Medien : Die Republik geht spielen

Barbara Sichtermann

Wetten, dass…? – ZDF. „Ohne die Wetten“, sagte Gottschalk live, „hat das alles hier überhaupt keinen Sinn.“ Und so ist es. Das Schönste: Die Wetten selbst haben nicht den geringsten Sinn. Deshalb sind sie so gut. Und deshalb lebt die Show immer noch.

Bierkästen stapeln, und zwar horizontal in der Höhe von etwa einem Meter – haben Sie’s schon mal versucht? Man steckt Kasten auf Kasten gegen den aus der Wand hervorwachsenden Bierkästenquader, muss kräftig dagegendrücken, damit die Spannung hält, und man schafft dreißig Stück – sofern man aus dem Münsterlande stammt und Bauingenieur oder Schlosser ist. Wette gewonnen. Gottschalk (gerührt): „Stolz?! – Aber nicht zu sehr…“ Gewinner (bescheiden): „Man bemüht sich.“ – Comedian Michael Mittermeier, gerade zurück aus den USA, hatte dagegen gewettet und muss nun als Wettschuld für Sophia Loren, die gerade siebzig geworden ist, einen Zylinder aufsetzen und ihr ein Ständchen bringen.

Die Weltstars, von denen man, besonders wenn sie, wie Joe Cocker, von weither kommen, immer mal wieder den Eindruck hat, sie wüssten gar nicht, wo sie sind und erst recht nicht, was das alles soll (ob Sophia Loren „ihre“ Wette kapiert hatte?), sie sind es nicht, die diese Show tragen. Auch Gottschalk ist eher ihr Diener. Die wahren Stars sind die Artisten aus dem Münsterland oder sonst woher, die keiner kennt und die Bierkästen in der Luft schweben lassen, Bürostuhlmarken mit dem Hintern erkennen und Füller am Schriftbild identifizieren und die es mal schaffen und mal nicht und darauf stolz sind – aber nicht zu sehr.

So empfindet es auch das Publikum. Diesmal wählte es einen jungen Mann mit Dreadlocks zum Wettkönig, der seine Wette verloren hatte. Hundert Meter senkrecht ein Seil hoch wollte er schaffen, und dann auch noch auf dem Potsdamer Platz und zwar in fünf Minuten. Er brachte es nur auf knapp über neunzig, aber das sah so kühn und kraftvoll aus und war es auch, dass das Publikum den Loser prompt zum Gewinner des Abends erhob.

Der surrealistische Touch der Wetten gibt der alten Show ihren frischen Glanz – das Schmierentheater mit den Comedians und Filmgrößen und Diseusen muss wohl sein; es bietet einen starken Kontrast zum Charme der Laien und ist insofern akzeptabel. Gottschalk als Manager des komplexen Ablaufs mit multiplen Schauplätzen und variierenden Stimmungen ist ein Meister der augenzwinkernden Leichtigkeit bei einer alles in allem doch recht harten Arbeit. Eben noch charmierte er die Loren, da muss er auch schon den Mittermeier rausschicken, damit der sich in den Frack wirft und gleich darauf mit Alexandra Maria Lara, die ihre Wette ebenfalls verloren hat, einen Kletterakt vollbringen. Und da pöbelt auch noch jemand im Publikum, und die Ordner sind machtlos. „Bei dem Geschrei kann doch keiner klettern“, stöhnt Gottschalk, aber er kriegt es immer irgendwie gebacken. Sogar die Stadtwette balanciert er noch mit links. Wowereit ist dabei und Ben und der Alexanderplatz…

Na ja, genau gekommen hat die Stadt ihre Wette verloren, es waren nicht genug Japaner auf dem Alexanderplatz eingetroffen, aber Gottschalk ist generös und nimmt fünf für fünfzig. Letztlich gewinnt er. Und das ZDF. Und das begeisterte Publikum. Stolz sind alle. Aber nicht zu sehr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar