Medien : Die Schule, die nicht nach Max Maurer heißen darf

Ein Polizist hat dem Juden John Weiner 1945 das Leben gerettet. Eine ARD-Dokumentation erzählt, wie Weiner gegen das Vergessen und besorgte Eltern kämpft

Maxi Lei nkauf

Es ist heiß in München, John Weiner hat schlecht geschlafen. „Diese Klimaanlage“, schimpft er, „is ja a Dreck“. Er stemmt seine faltigen Fäuste auf die Theke der Hotelrezeption. Man wird sich umgehend kümmern. Weiner dreht sich um, lächelt und zwinkert. Er trägt das feine, graue Haar frisch hinter die Stirn frisiert. Ein weißes Hemd mit dünnen roten Streifen, ein graues Jackett. Mit dem bordeauxroten Seidentuch um den Hals wirkt er wie ein übrig gebliebener Aristokrat. Der Blick hinter der großen Brille verscheucht jede Distanz. So klein und sehr präsent ähnelt der 78-Jährige Billy Wilder. „Aber der ist doch schon tot“, sagt John Weiner. Weiner hat überlebt.

Am 27. April 1945, da war Weiner 19 Jahre, erreicht er mit zwölf anderen Jungen Ergoldsbach in Niederbayern. Hier endet für ihn der erste Todesmarsch aus Buchenwald. Der SS-Aufseher gibt die Gruppe an den dortigen Dorfpolizisten ab und befiehlt: Erschieß sie! Aber Max Maurer hält sich nicht an die Order. Stattdessen führt er die abgemagerten Gestalten auf den Hof eines befreundeten Bauern. Der versteckt sie in seinem Stall. Am nächsten Morgen stehen die Amerikaner im Dorf. Die Juden sind gerettet.

Wir sitzen im Zug nach Ergoldsbach, fast 60 Jahre später. John Weiner zieht einen elektronischen Terminplaner aus der Hemdtasche, tippt etwas, klappt ihn wieder zu. Weiner ist auf der ganzen Welt unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen: an deutschen Schulen, in Bayern, Thüringen, Regensburg. In den Museen von Budapest und Sydney, in Veranstaltungen. Und nun sogar im Fernsehen. Die ARD zeigt den Dokumentarfilm „Morgen ist ein anderer Tag“. Die Chronik des geretteten Lebens. „Ich hoffe, mit so einem Film junge Deutsche zu erreichen, damit sie vielleicht verhindern, dass so etwas nochmal passiert“, sagt er und nimmt das Handy. „Und jetzt rufen wir den Pepe an.“ Der Schwiegersohn des Polizisten Max Maurer heißt mit richtigem Namen Joseph Wimburger.

Pepe steht auf dem Bahnsteig, im rosa Hemd, mit suchendem Blick. Dann sieht er John, sie umarmen sich. Pepe ist der zweite Protagonist der Dokumentation, die beiden Männer haben sich angefreundet. „Mensch, Janschi, bist halt immer noch da Bazi von früher“, begrüßt ihn Wimburger. Dessen Auto parkt eine halbe Stunde später auf dem leeren Bauernhof vor einem riesigen Schuppen. Die Türen sind morsch, von Würmern zerfressen. Einziges Lebenszeichen: ein Stapel frisch gespaltenes Holz. John Weiner schreitet fast ehrfürchtig über den Sandboden, vor der Tür des Stalls hält er inne. „Zwei Schwarze“, sagt er, „waren das erste, was ich an jenem Frühjahrsmorgen 1945 sah.“ Boten der Freiheit.

In dem kleinen, westungarischen Ort Szombathely wuchs Weiner auf, als Kind eines ungarischen Juden. Vater Vilmos führte ein Samengeschäft, Mutter Ilona betreute die Bücher. Das Leben der Familie war nicht bedroht, wenn auch Rassengesetze die Rechte der Juden bereits stark einschränkten – Ungarn war Deutschlands Verbündeter. Im März 1944 marschierten dann die Deutschen in Ungarn ein. Angeblich würden die 800 000 ungarischen Juden zu liberal behandelt. Das Kommando zu deren finaler Vernichtung leitete Adolph Eichmann persönlich.

Die Nazis sammelten die Eheringe der Juden ein, erinnert sich Weiner. „Wenn die Finger zu dick waren, schnitten sie die einfach ab.“ Also ging der Junge mit seinem Vater ins Bad. Er nahm die Nagelpfeile seiner Mutter und zertrennte den Ring. „Ich habe symbolisch eine glückliche Ehe zerstört.“

Mit den Dokumentarfilmern der ARD hat Weiner seine Lebensstationen noch einmal besucht: Szombathely, wo Weiner mit seinen Eltern in das jüdische Ghetto musste. 2600 Juden vegetierten dort, umzäunt von zwei Meter hohen Holzbrettern, vor sich hin. Eines Tages der Sammelbefehl, es folgten Verhöre und Folter. Er hörte auch seine Mutter schreien: Ihn knüppelten die Aufseher auf Hände und Füße. Dann sollte er zehn Minuten umherlaufen. „Wie, glaubten die, sollte das gehen?“ Im Viehwagen wurden Weiner und seine Eltern nach Auschwitz deportiert. Seine Mutter verlor John Weiner in Auschwitz, und vom Vater, mit dem er nach Buchenwald kam, wurde er getrennt – da war er 18. Sie haben sich nie wieder gesehen. Im Film zögert er einen Moment, bevor er in die Gedenkstätte Buchenwald eintritt. Dann stößt der kleine, zarte Mann aggressiv die Tür auf. Weiner sagt, er habe „keinen Hass, nur Zorn“.

Walid Nakschbandi ist ein eindringlicher Film gelungen, ohne in Moralpathos abzugleiten.Aber der Film lebt von John Weiner und seinem Schicksal – es reicht, nur die Kamera darauf zu halten. Es ist ein deutsches Schicksal – mit einem deutschen Ende. Weiner wollte zum Gedenken an den mutigen Dorfpolizisten, der ihm das Leben gerettet hat, dass die Ergoldsbacher Grundschule in „Max-Maurer“-Schule umbenannt wird. „Die Kinder würden dann fragen: Wer war das?“, erklärt Weiner. Und seine Geschichte erfahren. Das Projekt scheiterte am Widerstand des Elternbeirats. Begründung: das Thema sei den Schülern zu schwer zu vermitteln.

„Morgen ist ein anderer Tag“: Mittwoch, ARD, 23 Uhr 45

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