DIE TOUR im TV : Große Kulisse für großes Theater

Helmut Schümann

Darf man in diesen Zeiten noch Tour de France mit Lust schauen? Oder ist man moralisch gleich auf Seiten der Doper, wenn man sich begeistert für Linus Gerdemanns Ritt ins Gelbe Trikot, wenn man gestern interessiert, fasziniert und voller Spannung zuschaut, wie die Fahrer den Iseran und den Galibier bezwingen? Man hört in diesen Tagen ja oft von einst glühenden Radsportverehrern solche Sätze wie „Guck ich nicht mehr“ – enttäuschte Liebe der einst blind Liebenden ist das, und die ist schwer in Mode und politisch total korrekt. Aber ist es nicht trotzdem so, dass die Tour de France ihre eigene Kraft entwickelt und aus der heraus nicht so leicht tot zu kriegen ist?

Auch diese Rundfahrt ist in Gänze nicht sauber, und es ehrt das gestern übertragende ZDF, dass es die schönen Bilder von bunten Körpern vor imposanter Alpenkulisse konterkarieren ließ von den Worten des Dopingexperten Schänzer, der genau darauf hinwies. Und doch gibt es ein richtiges Leben im falschen, sind die Positionskämpfe vor dem Berg, ist die Qual im Berg, sind Triumph oder Tragik auf dem Berg, ist der Kampf des Willens mit dem Körper grandioses Theater.

Großer Sport ist es höchstwahrscheinlich nicht, oder nur in kleinen Teilen des Feldes. Und dann liegt vor dem Peloton der Galibier, dann tritt der Spanier Valverde an, ein Mann unter Verdacht, und dann tritt Contador an, ein Mann von Discovery Channel und ein Mann unter Verdacht, und dann fällt Linus Gerdemann zurück, der junge Deutsche, kann nicht mithalten, quält sich und schafft es nicht, scheitert nicht, versagt auch nicht, schafft es nur einfach nicht – und nährt gerade deswegen die Hoffnung, dass auch in dieser Tour großer Sport zu finden ist. Und das ist allemal spannend und faszinierend. Dass der Verdacht mit fährt? Ja, nun, das hat er immer getan.Helmut Schümann

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