Medien : Die Todesautomatik

Manchmal ersetzen Fernsehfilme Geschichtsbücher: Montagabend zeigt das ZDF einen sehenswerten Film über innerdeutsche Grenzer - nach einer realen Geschichte

Kerstin Decker

Schon zum zweiten Mal hintereinander das Unwahrscheinliche: Ein Fernsehfilm sagt mehr über die jüngste deutsche Vergangenheit als manches Geschichtsbuch. Natürlich, ein Film kann mehr offenhalten, er ist näher am Menschen, er kann sich durchkreuzende Logiken zulassen, mehrere Wahrheiten auch – im besten Falle. „Die Todesautomatik“ von Niki Stein ist ein solcher „bester Fall“. Wie vor kurzem „An die Grenze“ über jene, die ihren Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze leisten mussten. Schon wieder also ein Film über die DDR, über die Grenze. Es ist ebenso ein Film über das Land geworden, das DDR-offiziell einmal „die BRD“ hieß. Nie „Bundesrepublik“. Kluge Menschen haben gesagt, die wirkliche Vereinigung beginnt, wenn wir anfangen, die deutsch-deutsche Geschichte als eine Geschichte zu betrachten. Es scheint möglich zu werden.

Strausberg, Sommer ’61. Ein junger FDJ-Apparatschik will eine Kampfrede halten, aber seine Stimme klingt ungewohnt dünn. Er schaut am Lautsprechermast hoch – da hängen ganz oben nur noch ein paar Drähte in der Luft. Dafür haben Elvis Presley und Ted Herold im 1. Rock’n-Roll-Fanclub von Strausberg eine wünschenswerte Lautstärke. Vielleicht ist das die erste Grundentscheidung, die jeder trifft: Wurden Lautsprecher für die Propaganda erfunden oder für den Rock’n Roll? Natürlich gibt das Ärger, aber der ist eingeplant, wenn man 17 ist. Und weil die wahre Welt Rock’n Roll ist, fahren Lutz, Manfred, Bernd und Philip aus Strausberg am Morgen des 14. August 1961 nach Westberlin, einen neuen Plattenspieler besorgen. Sie kommen nicht weit. Westberlin abgeriegelt! Welch eine Niederlage für den Rock’n Roll. Die Kommunisten tapezieren die Straßen mit Losungen? Das können sie auch: Faschisten und Kommunisten raus! steht sinngemäß am nächsten Morgen an Strausberger Fensterscheiben.

Logik der Härte
Die Staatsgewalt der DDR reagiert. Die neuen Machthaber, die in den Gefängnissen der Nazis saßen, kennen nichts anderes als die Logik der Härte: lebenslänglich für Lutz und Manfred. Für zwei Minderjährige. Robert Gwisdek und Philipp Danne spielen mit Kraft und leisen Tönen diese Lebensanfänger, denen der Rock’n Roll zum ersten Weltbegriff wird. Und dann das Zuchthaus. Aber die eigentliche Geschichte beginnt jetzt erst. Freigekauft vom Westen in den Siebzigern, stehen Manfred und Lutz plötzlich im Westen. Ohne Bahrs und Brandts Entspannungspolitik wäre das unmöglich gewesen. Natürlich hatte die Entspannungspolitik viele Verächter, nicht nur die ewigen kalten Krieger, sondern auch den freigekauften Manfred. Er wird bald DDR-Bürger über die Grenze in den Westen bringen und am Ende die Selbstschussanlagen an der DDR-Grenze filmen. Erst filmen und dann sogar abbauen – als Beweis!

Dieser Manfred hat ein reales Vorbild: Michael Gartenschläger wurde 1976 beim wiederholten Versuch, eines der Selbstschussgeräte an der Grenze zu demontieren, erschossen. Der eigentliche Held der „Todesautomatik“ aber ist nicht Gartenschlägers alter Ego Manfred. Es ist Lutz. Stephan Kampwirth gibt ihm den Ernst, die Sensibilität und die Entschlossenheit von Menschen, die das Gefängnis hart und weich gemacht hat zugleich. Auch Misel Maticevic als Manfred Brettschneider hat Szenen von großem Charme. Kein anderer hätte die DDR-Grenzkontrolle mit solch kaltblütiger Clownerie passiert wie er – vielleicht hat es auch in Wahrheit nie jemand getan. Diesen nie ganz erwachsen Gewordenen muss man mögen. Mit dem West-Finger auf die Selbstschuss-Anlagen Ost zu zeigen, passt nicht ins neuentspannte Ost-West-Verhältnis der 70er. Auch große Nachrichtenmagazine sehen das so, tendenziell. Also wird Manfred den ignoranten Journalisten wohl so ein Ding auf den Tisch legen müssen, einen echten Todesautomaten. Kerstin Decker

„Die Todesautomatik“,

ZDF, 20 Uhr 15

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