Medien : Die Schöne und der Schmutz

Rebekah Wade ist die neue Chefin der verrufenen britischen Boulevardzeitung „Sun“

Matthias Thibaut[London]

Der Briefträger in Londons Downing-Street, in der der britische Premier wohnt, muss in der vergangenen Woche viel zu tun gehabt haben. Denn 200 000 „Sun“-Leser schickten einen Ausschneidecoupon an Tony Blair: „Schütze Großbritannien, bevor es zu spät ist.“ Blair solle sie vor dem „Wahnsinns der illegalen Immigration“ schützen. Auch wenn die Stoßrichtung der Kampagne etwas unklar ist – die „Sun“ ist ja ausdrücklich für legale Einwanderung –, entscheidend ist, dass die Boulevardzeitung mit ihren 200 000 Coupons deutlich vor der „Stop the War“-Kampagne der Boulevardzeitung „Daily Mirror“ liegt. Die Kriegsgegner haben nur 120 000 Coupons ausgeschnitten.

Denn bei den beiden Coupon- Aktionen geht es weniger um hohe Politik, als um Leseridentifikation und Auflage. Und darum, dass die „Sun“ eine neue Chefredakteurin hat – Großbritanniens jüngste und wohl schönste Zeitungschefin, die 34-jährige Rebekah Wade: Sie hat lange rote Locken, hält sich mit Kickboxen fit. Und sie weiß, dass „Sun“ Verleger Rupert Murdoch sie vor allem daran messen wird, wie sie im Kampf gegen den Traditionsfeind, den „Mirror“ abschneiden wird. Die erste Runde hat sie gewonnen.

Journalisten haben in der vergangenen Woche die „Sun“ intensiver als sonst gelesen. Rebekah Wade gibt keine Interviews. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu versuchen, von der Zeitung abzulesen, wie die neue „Sonnenkönigin“ den Job bei Großbritanniens wohl einflussreichster Zeitung anpacken würde. Würde es weiterhin die nackten Busenmädels geben, die das Blatt seit 1990 unerschrocken auf ihrer „Page 3“ bringt? Aber vor allem: Hält die „Sun“ an dem labourfreundlichen Kurs fest, den Murdoch dem Blatt vor der Wahl 1997 in einer spektakulären politischen Wende verordnete und der die „Sun“ mit ihrer Auflage von 3,5 Millionen zum wichtigsten Wahlhelfer Tony Blairs machte?

Von ihrer Biografie her zu schließen, sah es danach aus. Zumindest ist Rebekah Wade mit einem Schauspieler verheiratet, der für New Labour Wahlkampf gemacht hat. Doch an einem ihrer ersten Arbeitstage hieß es in der Kommentarrubrik „The Sun says“ bereits: Für Tony Blair laufe die Uhr ab. Eine Reihe scharfer Anti-Labour-Kommentare folgte. Kurzer Auszug: „Wir hatten sechs Jahre leere Versprechungen – das reicht.“ So glaubt der ehemalige Murdoch- Journalist Andrew Neill, mit dem Wechsel der Chefredaktion habe der Verleger Murdoch vor allem einen politischen Richtungswechsel verfügt. Mit der Unterstützung der „Sun“ für Labour, so glauben viele, sei es vorerst vorbei.

Rebekah Wade will vor allem mehr Konkurrenzkampf in ihrer Redaktion entfachen: Sie wolle Enthusiasmus, Loyalität und viele Exklusivgeschichten, sagte sie in der ersten Redaktionskonferenz. Wer’s nicht bringt, bekräftigte sie in einer e-mail an die Mitarbeiter, fliegt. Sie selbst hat es in 15 Jahren im hartgesottenen britischen Boulevardjournalismus an Ehrgeiz nicht fehlen lassen. Nach kurzem Studium an der Sorbonne (wenige britische Boulevardjournalisten können so gut französisch wie sie) heuerte Wade als Sekretärin bei der Londoner „Post“ an und boxte sich zum Journalismus durch. Als die „Post“ einging war sie 20 und ging als Reporterin zur „News of the World“, die größte britischen Sonntagszeitung und ein Murdoch Blatt. Bei Murdoch blieb sie. Mit 29 war sie Stellvertretende Chefin bei der „Sun“. Im Mai 2000 ging sie zurück zur „News of the World" – nun als Chefredakteurin.

Zu den Scoops gehörte die so genannte Wessex-Krise. Ein als Scheich verkleideter Reporter fand heraus, wie die Frau von Prinz Edward aus Geschäftsinteresse die Beziehungen spielen ließ. Auch Prinz Harrys Alkohol-Parties wurden durch die „News of the World“ aufgedeckt. Wirklich berühmt wurde Wade aber durch eine andere Art Enthüllungsjournalismus. Nach dem Kindermord an der achtjährigen Sarah Pane druckte sie listenweise Polizeifotos vorbestrafter Pädophiler und forderte für Eltern zugängliche Register aller Kinderschänder in einer Gemeinde. Die „name and shame“ Kampagne der „News of the World“ führte zu Attacken auch auf völlig unschuldige Menschen. Wade kam unter Beschuss – in dieser Zeit gab sie ihr bisher einziges Interview, im Radio. Aber sie blieb stur und hatte Erfolg. Aus dem geforderten Gesetz wurde zwar nichts. Aber die Auflage der „News of the World“ stieg – und mit ihr die Bewunderung von Verleger Rupert Murdoch.

Beobachter erwarten von ihr bei der „Sun“ mehr Spaß und Entertainment, aber auch mehr politische Ambition. In Großbritannien wird schon von einem neuen „Qualitätsehrgeiz“ der Boulevardpresse gesprochen. Wade selbst äußert sich nicht. Sie lässt sich nicht in die Karten sehen. Aber auch für sie gilt das oberste Gebot des populären Journalismus: Dem Leser geben, was er will. Und nach allem, was man von ihr weiß, will sie das besser machen, als ihre männlichen Kollegen.

So behält sie auch das nackte „Page-3“- Mädchen bei. In der ersten Ausgabe, die sie verantwortete, hatte das Mädchen nichts außer Stiefeletten an. Als Name stand da: „Rebekah aus Wapping“ – Wapping ist der Ostlondoner Stadtteil, in dem die „Sun“ täglich gedruckt und redigiert wird. Selbstironie scheint Rebekah Wade jedenfalls zu haben.

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