Medien : Die Queen

Sie ist seriös, gelegentlich etwas tütelig, aber eine feste Bank: Heute wird die „Neue Zürcher Zeitung“ 225 Jahre alt

Peter Glotz

Langsam wird sie konkurrenzlos, die „Neue Zürcher Zeitung“. Das hängt natürlich zuerst einmal mit ihrem Alter zusammen; welche große europäische Zeitung kann auf eine so lange, ununterbrochene Tradition zurückblicken? Natürlich, die „Frankfurter Allgemeine“, „El Pais“ oder „Le Monde“ sind durchaus vergleichbare Leitmedien der europäischen Eliten. Die Londoner „Times“ aber ist durch verschiedene Besitzerwechsel und hektische Veränderungen (heute „Relaunch“ genannt) aus dem Kreis der Spitzenprodukte ausgeschieden. Die „NZZ“ ist das letzte Produkt des Schweizer Freisinns, das außerhalb der Schweiz eine gewisse Beachtung erfährt. Zum 225. Geburtstag am heutigen Tag kann man nur gratulieren.

Das heißt natürlich keineswegs, dass das Blatt in seinem Ursprungsland unumstritten sei. Vor allem der Inlands- und Wirtschaftsteil polarisieren. Durch ihre innenpolitischen Kommentare hat die „NZZ“ an der Erosion der Mitte-Parteien der Schweiz heftig mitgewirkt. Sie hat Christoph Blocher, den Zürcher Heros der Schweizerischen Volkspartei (der seit einem Jahr, in halb und halb gezähmter Form, im Bundesrat, also der Regierung, sitzt), eher gefördert als gebremst. Blocher, den einer der großen Schweizer Journalisten, Jürg Altwegg, „Gewissen und Gralshüter einer unbefleckten Schweiz“ nennt, grub sowohl dem Freisinn als auch den Christdemokraten das Wasser ab. Die „NZZ“ hat mitgegraben. Weniger auffallend ist die Tatsache, dass der Wirtschaftsteil des Blattes das ist, was die Linken heute „neoliberal“ nennen. Der Freisinn, dem das Blatt von allem Anfang an und unverdeckt verbunden war, ist gegenüber der Vorliebe der Schweizer Linken für den „Service Public“ und der keynesianischen Minderheitsposition (die man in der Schweiz sowieso nur in Spurenelementen findet) natürlich skeptisch. Schon klar, die Economiesuisse und die Bankier-Vereinigung werden ungleich besser bedient als die Gewerkschaften. Wenn man allerdings bedenkt, dass der Schweizer Boulevard, ganz anders als der deutsche oder österreichische, links ist, nicht rechts, und dass auch die andere große Zürcher Tageszeitung, der „Tagesanzeiger“ eher linksliberal argumentiert, lässt sich diese wirtschaftsnahe Ausrichtung ertragen.

Das Glanzstück der „NZZ“ ist ohne Zweifel die Außenpolitik. Nirgends in Europa, vielleicht nirgends auf der Welt, findet man so wunderbar ausführliche und exakte Berichte über ferne Länder. Gelegentlich hatte man den Eindruck, dass einige der Auslandskorrespondenten der „NZZ“, so Arnold Hottinger für den arabischen Raum oder Andreas Oplatka für Ungarn und Osteuropa, besser Bescheid wussten als die Geheimdienste. Diese beiden Stars sind inzwischen pensioniert, und es wächst weniger nach, als früher selbstverständlich war. Im Jahr 2002 hat die „NZZ“ ein Defizit von 50 Millionen Schweizer Franken gemacht. Die neue Sonntagszeitung (die sich ganz gut macht) kostet Geld. Gefährdet ist das Unternehmen allerdings nicht.

Man muss hinzufügen: Die „NZZ“ pflegt eine Tugend, die auch viele seriöse Zeitungen längst abgeschüttelt haben: Sie lässt sich in der Außenpolitik nicht in Kampagnen einspannen, sondern bemüht sich, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. So musste man während der jugoslawischen Nachfolgekriege, in der der Herausgeber Johann Georg Reißmüller die „FAZ“ auf stramm antiserbischen Kurs getrimmt hatte, immer die „NZZ“ neben das deutsche Blatt legen. Dann wusste man, was Sache war. Mit dieser Grundhaltung erfüllt die „NZZ“ geradezu eine hygienische Funktion für ganz Europa.

Bleibt noch das (sehr klassische) Feuilleton zu loben. Dort stehen neben hochgebildeten Langweilereien vor allem in der Literaturbeilage tolle Stücke, auch von deutschen und österreichischen Autoren. Man kann sich modernere Kulturteile vorstellen, die weniger Stücke publizieren, die nur ein Prozent der Leserschaft interessieren und die stärker über das Spektrum der klassischen Kultur hinausgreifen. Vielleicht sollte man aber auch nicht vergessen, dass die Schweiz über rührige Reste eines Bildungsbürgertums verfügt. Warum soll man für dieses Biotop keinen Kulturteil machen dürfen? In der Schweiz hat sogar der „Blick“, das Schweizer Pendant zu „Bild“, ein (gutes) Feuilleton.

Natürlich, die „NZZ“ ist sehr klassisch. Sie verwendet Farbe und Bilder mit ausgesuchter Vorsicht und verwirrt ihre Leserschaft nicht mit allzu vielen Reformen. Insofern ist sie die Queen der europäischen Blätter: verlässlich, seriös, gelegentlich etwas tütelig, aber eine feste Bank. Selbst wenn sie mal daneben haut, geht es ihr wie der Queen. Als der neulich ein Diener im besten Willen den Stuhl weggezogen hatte, fiel sie weich – auf ihre Lieblingshunde.

Peter Glotz ist ständiger Gastprofessor für Medien und Gesellschaft an der Universität St. Gallen . Der ehemalige Generalsekretär der SPD (1981-1987) ist inzwischen einfaches Parteimitglied.

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