Medien : Die Quasselbude

Starke Anke Engelke, peinliche Tonpanne: Der Song Contest als mediales Event

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Christkind bei Pro 7. Gut zwei Millionen Menschen haben sich das erste Halbfinale des Song Contest angesehen, moderiert von Anke Engelke, Stefan Raab und Judith Rakers (v.l.). In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil bei guten 12,7 Prozent. Foto:dpa
Christkind bei Pro 7. Gut zwei Millionen Menschen haben sich das erste Halbfinale des Song Contest angesehen, moderiert von Anke...Foto: dpa

Minutenlang war Peter Urban, Deutschlands ewiger Grand-Prix-Moderator, nicht zu hören. Dann schafften es die Techniker, eine Telefonverbindung herzustellen. Es knackte, wie in alten Grand-Prix-Zeiten. „Nein, wir senden nicht aus Kasachstan, sondern aus Düsseldorf. Ersparen Sie mir bitte jeden Kommentar!“, sagte Urban. Der Eurovision Song Contest 2011, kurz ESC genannt. Eine gigantische mediale Inszenierung der Partnersender ARD und Pro7, jeden Tag ein endloser Reigen an Moderatoren, Lena, Raab, Raab, Lena, Experten, Filmchen, Anekdoten; über zehn Millionen Euro Ausgaben in Technik und Infrastruktur, Monate der Proben und dann das: Während der großen Liveübertragung beim ersten Halbfinale am Dienstagabend auf Pro7 kam es zu einer Tonstörung. Peter Urban und Steven Gätjen mussten für längere Zeit via Telefon kommentieren. Rund zwei Millionen TV-Zuschauer in Deutschland waren Zeugen. Der NDR teilte am Mittwoch mit, dass es sich bei der Panne um einen Aussetzer in den Mehrkanal-Ton-Verbindungen gehandelt hat. Inzwischen sei das Problem, von dem mindestens zehn Länder betroffen waren, aber behoben, ein Backup-System soll zusätzliche Sicherheit geben.

Bis Samstagabend, bis zum großen Finale, ist noch Zeit zum Üben. Die ARD hat mit „ESC 2011 – Die Show für Deutschland“ montags bis freitags um 18 Uhr 50 zumindest schon mal ihr Formatproblem am Vorabend gelöst und da auch noch keine Tonprobleme. In der Zitrone ESC soll viel, viel Saft sein. Jeden Abend darf ein anderer Moderator in der Düsseldorfer Arena aus der „ARD-Lounge“ ran, die so aussieht, wie früher das WM-Studio bei Gerhard Delling und Günter Netzer. Am Dienstag plauderten Barbara Schöneberger, Comedian Kaya Yanar und Jan Feddersen 50 Minuten munter drauflos. Höhepunkt war, als Lena in die Garderoben der Konkurrenz Kartoffelsalat brachte.

Minuten später tauchten Lena und ihr Kartoffelsalat, welche Überraschung, auch bei Pro7 auf. Der Privatsender teilt sich zusammen mit der ARD die Ausrichtung und Übertragung des Song Contests, Lena und nun auch noch ihren Kartoffelsalat. Vorschlag für den ESC 2012: Parallelübertragungen! Unbedingt! Wie bei der englischen Prinzenhochzeit. Wer glaubt, Unterschiede zu finden zwischen der „Show für Deutschland“ und „Eurovision total“, dem täglichen Beitrag von Pro7 zum Thema „Und wir warten aufs Christkind/ESC-Finale/Lena“, darf die nächsten Tage ruhig weitersuchen.

Pro7 hat auch eine Lounge und einen Vielquassler namens Matthias Opdenhövel, verlässt sich dabei nur nicht alleine auf Rückblicks-Bilderbogen á la „Die Top Ten der schlechtesten ESC-Frisuren“, sondern verdient sich mit Telefongewinnspielen wie „Mit welchem Song gewann Nicole 1982 den Wettbewerb? (A: Ein bisschen Frieden oder B: Zwei bisschen Frieden) noch was dazu. Wie schon gesagt, das Ganze hier kostet was. Über zehn Millionen Euro für die Veranstaltung tragen alleine die Gebührenzahler via ARD.

Zum Rechnen und Rätseln blieb am Dienstagabend nach Schöneberger und Opdenhövel aber kaum Zeit. Es ging Schlag auf Schlag weiter. Erstes ESC-Halbfinale, auch auf Pro7. Das zweite Halbfinale am Donnerstag läuft im Ersten. Das Wichtigste aus televisionärer Sicht: Stefan Raab, Anke Engelke, Judith Rakers und die Frage nach der Moderatoren-Vorherrschaft. Ein Lautmaul-Moderator, eine Comedian, eine coole Nachrichtendame. Vorher dachte man: Kann das gutgehen? Ja, wenn man die grandiose Engelke noch mehr machen lässt. Engelke rockte, nicht nur am Ende die eher dröge Siegerverlesung der Finalisten: „Halbzeit, as we say in German, which means Halbzeit.“ Sie ist in Kanada aufgewachsen, spricht fließend Englisch und Französisch. Rakers kann dazu noch Italienisch und machte später ein bisschen backstage bei den Combos aus Portugal, Serbien oder San Marino. Stefan Raab versuchte, in schlechtem Englisch die große Arena zu bespielen. Das kann er nicht.

Einer oder eine hätte auch gereicht. Das gilt noch mehr für die Kommentatoren Urban und Gätjen, die sich bei der Vorstellung der 19 größtenteils unfassbar skurrilen Choreografien öfters mal in die Parade fuhren und später eben auch noch über einer kaputten Tonleitung saßen. Trotzdem, blamiert hat sich Deutschland als Broadcaster in den zwei Stunden vor der Welt wohl nicht. Für das Moderatorenteam ist bis zum Finale am Samstag noch Luft nach oben, gerade, was die Rollenverteilung betrifft. Am Samstag werden wohl 120 Millionen Zuschauer vorm Fernseher sitzen. Zwölf mal mehr als bei „Wetten, dass…?“

„Eurovision Song Contest: das zweite Halbfinale“, ab 20 Uhr 15, ARD

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