DIE TOUR im TV : Wie Kai aus der Kiste

Die Tour de France-Berichterstattung gleicht zu weiten Teilen doch mehreren Volkshochschulkursen. Fronkraich und seine Bauten, Fronkraich und seine Kulinarik und vor allen Dingen: Der Radsport und sein Doping.

Helmut Schümann

Oh la, la, der Wein in der Bourgogne, ah oui, das Huhn aus Bresse, und erst diese traumhafte Landschaft, durch die die Tour de France führt, und dann all die Schlösser der Loire – es gibt schon eine Menge rechts und links der Straße, über das die Reporter bei ARD und ZDF ihr geballtes Wikipedia-Wissen loswerden können. Überhaupt Wissen: Die Tour de France-Berichterstattung gleicht zu weiten Teilen doch mehreren Volkshochschulkursen. Fronkraich und seine Bauten, Fronkraich und seine Kulinarik und vor allen Dingen: Der Radsport und sein Doping. Wir wollen ja nicht meckern, aber inzwischen ist die tägliche Aufklärungsstunde vor der Sportstunde in etwa so, als wenn ein Bordellbesucher am Eingang erst einmal eine Stunde über die Gefahren von Aids unterrichtet würde. Soll heißen: Das Problem, das ARD und ZDF in diesem Jahr erkannt haben und ausführlichst referieren, ist ja nicht wirklich wie Kai aus der Kiste gehüpft, sondern seit Jahren bekannt. Es wirkt doch inzwischen arg bemüht, gerade so, als ob die beiden Sender jahrelange Versäumnisse abzuarbeiten gedenken. Fast war das gestern vor der Etappe von Semur-en-Auxois, oh la, la, ein Weinchen, nach Bourg-en-Bresse, ah oui le coq, wie eine Erleichterung, mal nicht über Doping zu reden und trotzdem nicht über Sport reden zu müssen. Statt dessen konnten die heftigen Verletzungen der Astana-Fahrer Klöden und Winokurow behandelt werden. Aber andererseits, mhmm, schwierig auch dies, ist dabei unbedingt die Heroisierung zu vermeiden. Warum eigentlich? Bleibt es nicht dennoch sehr bemerkenswert, wenn zwei Fahrer sich nach Pech und voller Schmerzen weiter quälen? Aber diese Angst vor der Objektivität ist wohl der Fluch der bösen Falle, die sich die Sender in den Jahren zuvor selbst gestellt haben.

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