Medien : Die Ruh’ ist hin

„Heimat 3“: zum Finale von Edgar Reitz’ Chronik eines deutschen Jahrhunderts

Christiane Peitz

Das Großartige an „Heimat“ war die Politisierung der Provinz. Damit hatte in den Achtzigerjahren keiner gerechnet: Edgar Reitz war so unverfroren, den tümelnden „Heimat“-Begriff zur Kenntlichkeit zu entstellen und sich einen linken und romantischen Reim darauf zu machen – in Hunsrücker Platt.

Das Geniale an „Die zweite Heimat“ war die Idee, die 68er-Geschichte weder in der Frankfurter Spontiszene anzusiedeln (was von Schabbach aus nahe gelegen hätte), noch mit dem Aufbruch des neuen deutschen Films zu verbinden (der Reitz vertraut gewesen wäre), sondern mit der Neuen Musik. Die Studentenbewegung aus der Perspektive der Darmstädter Ferienkurse: Das war eine historische (Darmstadt ging dem Oberhausener Manifest tatsächlich voraus) und ästhetische Herausforderung: Wie visualisiert man die Revolte anhand serieller Musik?

Und „Heimat 3“, das Finale des Jahrhundert-Epos’, das heute mit der Ausstrahlung der sechsten Folge zu Ende geht? Es ist seltsam – und traurig. Alles ist noch da, das „Hermännche“ und seine große Liebe Clarissa, die Hunsrückhöhenstraße und die deutsche Seelenlandschaft, die hymnischen Dissonanzen und Reitz’ Mut zum Pathos. Aber nichts ist zu sehen. Keine Personen, nur Typen. Keine Gesichter, sondern Schauspieler, denen die Maske das Alter aufschminkt. Keine Magie, sondern Schwaden von bedeutungsvoll waberndem Nebel. Keine Topographie der Gefühle, sondern Familienfeste und andere Katastrophen im Reisezirkus zwischen Berlin, München, Leipzig, Schabbach und dem Günderode-Haus als Liebesnest hoch über dem Rhein. Heimat, eine Seifenoper?

„Heimat 3“ mag für Reitz die der ARD abgetrotzte Vollendung seines opus magnum sein. Für den Zuschauer bleibt vor allem die Erinnerung an die Autobahn. Ständig sitzen Hermann und Clarissa, die Kinder und Kindeskinder, die Freunde aus der DDR und Kasachstan hinterm Steuer und sind unterwegs. Zuverlässig sorgt der (für die TV-Fassung besonders rabiate) Filmschnitt dafür, dass niemand in Ruhe irgendwo ankommen darf. Aber man macht sich kein Bild von der Nervosität der Gegenwart, bloß weil die Kamera nicht weiß, wo sie hinschwenken soll. Auch dann nicht, wenn der Rhein permanent den Fluss der Zeit symbolisiert.

Vielleicht ist es ja die Symbolik. Weder das Liebespaar noch Gunnar oder Tillmann aus der DDR noch die Russlanddeutsche Galina dürfen einfach sie selbst sein. Jene Maria, Hermanns wunderbare Mutter aus der ersten „Heimat“, hatte die Kamera so lange staunend betrachtet, bis ihr Gesicht gleichsam zu leuchten begann. Das verlieh ihr eine Aura – und einen Platz im Gedächtnis des Kinos. Den Helden von „Heimat 3“ wird die mythische Kraft von außen angedichtet. Günderode! Die Loreley! Schimmelreiter! Hermann, der Ratlose! Clarissa, die Unstete! Selbst eine Marderfalle ist nicht einfach Marderfalle, sondern Zeichen schmerzhafter Lebensverstrickung.

Womöglich muss der Geschichtenerzähler an der nahen Vergangenheit, dem Perfekt der Historie, ja scheitern. Es lässt sich fiktionalisieren, nicht aber zum Epos überformen. Märchen und Komödie sind möglich – wie in „Sonnenallee“ und „Good Bye, Lenin!“ –, die Tragödie nicht. „Die Weltmeister“, der zweite Teil von „Heimat 3“, ist jedenfalls die stärkste Episode: Weil Uwe Steimle sich als herzerfrischender Ossi-Versager bis zur Karikatur entblößt und entblödet und auf diese Weise von allen Protagonisten die wahrhaftigsten Züge trägt.

Eines hat Edgar Reitz mit Wim Wenders gemeinsam: das präzise Gespür für Schauplätze. Die Leipziger Dreiraumwohnung: ein Ehedrama mit Wandpaneelen. Der Luftwaffenstützpunkt in Marxwalde: Endlagerhalle der Wende. Und die Sonnenfinsternis in München: für Minuten ein deutsches Totenreich. Wenn es um die Aura der Orte geht, vergisst Reitz gelegentlich seine hehre Absicht und staunt einfach. Aber dann wollen seine Bilder schnell wieder ganz viel bedeuten.

„Heimat 3“, sechste und letzte Folge, ARD, 20 Uhr 15

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