Literaturwissenschaften Hörspiele verfasst. Er malt Bilder und schreibt Bücher, unter anderem zum „Problem der Subjektivität in der modernen Literatur“. Zum Institut für Demoskopie in Allensbach ist Piel 1980 gekommen. Seine Frau hatte ihm geraten, er solle mal üben, wie man sich bewirbt. Aus der Übung wurde ernst – und aus Piel ein Meinungsforscher.

Seit 22 Jahren sitzt Piel nun schon in dem schmucken Fachwerkhaus mit Blick auf den Bodensee, in dem sich das Institut einst niederließ, weil die Gründerin Elisabeth Noelle- Neumann ganz in der Nähe wohnte. Es ist der Rand der Republik, von dem aus die Allensbacher seit 1947 versuchen, in die Köpfe der Deutschen zu blicken. Piel hat dabei eine wichtige Funktion: Er muss die Zahlen, die der Forschungsapparat liefert, in Prosa verwandeln. Piel schreibt die Allensbacher Berichte, in denen monatlich Erkenntnisse zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft referiert werden. „Es ist nicht ganz einfach, aus dem trockenen Material einen lesbaren Bericht zu machen“, sagt Piel. Das ist ein kleines Selbstlob, und Piel lächelt verlegen.

Viel bekannter als Edgar Piel sind natürlich Elisabeth Noelle-Neumann, 85, und Renate Köcher, 50, die beiden Geschäftsführerinnen. Erstere, berüchtigt als Pythia vom Bodensee und Intima von Helmut Kohl, hat sich erst kürzlich wieder in bewährter Manier zu Wort gemeldet. Zwei Monate vor der Bundestagswahl behauptet sie forsch, an Stoibers Sieg sei nicht mehr zu rütteln. Dass die Zahlen diesen Schluss hergeben, bezweifeln alle Konkurrenten. Piel, der auch Pressesprecher des Hauses ist, sagt, man müsse zwei Dinge unterscheiden: die Forschungsergebnisse und die Kommentare der Chefin.

Allensbach, das CDU-nahe Institut. „Lästig“ sei ihm dieser Ruf, sagt Piel. „Es kratzt an der Seriosität. Wir sind nicht Mitglied der CDU.“ Es sei auch nicht so, dass der Forschungsapparat die Zahlen produzierte, die der Gründerin gefallen. „Die Zahlen werden nicht von ihr gemacht, da kann sie kommentieren, wie sie will.“ Okay, neulich sei Helmut Kohl zum Geburtstagsfest von Frau Köcher gekommen. Andererseits habe Frau Köcher auch schon in der Kampa der SPD referiert. Und die SPDler, erinnert sich Piel, hätten „sehr aufmerksam zugehört“.

In Wahlkampfzeiten herrscht Vollbeschäftigung bei den Demoskopen. Pausenlos erheben die Institute Zahlen, im Vergleich zur Wahl von 1990 gibt es fünf Mal mehr Umfragen. Dabei sind es weniger die Parteien, die Nachschub fordern, als vielmehr die Medien. Der Pferderennen-Journalismus, wie es in den USA heißt, hat Hochkonjunktur: Wer liegt vorn, wer bricht ein, wer hat noch Luft? Allensbach präsentiert in der heißen Wahlkampfphase im Auftrag der „FAZ“ jede Woche die aktuellen Trends. ARD und ZDF, beliefert von Infratest und der Forschungsgruppe Wahlen, gehen den Rhythmus mit. Fraglich ist, ob die Unzahl der Stimmungstests die Aufmerksamkeit wert ist. Selbst die seriösesten Zahlen sind Zahlen von beschränktem Wert.

Wer hat die besseren Zahlen?

Meinungsforschung ist kompliziert. Immer kommt alles auf die Formulierung der Fragen an, auf die Anzahl der Interviewten und darauf, wie sie ausgesucht werden. Die Antworten werden je nach Institut anders „gewichtet“, um Prognosen abzuleiten. Sie sind Wahrscheinlichkeitsaussagen. Und deshalb gibt es Fehlerquoten. Für Politiker, die sich ein Bild von Volkes Meinung machen wollen, ist die empirische Forschung trotzdem die beste aller Methoden.

In Allensbach macht politikbezogene Forschung nur 14 Prozent des Umsatzes von gut acht Millionen Euro aus. Das meiste Geld bringt die Markt- und Werbeträgeranalyse, bei der es um Konsumgewohnheiten und Mediennutzung geht. Die Wahlvorhersage aber gilt als wichtigster Imagefaktor. Sie ist laut Piel „die einzige Gelegenheit zu zeigen, wie nahe man an der Realität dran ist“. Kein Wunder, dass Piel gern darauf verweist, dass Allensbach als einziges Institut 1998 die Abwahl Kohls vorhergesagt habe. Sein ganzer Stolz: Die Abweichung vom Endergebnis habe pro Partei nur plus/minus 0,4 Prozent betragen. Diesjährige Spezialität der Allensbacher: die Hurra-Meldungen für die FDP. Keiner sonst sieht die Partei so weit oben.

