Medien : Die Software unter der Drachenhaut

Mit den „Nibelungen“ erobert die sagenhafte Computer-Tricktechnik endgültig das Fernsehen

Kurt Sagatz

Die Entscheidung zwischen Siegfried und dem Drachen im Sat-1-Zweiteiler „Die Nibelungen“ ist großes Kino auf kleinem Bildschirm. Minutenlang kämpft Benno Fürmann gegen das Ungeheuer, lange Zeit sieht es nach einem Sieg des Urzeit-Monsters aus. Erst die Tricktechnik aus dem Computer macht Siegfried in der TV-Produktion endgültig zum unsterblichen Sagenhelden.

Szenenwechsel: Shelley Page ist Headhunterin. Damit die Animationsstudios von Dreamworks Streifen wie „Shrek“ oder im kommenden Jahr Spielbergs „Krieg der Welten“ drehen können, reist sie von Filmschule zu Filmschule, kreuz und quer durch Europa, immer auf der Suche nach dem künftigen Animationstalent.

Letzte Woche hat Shelley Page Station in Swansea gemacht. In der walisischen Hafenstadt, einst ein Zentrum für Kohle und Stahl, wird mit viel Aufwand und reichlich EU-Mitteln am Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft gearbeitet. Software statt Heavy Metal und Computeranimationen statt Kohlemine heißt die Devise an der örtlichen Universität, die zum nunmehr fünften Mal zu den „Swansea Animation Days“ – kurz Sand genannt – eingeladen hat.

Für die Animationsstudenten, die nach ihrer Graduierung auf Jobs in der Film- oder der Spiele-Branche hoffen, hat Shelley Page eine einfache Botschaft: „Make me cry“ – lasst mich durch euer Talent und eure Fähigkeiten nicht Technik sehen, sondern Gefühle erleben. Denn das ist das Hauptproblem vieler Animationsfilme oder Actionreißer mit zu vielen Special Effects: Die Emotionen bleiben auf der Strecke, die „Nibelungen“ mit Jung-Siegfried eine Ausnahme.

Selbst aufwendige Techniken wie das „Motion Capturing“, also das Digitalisieren von Bewegungen und Mimiken bekannter Schauspieler wie beispielsweise derzeit Tom Hanks in „Polarexpress“, können die Zuschauer nicht immer überzeugen. Da verändern sich während des Films Gesichtszüge, passen die Bewegungen nicht stets zu den Figuren, wie die Kritiker monieren. Während bei reinen Animationsfilmen die Erwartungshaltung, Personen mit menschlichen Gefühlen zu begegnen, nicht allzu hoch sein kann, so wird es besonders schwierig, wenn die Technik ins klassische Erzählkino Einzug hält. Dabei sind es nicht nur jene actionreichen Film- und Fernsehhöhepunkte mit den CGIs, den Computer Generated Images, die zunehmend zum Einsatz kommen. Kunstfiguren wie der Elfe im zweiten Teil der Harry-Potter-Verfilmung sowie das Scheusal Gollum im „Herr der Ringe“ spielen inzwischen tragende Rollen. Je näher eine Produktion an die Erfahrungswelt der Zuschauer herankommt, desto mehr müssen die künstlichen Figuren und die mit ihnen verbundenen Situationen überzeugen. Täuschend echt müssen sie sein, wie Tom Hanks als Forrest Gump, der US-Präsident Richard Nixon dank digitaler Hilfe die Hand schütteln darf. Überhaupt, diese Frage wird sich der Zuschauer in den Zeiten seiner medialen Überrumpelung immer häufiger stellen: Was ist wirklich, was eine Manipulation?

In vielen Dokumentationen, vor allem der BBC, gelingt die Täuschung ausgezeichnet – vor allem, wenn es sich um urzeitliche Tiere oder die Urahnen der Menschen handelt. Allerdings droht zugleich ein Abnutzungseffekt. Egal ob nun Drache oder Dinosaurier – die immer wieder gleiche Herstellungssoftware scheint durch die jeweilige Panzerhaut durch. Doch die Technik wirkt zunehmend auch im Hintergrund, in der Szenerie der Burgen und Landschaften sorgen Computerprogramme für die richtige Stimmung. Es ist beinahe eine Frage der Zeit, bis selbst Krimis wie „Der Alte“ nur noch vor einem Bluescreen gedreht werden, bis der Kulissenbau per Computer erfolgt.

Dass in Zukunft eher noch mehr Special Effects und Animationen zu sehen sein werden, hat vor allem zwei Gründe: Von den Universitäten und Filmschulen kommen nun jene jungen Talente, die mit Stopp-Motion oder Knetmasse nichts mehr am Hut haben. Sie sind bereits mit Computern groß geworden und haben nun an den Hochschulen den virtuosen Umgang mit der Computertastatur perfektioniert. Hinzu kommt, dass sich die Kosten für die Technik drastisch reduziert haben. Wo früher ein Superrechner von Silicon Graphics für eine halbe Million Euro notwendig war, lassen sich viele Effekte heutzutage auf mehreren zusammengeschalteten Standard-PCs erzeugen.

Zu den eindrucksvollsten Passagen der Präsentation von Dreamworks-Headhunterin Shelley Page in Swansea gehörte so auch die Vorstellung einer Reihe von Abschlussarbeiten von Animations-Studenten. Vor allem von den beiden französischen Schulen Gobelins und Supinfocom sowie von der Filmakademie Baden-Württemberg in Stuttgart zeigte sich die Expertin beeindruckt.

Auch das Zusammenwachsen sämtlicher audio-visueller Unterhaltungstechniken bis hin zum Computer- und Konsolenspiel wird sich durch diese Entwicklung beschleunigen. Electronic Arts, Marktführer im Games-Bereich, profitiert seit langem davon, wenn sich Harry Potter und Bilbo Beutlin ohne zeitliche Verzögerung von der Leinwand zum Monitor bewegen. Derzeit machen die Figuren dabei noch einen unangenehmen Transformationsprozess durch, denn die Polygon-Entsprechungen der Spiele sind nur ein Abglanz der realen Figuren. Doch auch das wird sich alsbald ändern, denn mit der nächsten Playstation und Xbox werden die verschiedenen Medien noch näher zusammenrücken.

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