Medien : Die Sixties im Watt

Drei Jugendfreunde werden mit ihrer Vergangenheit konfrontiert

Katrin Hillgruber

Das Orakel sitzt eingemummelt am Nordseestrand und verlangt für einen Kaffee drei Euro. „Und kein Wort darüber, was er vor 30 Jahren gekostet hat!“, fährt die Kioskbesitzerin ihren verdutzten Kunden an. Und spätestens, als sie den einstigen Studenten und Feriengast Dieter fragt, was ihn nach all den Jahren zurücktreibe, wird klar, dass die starke Schauspielerin Ursula Karusseit die Erzählfäden in diesem eher mauen Fernsehfilm zusammenhalten wird, ganz nach antiker Parzen-Art. Die Frau hinter der Kiosktheke sah sie Ende der sechziger Jahre kommen und gehen: den Pharmaziestudenten Dieter, den angehenden Tierarzt Willi und ihre gemeinsame Liebe Anna, die sich ziellos durch die Geisteswissenschaften schlug. Mit sichtbarer Skepsis fragt die Kiosk-Parze, ob die „alte Geschichte“ vom Happy End gekrönt sein werde. Dabei legt das Drehbuch ihr allerlei Plattitüden in den Mund, wie „die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen“. Das ewige Auf und Ab von Ebbe und Flut vor Augen, mögen solche Sentenzen nahe liegen, doch sie ziehen sich durch den Film, unterbrochen von Schwarz-Weiß-Fotos und Folkhits der Hippiebewegung.

So fechten Peter Sattmann als erfolgreicher Tierpharmazeut Dieter, Hans Uwe Bauer als altlinker Idealist von der Seehundstation sowie die – eine Spur zu süddeutsche – Franziska Walser als Besitzerin eines reetgedeckten Gasthofs anderthalb Stunden lang einen harten Kampf gegen die Musikclips aus, um am Schluss wortlos aufzugeben. Es ist alles gesagt, einen Weg zurück gibt es nicht – zu dieser heilsam unsentimentalen Diagnose findet das von Jan Ruzicka behäbig inszenierte Watt-Drama. Es beginnt mit einem Déjà-vu-Erlebnis im Hamburger Luxusdomizil von Dieter Walling und Frau Ingrid (Tatjana Blacher) beim Fernsehen. Plötzlich taucht in einem Bericht über die Seehundstation Friedrichskoog das Gesicht von Jugendfreund Willi Hinrichsen auf. Er klagt die „Handlanger des Monopolkapitalismus“ an, illegal auf hoher See Öl zu verklappen.

Dieter ist wie vom Schlag gerührt, schließlich hat er solche Stamokap-Parolen seit 1968 nicht mehr gehört. Auf seine Frau wirkt er wie ein „gefriergeschocktes Kaninchen“. Deshalb ermuntert sie ihn, die geheimnisvolle quälende Angelegenheit mit Willi endlich zu klären. Der Öko-Aktivist empfängt ihn erwartungsgemäß in kariertem Drillich und scheint sich auf gespenstische Weise nicht verändert zu haben, im Gegenteil: Durch die Haftzeit, die er nach einer gewalttätigen Demonstration verbüßen musste, wirken seine Ansichten jetzt wie in Stein gemeißelt.

Nach jener Kundgebung trennten sich ihre Wege. Nun reißen alte Verletzungen wieder auf. Peter Sattmann, auf liberale Großbürger abonniert, und Hans Uwe Bauer liefern sich ein facettenreiches Duell. Es eskaliert, als Anna ins Spiel kommt, die beide nach wie vor begehren. Dass Annas vietnamesischer Patensohn am Telefon des Gasthofs perfekt die neudeutsche Servicementalität demonstriert („Deichgraf Jörn wünscht einen wunderschönen Sonntagmorgen“), fügt zahlreichen Klischees ein weiteres hinzu. Auch für Franziska Walser und Peter Sattmann gab es bei den Dreharbeiten ein Déjà-vu-Erlebnis: Sie lernten sich vor drei Jahrzehnten am Schauspielhaus Stuttgart kennen. Zwischen Dieter und Anna (warum müssen circa 60 Prozent aller Frauenfiguren im Fernsehen diesen Namen tragen?) erwacht die erotische Spannung. Willi ist ohnehin eifersüchtig auf den Erfolgsmenschen Dieter, und so bahnt sich eine Tragödie an, die bei einem innigen Tanz zu dritt in der Scheune kulminiert. Aus der Musicbox erklingt „Nights in White Satin“, für Sattmann das „zentrale Nostalgie-Bonbon des Films“. Davon werden insgesamt so viele verabreicht, dass „Der letzte Tanz“ im zähen Sixties-Klangteppich stecken bleibt wie im friesischen Watt.

„Der letzte Tanz“, ARD, 20 Uhr 15

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