Medien : Die Schöpfung der „Krone“

Der Koalitionsbruch in Wien zeigt, wie mächtig dort die größte Zeitung ist

Markus Huber[Wien]

Es gibt ziemlich viele Zitate von Hans Dichand über Hans Dichand, eines davon lautet: „Macht interessiert mich nicht, da streichle ich lieber meinen Hund.“ Wenn Dichand das ernst meint, dann müsste das Fell seines Hundes schon ziemlich abgewetzt sein, so viel wurde er dann in den vergangenen Tagen gestreichelt. Denn in Österreich ist gerade die große Koalition aus SPÖ und ÖVP geplatzt, und das liegt, zumindest indirekt, vor allem an Hans Dichand. Hans Dichand: 87 Jahre ist er mittlerweile alt, er ist Chefredakteur, Herausgeber und zur Hälfte Eigentümer der österreichischen „Kronen- Zeitung“. Die andere Hälfte gehört der „WAZ“-Gruppe, die aber publizistisch keinerlei Einfluss auf das Blatt nimmt. Laut Marktanalysen hat die „Krone“ eine Reichweite von 43 Prozent. Das heißt: Statistisch gesehen liest beinahe jeder zweite Österreicher die „Krone“. Von dieser Marktdominanz kann sogar die „Bild“-Zeitung nur träumen.

Die „Krone“ ist sich dieser Macht durchaus bewusst: Immer wieder startet sie Kampagnen, für ein Tierschutzgesetz und gegen den EU-Vertrag von Lissabon, für Steuersenkungen und gegen angebliche ausländische Drogendealer. Die „Krone“ hat damit einen Einfluss, der weit über ihre Auflage hinausgeht. Angesichts der Marktmacht der „Krone“ gibt es nur wenige Politiker, die sich aktiv gegen Forderungen der Zeitung stellen. Vor allem bei den Großparteien hat sich die Meinung durchgesetzt, dass man zumindest nicht gegen die „Krone“ regieren kann. Und es gibt einige Politiker, die der Meinung sind, dass man nur mit der „Krone“ regieren kann. Werner Faymann, am Montag zum Spitzenkandidaten für die Sozialdemokraten ausgerufener Verkehrsminister, ist einer von ihnen. Seit Jahren schon pflegt er ein beinahe inniges Verhältnis zu Dichand. Es handelt sich dabei um ein ausgeprägtes Geben und Nehmen. Auffällig oft tauchen in der „Krone“ Inserate und sogenannte Anzeigenkooperationen mit Institutionen auf, die im Einflussbereich Faymanns stehen. Der Minister hat dafür eine auffallend gute Presse im Dichand-Blatt. Und auch inhaltlich erfüllt Faymann gerne mal die Wünsche Dichands.

Das beginnt bei Kleinigkeiten. Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft verfasste Faymann als Verkehrsminister einen Erlass, wonach auch in Österreich wie seinerzeit in Deutschland kleine Fahnen auf Automobilen befestigt werden dürfen. Das war zuvor verboten – doch die „Krone“ hatte für ihre Leser hunderttausende kleine Österreichfahnen fürs Auto produzieren lassen. Und es geht bis zu großer Europapolitik.

So polemisiert die „Krone“ schon seit Monaten gegen den neuen EU-Vertrag von Lissabon und jubelte laut, als die Iren in einer Volksabstimmung den Vertrag ablehnten. Immer wieder forderte die „Krone“, dass auch in Österreich über EU-Verträge das Volk abstimmen soll. Doch die beiden Großparteien verwehrten sich dagegen. Bis Faymann in der SPÖ an die Macht kam. Ausgerechnet in einem Leserbrief an die „Krone“ verkündete Faymann einen Richtungsschwenk der SPÖ. Auch sie wolle in Zukunft über neue EU-Verfassungsänderungen das Volk abstimmen lassen. Dieser Schwenk führte dann letzten Endes auch zum Ende der Koalition, da sich die ÖVP diesen Richtungswechsel des Partners nicht gefallen lassen wollte. Die „Krone“ hat also die Regierung beendet, und im anlaufenden Wahlkampf wird sie wohl ziemlich eindeutig für Faymann Partei ergreifen. Und damit wird sie eine spannende Frage beantworten: Wie mächtig ist die „Krone“ wirklich? Wie sehr greifen ihre Kampagnen außerhalb der politischen Zirkel? Und kann sich das Blatt tatsächlich noch den Kanzler herbeischreiben, den sie will?

Es gibt nicht wenige Politikbeobachter, die das bezweifeln. Zwar erreicht die „Krone“ mehr Menschen als jedes andere Medium im Lande. Außerdem lesen die meisten „Krone“-Abonnenten nur ihr Hausblatt, sind für weitere Kommentatoren weitgehend unerreichbar. Dennoch musste die „Krone“, und mit ihr Dichand, in den vergangenen Jahren herbe Niederlagen einstecken. Bei Kampagnen wie etwa für eine EU-Volksabstimmung schaffte es das Blatt nicht mehr wirklich zu polarisieren. Die Österreicher sind die größten Skeptiker im Euro-Raum – zu Demonstrationen wie von der „Krone“ aufgerufen gehen sie dann aber trotzdem nicht.

Auch parteipolitisch klappt es nicht immer. Bestes Beispiel ist der ehemalige Kanzler Wolfgang Schüssel. Der war alles andere als ein Liebkind von Hans Dichand, was vor allem im Wahlkampf 2002 zu bemerken war. Schüssel gewann die Wahl damals trotzdem haushoch.

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