Medien : Die Reifeprüfung

Im opulenten, aber uninspirierten Kostümfilm „Julie“ debütiert Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini

Barbara Nolte

Es muss eine Tortur gewesen sein. Da saß sie im „Hotel Atlantic“ in Hamburg oder im „Vier Jahreszeiten“ in München oder auf der Couch von „Wetten, dass...?“, war plötzlich aufgetaucht aus ihrem anonymen Pariser Leben in der Mitte der deutschen Journalisten. Sarah Biasini wurde umlagert und angestarrt, denn etwas vom Mythos ihrer Mutter Romy Schneider hatte, was selbst bei Kindern berühmter Eltern fast nie vorkommt, auf sie abgefärbt. Selten waren die Menschen auf jemanden so neugierig wie auf die junge Frau mit der traurigen Geschichte; sie war vier, als Romy Schneider an Herzversagen starb.

Normalerweise heißt es bei Schauspielern in solchen Fällen: Keine Fragen zum Privatleben. Aber Sarah Biasini war auf Promotionstour für ihren ersten Film. Der Mythos der Mutter ist das Startkapital, das sie mitgebracht hat. Sie musste sich alles fragen lassen, selbst zum grausamen Tod des Bruders, zum zerrütteten Verhältnis der Eltern oder wie es ist, ohne Mutter aufzuwachsen. Sie antwortete geduldig, lächelte dazu dieses sympathische, wenn man ein bisschen großzügig ist, Romy-Schneider-Lächeln, obgleich sie wusste, dass eine Betrachtung über ihr etwas groß geratenes Kinn in den Artikeln so unvermeidlich vorkam wie die Metapher „Fußstapfen“. Gibt man die Wortkombination Fußstapfen und Biasini bei der Suchmaschine Google ein, kommen jede Menge Treffer. Sarah Biasini, 27, Diplom-Kunsthistorikerin, ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Da muss sie jetzt durch.

Ihr erster Film ist eine internationale Koproduktion, zweiteilig, zwölf Millionen Euro teuer, das ist so viel wie ein Spielfilmbudget. Das Leben der Julie de Maupin wird nacherzählt, die eine berühmte Opernsängerin und Lebedame im absolutistischen Frankreich des 17. Jahrhunderts war. Der Produzent Jan Mojto hat vor zwei Jahren mit „Napoleon“ eines der aufwändigsten Fernsehspektakel aller Zeiten produziert, unter anderem mit Gérard Depardieu und John Malkovich. Sarah Biasini hat Laetitia Casta, so wird jedenfalls kolportiert, die Rolle der Julie weggeschnappt, dabei noch keinen einzigen Film gedreht, nur die Lee-Strasberg-Schauspielschule hinter sich gebracht.

Das Rollenprofil der Julie trifft das altmodische Wort Wildfang wohl am besten. Sarah Biasini reitet mit wehenden blonden Locken durch Frankreich zur Zeit Ludwig des XIV., verfolgt von den Schergen des bösen Polizeipräsidenten, die sie töten wollen. Manchmal muss sie absteigen, um einen von ihnen in einem virtuosen Fechtkampf zu erstechen. In permanenter Lebensgefahr lernt sie auch noch singen, es handelt sich ja um die Geschichte einer Opernsängerin. In ihrer Kühnheit und im Zeitdruck, unter dem sie steht, erinnert Julie an Jack Bauer in der großen Serie „24“, die in dieser Woche wieder angelaufen ist - nur dreihundert Jahre früher und zehnmal so langsam geschnitten. Während Julie also galoppiert und galoppiert, kann man die Zeit zu Studien von Sarah Biasini nutzen, die manchmal ihrer Mutter enorm ähnelt und dann wieder gar nicht.

„Julie“ ist einer dieser Filme, die sie im Winter senden, weil sie eine ähnliche Funktion erfüllen wie früher ein Kaminfeuer. Sie lenken ab, wärmen. Aber an keiner, keiner einzigen Stelle ist „Julie“ originell, und deshalb der Vergleich mit „Sissy“, dem ersten großen Film der Mutter, falsch. „Sissy“ war kitschig, aber auch rührend.

„Julie“ ist wie aus dem Kostümfilm-Computer. Man kann ihn sich anschauen, wenn man Kind ist oder Franzose – in Frankreich, wo er bereits lief, hatte er die gigantische Quote von 35,5 Prozent. Oder wenn man Pferde sehen mag oder Fechten oder Sarah Biasini.

Biasini reitet wie ein alter Jockey, dabei hat sie es für den Film erst gelernt. Sie spielt auch sehr glaubhaft. Die Eingangsprüfung in die Welt der Schauspieler hat sie locker bestanden. Ähnlich wie viele andere die Arztpraxis des Vaters übernehmen, ist sie jetzt beim Film. Geht in Ordnung. Nur den Zauber ihrer Mutter hat sie nicht. Sarah Biasinis Lächeln, das zuerst verhieß, dass da einer Romy Schneiders kraftvolles, riskantes Leben womöglich weiterlebt, es trog.

„Julie - Agentin des Königs“: Montag und Dienstag, 20 Uhr 15, Sat 1.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben