Medien : Die SPD und ihre Medien

Eine neue Publikation dient der Versachlichung der Diskussion

Walter J. Schütz

Besitzt die SPD ein „Medienimperium“? Diese Frage wird in unterschiedlichen politischen Lagern kontrovers beantwortet. Andreas Feser vertrat in seinem Buch „Der Genossen-Konzern“ (2002) die Auffassung, die SPD ziehe aus ihren verlegerischen Beteiligungen an zahlreichen Zeitungen erhebliche publizistische Vorteile. Seine Recherchen zeichneten sich durch hohe Zuverlässigkeit aus, doch die (ungewichteten) Marktanteilsberechnungen waren statistisch nicht haltbar; sie verzeichneten die reale Situation.

Dennoch verfestigte sich die Auffassung, durch eine Fülle von sozialdemokratischen Zeitungen sei die Meinungsvielfalt gefährdet, und es drohe eine einseitige politische Indoktrination. Sie beeinflusste die Novellierung der Landesmediengesetze vor allem mit dem Ziel, Zeitungen, an denen politische Parteien beteiligt sind, die Zulassung zum Privatfunk zu versagen oder zu entziehen. Das zielte ausschließlich gegen die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), in der die SPD ihre Anteile an derzeit neun Zeitungen (die an 23 weiteren Zeitungsverlagen beteiligt sind) bündelt. Einige von ihnen sind an privaten Radiosendern beteiligt. Es ist abzusehen, dass erst ein weiteres Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine an Tatsachen statt Meinungen orientierte Lösung bringen wird.

Vor einem Jahr wurde in dieser Zeitung der tatsächliche Umfang der wirtschaftlichen Beteiligung der SPD mit einem Anteil von knapp zwei Prozent an der Gesamtauflage der Tagespresse als „Bonsai-Imperium“ charakterisiert – ein Begriff, der seither immer wieder auftaucht.

Für eine Versachlichung der Diskussion kommt das jetzt erschienene Buch „Am Anfang standen Arbeitergroschen“ schon fast zu spät, obwohl es dafür eine gute Grundlage bietet. In Zusammenarbeit mit der DDVG und der Friedrich-Ebert-Stiftung haben Uwe Danker (Universität Flensburg) und mit Markus Oddey, Daniel Roth und Astrid Schwabe drei junge Wissenschaftler eine Mediengeschichte der SPD verfasst, die von den Anfängen bis zur Gegenwart das Entstehen, die Entwicklung und die durch Fehlentscheidungen der Partei erzwungenen Neuansätze sozialdemokratischer Pressearbeit beschreibt. In der nach Zeitabschnitten gegliederten Darstellung finden sich Exkurse zu Titeln, die für Erfolge oder Niederlagen SPD-verbundener Parteiorgane stehen: hier „Wahrer Jacob“ und „Schwäbische Tagwacht“, dort „Telegraf“ und „Hannoversche Presse“.

Auch wenn man von einer Auftragsarbeit ausgehen muss: Die Autoren sind mit wissenschaftlichem Anspruch an ihre Aufgabe herangegangen, und sie haben ihn eingelöst. Das Quellen- und Literaturverzeichnis erscheint weit gefasst und wird über zahlreiche Anmerkungen und Verweise auch ausgeschöpft. Hilfreich ist der umfangreiche Anhang mit Biografien, Erläuterungen zu gerade bei Parteizeitungen ganz unterschiedlichen Unternehmensformen, zu Treuhändern und Pressebegriffen sowie ein Personen- und ein Sachregister. Der Verlag tat ein weiteres, was heute zur Ausnahme geworden ist: Er sorgte für eine gute Ausstattung mit ordentlicher Typografie und opulenter Bebilderung.

Wie rasch sich derzeit Veränderungen auf dem Zeitungsmarkt vollziehen, wird deutlich, wenn an mehreren Stellen im Buch noch hervorgehoben wird, die SPD sei über die DDVG nur bei einer einzigen Zeitung Mehrheitsgesellschafter. Inzwischen stieg diese Zahl auf drei Titel. So paradox es ist: Wegen zu erwartender Einsprüche des Kartellamts musste die DDVG zwei weitere Zeitungen ganz übernehmen, an denen sie bis dahin nur Minderheitsbeteiligungen hielt.

Wer in den Anfangsjahren der Partei deren Zeitung bezog, hatte damit auch seinen Mitgliedsbeitrag entrichtet. Für die Gegenwart sei nachgetragen: Während im Jahr 1928 mehr als fünf Prozent aller deutschen Zeitungen als sozialdemokratisch anzusehen waren, sind heute nur noch drei Zeitungen in Essen, Dortmund und Hannover, an denen die SPD minimal beteiligt ist, in ihrer Grundrichtung sozialdemokratisch. Ihre Auflage ist mit knapp über 400 000 Exemplaren deutlich niedriger als die Zahl der SPD-Mitglieder in Deutschland. 140 Jahre sozialdemokratische Presse: nicht immer eine Erfolgsgeschichte.

Uwe Danker / Markus Oddey / Daniel Roth / Astrid Schwabe: Am Anfang standen Arbeitergroschen. 140 Jahre Medienunternehmen SPD. Bonn: Dietz, 2003, 219 Seiten, 34 Euro

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