Medien : Die Soap-Sucht

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Von Alva Gehrmann

Auf sie ist immer Verlass. Während normale Freunde Dates absagen, sind sie immer da: die Daily Soaps. Von Montag bis Freitag waschen sie die Alltagssorgen weg, und zeigen doch nichts anderes als Alltagssorgen – aber eben die der Anderen. Ob nun „Unter Uns“, „Verbotene Liebe“, „Marienhof“ oder „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ (GZSZ): In jeder Soap wird intrigiert, geknutscht, gestritten und gefeiert – wie im wahren Leben, nur viel schöner. Bei „GZSZ“ mittlerweile seit zehn Jahren. Mit der lapidaren Frage „Was ist denn?“ begann ein neues Genre im deutschen Fernsehen. Das war am 11. Mai 1992 bei RTL. Frank-Thomas Mende alias Clemens Richter stellte die Frage damals seiner Frau, die später aus der Serie herausgeschrieben wurde. Mende aber ist noch immer dabei.

Potsdam-Babelsberg, hier wird die Serie produziert. Im Schauspielerraum lehnt sich Mende entspannt zurück. Der 52-Jährige hat für heute alles abgedreht. Nach zehn Jahren eine „positive Routine“, die ihm noch immer Spaß macht. An seinen ersten Drehtag bei „GZSZ“ kann er sich noch gut erinnern. „Ich war wahnsinnig nervös. Wir wussten ja alle nicht genau, wie das geht.“ Vorbehalte gegenüber Daily Soaps hatte er aber nicht, da er lange in den USA gelebt hatte und das Format dort schon seit den 50er Jahren zum täglichen TV-Leben gehört. Die deutschen Zuschauer jedoch mussten sich erst noch an die Daily Soap Operas, die Seifenopern, gewöhnen. In der ersten Zeit waren die Quoten miserabel. Die Fernsehkritik verriss die Serie. Schlechte Darsteller, schlechte Dialoge und jede Menge Produktionsfehler prägten die ersten Wochen. Doch Helmut Thoma, der damalige RTL-Chef, hielt an der Idee fest. Und behielt Recht.

„GZSZ“ wurde zum Quotenrenner, das neue Genre etablierte sich und Jahr für Jahr kamen neue Soaps dazu: „Marienhof“ (ab Oktober 1992 zwei Mal pro Woche, seit 1995 täglich in der ARD), „Unter Uns“ (1994 /RTL) und „Verbotene Liebe“ (1995/ARD). „GZSZ“ ist heute, nach 2471 Folgen und mit täglich rund fünf Millionen Zuschauern, die erfolgreichste deutsche Daily Soap. „Es ist die realistischste aller Serien. Sie erzählt das breiteste Spektrum an Geschichten und bietet somit die größte Bandbreite an Identifikationsmöglichkeiten“, erklärt Michael Ammann, Executive Producer von Grundy Ufa.

Der 44-jährige Ammann war von Anfang an dabei. Er ist nicht nur für „GZSZ“, sondern auch für „Unter Uns“ und „Verbotene Liebe“ verantwortlich. Die Grundy Ufa dominiert den Soap-Markt, nur „Marienhof“ wird von der Bavaria produziert. Abwechslungsreich und spannend, so müssen Soaps sein, damit der Zuschauer dranbleibt, glaubt Ammann. Auf den ersten Blick wirken Daily Soaps einfältig – durch den melodramatischen Inhalt, die einfachen Dialoge und die immer wieder gleichen Themen: Liebe, Eifersucht, Rache, Erwachsen werden. Jeder ahnt, wie es in der nächsten Folge weitergehen wird. Und genau darin liegt die Verlockung: nachzusehen, ob man Recht gehabt hat. Natürlich hatte man! Da die Figuren in Gut und Böse einzuteilen sind, baut man schnell eine emotionale Bindung auf – zu den Figuren und zur Serie.

Die Geschichten ranken sich um rund 20 Protagonisten: Jugendliche, Eltern und Lehrer – die immer wieder neu in Beziehung zueinander treten. Und schnell kann aus dem skeptischen Zuschauer ein Fan werden. Jede Daily Soap hat ihren eigenen Stil. „Marienhof“ ist erdig, greift gerne soziale Themen und Alltagsprobleme auf, „Verbotene Liebe“ ist glamourös, romantisch und steht für große Gefühle. „GZSZ“ erzählt gerne melodramatische Geschichten – so erleben die Protagonisten,wie der Titel der Serie es schon sagt, mal gute und mal schlechte Zeiten. Daily Soaps werden vor allem von Kindern und Jugendlichen gesehen.

„Die Soap ist eine Art Fenster in die Erwachsenenwelt“, sagt Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und Autorin des Buchs „Alles Seifenblase? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen.“ Götz hat durch die Befragung von sechs- bis 19-Jährigen herausgefunden, dass vor allem die zehn- bis 15-jährigen Mädchen sich täglich der Soap-Leidenschaft widmen, und das selbst schon „oftmals als Sucht“ bezeichnen. Die Zeit von 17 Uhr 30 bis 20 Uhr 15 wird als heilig empfunden – eine Phase, in der die Mädchen für sich sein wollen. „Die eigenen, emotional als übergroß erlebten Alltagskrisen, finden in den überdramatisierten Stoffen der Serie ihren Widerhall“, sagt Maya Götz. Die Charaktere bieten Orientierung – auch beim Styling. Denn die Fans wollen so aussehen wie ihre Stars. Die nötigen Merchandising-Artikel stehen bereit und sind Teil des System Daily Soap. Die Figuren in den Soaps sind Teil ihres Lebens und die Fans glauben sie zu kennen. Schauspieler Frank- Thomas Mende erlebt das täglich. Neulich hat ihn eine junge Frau um ein Autogramm gebeten: „Wissen Sie, dass ich mit Ihnen groß geworden bin?!“

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