Die Analytiker vom Bodensee führen das auf ihre intensive Beschäftigung mit „taktischen“ Zweitstimmen, auf ein überlegenes Instrumentarium und auf ihre größere Erfahrung zurück. Im Gegensatz zur Konkurrenz, die nur Telefoninterviews macht, beschäftigt Allensbach Interviewer, die den Befragten von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen. Außerdem verlässt sich das Institut auf ein Quotierungsverfahren und nicht auf Zufallsstichproben, wie es der reinen Lehre der empirischen Sozialforschung entspräche. Es schreibt den Interviewern vor, im weiteren Bekanntenkreis nach Kandidaten zu suchen, die bestimmten Kategorien entsprechen. Zum Beispiel: männlich, Stadtbewohner, Akademiker. Die Konkurrenz spottet, die Interviewer würden bei immer den gleichen Personen landen, Allensbach halte sich eine „Befragtenfarm“. Meinungsforscher machen sich gern gegenseitig madig.

Schröder bevorzugt Forsa

Auch Manfred Güllner, Chef von Forsa, ist gerne mit von der Partie. Bei Allensbach sowieso, weil er „die Noelle“ nicht verputzen kann. Der 60-Jährige könnte stundenlang erzählen über ihre Prägung durch die Nazizeit, ihre Parole „Freiheit oder Sozialismus“ oder den „Etikettenschwindel“, wenn das Institut noch Ziffern hinter dem Komma ausweise. „Wir können keine exakten Prognosen liefern“, relativiert Güllner, „nur Meinungsbilder“. Und deren Fehlerbandbreite liege eben bei plus/minus 2,5 Prozent. Güllner ist neben Noelle-Neumann der bekannteste Pulsmesser der Nation. Der Kanzler ruft ihn an, wenn er eine „verlässliche Interpretation von verlässlichen Daten“ braucht, sagt der Mann, der seit 38 Jahren in der SPD ist. Dafür schreibt ihm der Regierungschef auch ein Vorwort für das Buch „Was Deutschland bewegt“.

Was er seinen Genossen empfehlen würde? Güllner lehnt sich in seinem roten Sessel in dem Berliner Großraumbüro zurück, hinter sich Karl Marx in Öl. Erstens, darin ist er sich mit allen Kollegen – außer Allensbach, versteht sich – einig: Die Wahl ist offen. Auch eine Wechselstimmung, wie vor vier Jahren, gebe es nicht. Nicht, weil die Leute die SPD und die Grünen toll fänden. Sie finden nur die CDU und Stoiber nicht besser. „Die einzige Chance ist Hartz.“ Dessen ist sich Güllner gewiss. Hunzinger hin, Bonusmeilen her, alles Peanuts, Kurzzeitaufreger im Vergleich zu diesem Dauerthema.

Sein Institut hat sich mit demselben Problem herumzuschlagen wie alle anderen: Der Wähler ist launisch. Die Zahl der „gebundenen“ Sympathisanten nimmt ab. Bei SPD und CDU sind es noch um die 25 Prozent, bei den Grünen knapp fünf, bei der FDP sogar nur zwei. Dagegen wächst die Zahl der Kurzentschlossenen (bis zu einem Drittel), die sich erst wenige Tage vor der Wahl entscheiden, sowie jene Klientel der Nichtwähler (rund 20 Prozent). Das alles sollen sie in ihre Prognosen einarbeiten, auch wenn die Befragten schwindeln, was das Zeug hält. 50 Prozent der Nichtwähler von 1998 hätten erzählt, sie hätten gewählt, berichtet Güllner. Und jetzt kommt noch etwas in Deutschland gänzlich Unerforschtes hinzu: TV-Duelle. Sie elektrisieren die Wahlforscher. Bis zu 1,5 Prozent könnte es bringen, glaubt Güllner, wenn der Kanzler den Bayern richtig alt aussehen ließe.

Sein Kollege Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest dimap in Berlin, misst dem Duell weniger Bedeutung bei. Interessant sei die Show freilich schon, weil die Institute bis zu zehn Millionen Zuschauer erwarten. Insoweit ist verständlich, dass Guido Westerwelle dabei sein wollte. Doch wenn der Araberfreund „aus der Kiste springt“, könnte es schwierig werden, den Juniorpartner zu spielen, warnt Hilmer und verweist auf den Absturz der Liberalen nach Möllemanns Israel- Attacken: von 13 auf acht Prozent. Auch Hilmer macht für sich geltend, dass er nur die Zahlen wertet, nicht die Politik. Bei seinem Hauptkunden, der ARD, werde absolute Unabhängigkeit erwartet, sagt der 50-jährige Diplomsoziologe.

Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Hausmarke des ZDF, hat ihre politische Zuneigung paritätisch verteilt. Dieter Roth wird der SPD zugerechnet, Matthias Jung der Union. Bedenken hat Geschäftsführer Roth, der unter einem Bertolt-Brecht-Porträt sitzt, eher wegen des Qualitätsverfalls in der Meinungsforschung. Im Gegensatz zur Zahl der Befragungen habe die Sorgfalt nicht zugenommen. „Wer macht sich denn die Mühe und prüft nach der Wahl, was Frau Noelle- Neumann im Juni gesagt hat?“, fragt Roth. Ein leuchtendes Vorbild geben die Mannheimer aber auch nicht ab. In der viel zitierten Politbarometer-Sendung des ZDF bleibt eine Zahl stets ungenannt: die logische Fehlerquote der Ergebnisse von bis zu drei Prozent.

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