Medien : Die Reimwerker

Deutschland sucht den Superdichter: Poetry Slam goes TV im WDR

Jenni Roth

Im Kreuzfeuer von Club-Event und literarischem Boxkampf wird nun auch im Fernsehen das gesprochene Wort gefeiert. Vor laufender Kamera küsst Spoken Word Performance Art und verliebt sich in den Dichterwettstreit der Antike. Der Poetry Slam ist ausgeguckt als das perfekte Mittel für die programmatische Verjüngungskur des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Junge Dichter sollen junges Publikum vor die Fernseher bringen. Jugendaffin lässt sich Poetry Slam so übersetzen: „Ich geh auf die Bühne und hau’ mein Gedicht raus.“

In der Halleluja-Halle in Köln irren lichterne Buchstaben über das Industriegemäuer, das für den Dichterwettstreit vom Fotoatelier zum Fernsehstudio aufgemöbelt wurde. 180 Zuschauer sitzen auf dem Boden und klatschen Karsten Hohage alias Grohacke zu. Voller Leidenschaft trägt er seine Geschichte vom Froschfresser, der nicht mehr fliegen darf, zur Schau und „slamt“ mit vier weiteren Anwärtern um den Nachtsieg.

Aber lässt sich diese wortgewaltige Subkultur wirklich bildschirmfein machen? Davon ist Redaktionsleiter Klaus Michael Heinz überzeugt. „Wir haben bemerkt, wie reichhaltig die Szene ist, und uns auf den Slams nach Kandidaten umgeschaut, die das im Fernsehen widerspiegeln“, beschreibt er die ersten Gehversuche in der Szene, in der seine Trendscouts es nicht allzu schwer hatten: Nur 50 bis 100 Dichter und Denker und Performer sind es, die man bei Poetry Slams immer wieder trifft.

Auch um Mitternacht beim WDR. Wenn sich am 25. Februar „Zimmer frei“ für den Sonntagabend von seinen Zuschauern verabschiedet, stehen die Chancen gut, die jungen Leute auch zu unheiliger Stunde weiter an den Bildschirm zu fesseln. Moderator Jörg Thadeusz lobt den Mut des Senders, das wöchentliche Klamaukformat „Nightwash“ durch Dichtkunst zu ersetzen. „Diese Kunst mit Wörtern ist toll, die bläst den Fäkalscherzen der Comedians Wind in den Nacken.“ Und sie funktioniert auch ohne die ursprüngliche Idee, für echtes Kneipenambiente künstliche Rauchschwaden in die Halle zu blasen: „Die haben das hervorragend hingekriegt, vorher waren viele misstrauisch, hinterher alle positiv überrascht“, stimmt Grohacke Thadeusz zu. In der Tat hält sich das Fernsehen dezent im Hintergrund, ein ausgefeiltes Lichtkonzept mit Projektionen soll den Wettbewerb laut Redaktion „stützen, nicht dominieren“, die zahlreichen Kameras richten sich nach den Poeten und nicht umgekehrt.

Ins stimmungsvolle Bild passt auch die Moderation. Jörg Thadeusz wirkt als einziger Anzugträger unter den fast obligatorisch nachlässigen Outfits aus Schlabbershirts und Jeans locker und spricht auf Augenhöhe mit den Kandidaten. Dabei war ihm anfangs die Sache gar nicht so geheuer: „Ich dachte, auweia, da kommen einfach nur viele ungewaschene junge Leute.“ Die Angst was unbegründet, „dann waren es aber richtige Dichter, irre, wie viel Fantasie und Feingeist die an den Tag legen.“ Und das tun sie immer öfter. Neben den Hochburgen München, Berlin und Darmstadt treten landauf, landab hochkarätige Poeten bei neuen Slams in die Spoken-Word-Pedale, und auch in der Schweiz sind die Dichter ganz oben angekommen: Dort steht schon einmal eine Seilbahn nachts ganz im Dienst der Dichter und Fans, um ihnen einen Wettstreit mit Alpenpanorama zu bieten. 20 Jahre hat es gedauert, bis die lyrische Welle nach Europa schwappte, aus den USA, wo sie vor rund 30 Jahren als Gegenentwurf zur elitären Hochkultur in New York das Licht der Szene erblickte.

Während das Fernsehen den Trend zum Programm macht, stehen die Literaturverlage dem Boom hilflos gegenüber und wissen nicht, wie sie das unkonventionelle und wenig druckreife Genre verwerten könnten: Die Form ist frei, Hauptsache, die Texte sind selbst verfasst, die Dauer der Performance ist limitiert, das Publikum fungiert als unabhängiges Klatschbarometer; je lauter, desto Sieger. Fernab vom verstaubten Literaturcafé-Image leben die Texte von der dichterischen Leidenschaft oder von der schauspielerischen Leistung. Sonst wäre auch Dörthe Eickelberg gar nicht mit von der Partie, schließlich seien reine Lesungen „das Langweiligste überhaupt“. Die Quotenfrau der Pilotsendung schwärmt wie ihre Kollegen von der „wahrhaftigen Stimmung: Das Genre wird beim WDR nicht verraten.“ Ein Wermutstropfen bleibt: Gehört die Bühne sonst bis zu zehn Minuten Versen und Reimen, Prosa oder Rap-Stakkato, sitze einem vor der Kamera die „Zeit wie ein Schraubstock im Nacken“: Nach drei Minuten fallen den Poeten im Studio „Die Mariachis“ mit ihrer Musik krachend ins Wort.

So ganz traut man der wankelmütigen Künstlerseele dann aber doch nicht. Die ersten neun Sendungen wurden vorab aufgezeichnet, ein Quäntchen Authentizität bleibt auf der Strecke. Und: Auf den Siegerschluck aus der szeneüblichen Whiskyflasche wartet man vergebens. Was auch an der Angst vor Vorwürfen der Schleichwerbung liegen könnte.

„WDR Poetry Slam“: Premiere am Sonntag, 25. Februar, WDR, 0 Uhr

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