Medien : Die Stimmen Amerikas

Seit ein paar Wochen bereichert National Public Radio Worldwide die Berliner Medienlandschaft. Von John Kornblum

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Am Montagmorgen, dem 27. März 2006, verabschiedete sich die junge Crew von Joy-FM. Um neun Uhr morgens war die experimentelle nahezu drei Jahre andauernde Phase, das Programm der Frequenz 104,1 kHz, in Berlin zu Ende gegangen. Nur Momente später begann der Sender National Public Radio Worldwide sein Programm zu senden.

„Ein trauriger Tag für Berlin“, wurde nahezu alle 15 Minuten verkündet, „Joy-FM muss seine Sendefrequenz an den amerikanischen Kultursender NPR abgeben.“ Internetforen und Presseberichte waren weniger beunruhigt, dass Joy-FM seinen Sendebetrieb würde einstellen müssen, der ohne Lizenz sein Programm einer kleinen Hörerschaft darbot. Aber warum braucht diese Stadt eigentlich noch einen weiteren Sender mit Informationssendungen aus Amerika?

Jüngere Zuhörer äußerten im Internet ihre Befürchtung, dass NPR in allererster Hinsicht ein Rhythm & Blues-Sender sei, ein Genre, das sich derzeit offensichtlich keiner großen Beliebtheit erfreut. Die „Berliner Morgenpost“ äußerte sich besorgt darüber, dass NPR ein staatlich unterstützter Radiosender sei, der die Sichtweise der Bush-Administration verbreiten solle. Tatsächlich hat die Bush-Administration den Antrag auf Erteilung der traditionell amerikanischen Sendefrequenz 87,9 kHz versucht zu verhindern, um den staatlichen Sender „Voice of America“ zu stützen.

Die unübersichtliche – wohl interne – Berlin-Brandenburger Medienpolitik verhinderte die Erteilung der amerikanischen Sendefrequenz für NPR, aber auch am durch mehrere Rocksender stark genutzten Ende des Sendebereichs wird diese Radiostation eine willkommene Abwechslung und Bereicherung für die Berliner Medienlandschaft sein. Nicht, weil NPR für oder wider Bush wäre, sie sind weder das eine noch das andere, sondern weil es ein großartiger Sender ist, der auch Stimmen wie Michael Moore oder Ralph Nader zu Wort kommen lässt. Und besonders in einer Zeit, in der Deutschland und die Vereinigten Staaten weiterhin keine entscheidenden Schritte aufeinander zugehen wollen, werden die Berliner, die sich mit diesem Sendeformat vertraut machen, merken, dass damit ein neuer Weg des Kennenlernens eingeschlagen wird und man die realen Lebenswelten der „einzig verbliebenen Supermacht“ wird noch besser kennen lernen können.

Aber man sollte den Machern Zeit und Geduld zusprechen, denn das Programm von NPR ist alles andere als ein schnelles. Die Herangehensweise an Informationsvermittlung ist eine radikal andere, als die von Sendern wie Joy-FM, Star-FM (weiterhin auf der Frequenz 87,9 zu hören) oder anderen Popsendern, die man in Berlin empfangen kann.

Überhaupt scheint angloamerikanische Popmusik im Moment die einzige anerkannte und akzeptierte Form der Vermittlung amerikanischer Kultur zu sein. Die damit verbundene Darstellung der USA ist nicht vollkommen falsch, und sie ist unterhaltsam, aber eben nur ein Fragment des Gesamtbildes. Im Grunde genommen die zeitgenössische und kurzlebige Variante der modernen westlichen Lebensweise. Und die Zuhörer von diesen Radiosendern oder auch von MTV haben scheinbar auch keine Zeit zu hinterfragen, warum sie die Musik eines Landes, das sie fürchten, so begeistert. Ebenso wenig wie die Zuhörerschaft der klassischen Sender, deren Kommentatoren sich sehr oft mit der Gefahr, die die gefährlichen Auswüchse des „US-amerikanischen Lifestyles“ birgt, befassen.

NPR lässt sich am besten als „Slow-Radio“ beschreiben. Der Sender stellt sein Programm unterhalb der Turbulenzen des täglichen Nachrichtenlebens zusammen, und die vermittelten Informationen helfen den Zuhörern die wahren Hintergründe all dessen, was in der Welt geschieht, zu verstehen. Der Sender ist nicht die Stimme Amerikas, sondern er überträgt die Stimmen Amerikas, präsentiert in der tatsächlichen Vielfalt und Unterschiedlichkeit.

Solch ein Programm ist nicht einfach zu verdauen, und dazu braucht es Zeit. Nachrichten werden öfter durch längere Hintergrundbeiträge ergänzt, wie zum Beispiel in der Frühsendung „Morning Edition“. Die Fans von Diane Rehm, seit 25 Jahren bereits auf Sendung, sind immer wieder aufs Neue beeindruckt von der Tiefe und Intensität ihrer Interviews mit Persönlichkeiten aus Politik und Zeitgeschehen. Krista Tippetts „Speaking of Faith“ befasst sich mit den spirituellen Ursprüngen des modernen Amerikas, aber auch des Rests der Welt. Garrison Keillors „A Prairie Home Companion“ ist eine zweistündige Sendung am Samstagabend ohne Werbeunterbrechungen, mit Gästen, musikalischen Lifepräsentationen, Comedy und Drama, die Hoffnungen und Träume Amerikas „Heartland“ im Mittelpunkt hat. Nicht verpassen sollte man die Tipps und Tricks der Technikbrüder Click und Clack in der wöchentlichen Sendung „Car Talk“. Wo anders gibt es eine solche Mischung aus Information und Unterhaltung sonst noch in Deutschland oder den Vereinigten Staaten?

Dies ist ein Aspekt Amerikas, der einem selten präsentiert wird. Es ist nicht das Amerika der Nachrichtensender oder des Promitalks, sondern das der normalen Amerikaner. Und so wird, indem man immer mehr Struktur erkennt, das Bild der Amerikaner Stück um Stück vielfältiger und realistischer. Die wichtigsten Nachrichten aus Washington werden in einen komplexen Zusammenhang gesetzt. Und möglicherweise werden die Vereinigten Staaten besser verständlich.

Wo kommen nun all diese Sendungen her? NPR ist ein Netzwerk aus verschiedenen Radiostationen, die sich frei finanzieren, nicht profitorientiert und über die gesamten Vereinigten Staaten verteilt sind. Über einen geringen Anteil staatlicher Unterstützung hinaus finanziert sich NPR zur großen Mehrheit über einzelne Sponsoren und private Spender. Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der starken Bindung an die Wurzeln der Zuhörerschaft. Diese Wurzeln sollen auch in Berlin greifen, und so werden mehrere Stunden Programm in Berlin aus Berlin produziert werden. Ich habe keinen Zweifel, dass NPR in sehr kurzer Zeit so sehr Teil dieser Stadt werden wird, wie es in Hunderten von Gemeinden in den USA bereits der Fall ist.

John Kornblum , 63, war von 1997 bis 2001 US-Botschafter in Berlin. Nach dem Ende seiner Amtszeit wurde Kornblum

Deutschland-Chef

der Investmentbank

Lazard.

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