Medien : Die Überlebenden von der Ostsee

Die Suche der Medien nach Tsunami-Betroffenen nimmt groteske Züge an / Von Henryk M. Broder

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Eine junge Frau, die 151 Tage die Freundin von Boris Becker gewesen war, erklärte, nachdem alles vorbei war, sie habe die Affäre mit dem Tennisstar „überlebt“; die Überlebende hatte sich damit für eine Nischenexistenz in der Hall of Fame des privaten Fernsehens qualifiziert. Sie wurde Moderatorin und durfte eine Weile ein ReiseLifestyle-Magazin präsentieren.

Wir wissen nicht, was sie inzwischen macht, wovon sie lebt und wie sie überlebt. Aber falls sie Weihnachten in Thailand, auf den Malediven oder Sri Lanka war, dürfte sie beim Fernsehen bald eine zweite Chance bekommen, nicht unbedingt als Moderatorin eines Reise-Lifestyle-Magazins, das wäre eine Spur zu frivol, für die „Kulturzeit“ auf 3sat, wo Tina Mendelsohn demnächst in Mutterschaftsurlaub geht, dürfte es allemal reichen.

Denn „Überlebende“ stehen derzeit hoch im Kurs. Noch steht nicht fest, wie viele Urlauber am 26. Dezember ums Leben gekommen sind, allein in Deutschland werden noch über 700 Menschen vermisst, doch schon verlagert sich das Interesse von den Opfern, die aus sehr einfachen Gründen als Interviewpartner nicht zur Verfügung stehen, zu den Überlebenden, die von der Riesenwelle zuerst überrascht und dann in ein Fernsehstudio gespült wurden. In einem Reportage-Magazin war vor ein paar Tagen ein deutsches Urlauberpaar zu sehen, das Glück gehabt hatte: Es war auf einem Ausflug im Landesinneren unterwegs, während der Tsunami die Küste heimsuchte. Die beiden wurden als „Überlebende“ vorgestellt.

Damit wird nicht nur der Begriff des „Überlebens“ weiträumig definiert, es wird auch die Zahl der potenziellen Gesprächspartner wesentlich erweitert. Der Tsunami schlägt immer neue Wellen, zieht immer größere Kreise. Es ist nur eine Frage von Stunden oder von Tagen, bis sich die ersten Überlebenden zu Wort melden, die ihren Weihnachtsurlaub in Thailand oder auf Sri Lanka im letzten Moment abgesagt haben. Dann wird der Weg frei sein für Überlebende, die vor ein, zwei Jahren in Thailand oder Sri Lanka waren und keinen Tsunami erlebt, aber immer ein „irgendwie mulmiges“ Gefühl hatten, wenn sie übers Meer schauten. Und schließlich werden wir Überlebende erleben, die noch nie am Meer, nicht mal an der Ostsee, waren, weil sie Angst vor dem Wellengang haben – eine innere Sperre, die ihnen das Leben gerettet hat, denn es könnte ja sein, dass sie heuer dennoch eine Reise nach Phuket gebucht hätten.

Es gibt seltsame Parallelen und noch seltsamere Gegensätze zwischen den Bildern aus New York vom 11.9. und den Bildern aus dem Indischen Ozean vom 26.12. Beide Male war es die Stunde der Amateurfilmer, die den Vorgang festhielten. Beide Male setzte schon bald nach der Katastrophe ein konspiratives Geraune über deren Ursachen ein. Doch im Unterschied zu den Anschlägen von New York hat sich nach der Katastrophe in Südasien noch kein Kulturkritiker – kein Sloterdijk und kein Willemsen – über die visuelle Macht der Bilder beschwert und das Ereignis „relativiert“, also ins Verhältnis gesetzt zu der Zahl der täglichen Aids- oder Hunger-Toten in der Dritten Welt, die vom Kapitalismus verursacht werden.

Denn das eine war Terror und das andere ist Natur. Für den Terror, egal wie viele Opfer er fordert, muss es rationale Ursachen geben, das Wüten der Natur aber fordert die Frage heraus: „Wo warst du, Gott?“ Nicht die Zahl der Opfer ist entscheidend, sondern der Versuch einer Sinngebung des Sinnlosen.

Was haben wir über die Amis gelästert, als die kurz nach dem 11.9. Filme aus den Programmen nahmen, die von Terroranschlägen handelten! Hatte nicht Hollywood seit langem die Vorlagen für die Wirklichkeit geliefert? Und nun setzt RTL den Film „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio ab, nur weil er dort gedreht wurde, wo der Tsunami wütete. Ist es Pietät gegenüber den Toten oder eher eine Art abergläubischer Rücksichtnahme gegenüber der Natur, die man nicht provozieren möchte?

Gleichzeitig setzt ein Politiker-Tourismus in die Katastrophengebiete ein, der die Landepisten verstopft und die Hilfsmaßnahmen behindert. Kein bedeutender Politiker, von Kofi Anan bis Joschka Fischer, der nicht dort gesehen werden möchte, wo die Natur getobt hat, obwohl sich alles, was sie erledigen möchten, auch per E-Mail oder Überweisung erledigen ließe. Und auch die Touristen sind wieder da, bzw. gar nicht abgereist, beschweren sich darüber, dass der Schrott von den Stränden noch nicht abgeräumt wurde oder reden wie Attack-Funktionäre auf Dienstreise. Gerade jetzt komme es darauf an, Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen, sie nicht allein zu lassen. Das klingt, als würden sie ihren Urlaub viel lieber an einem eisigen Fjord in Norwegen verbringen und nur aus Hilfsbereitschaft die Strapazen der weiten Reise nach Thailand auf sich nehmen. Wären da nicht die jungen Mädels, die vom Tourismus leben, würde man nie erfahren, dass die sexuellen Leistungen, die in den All-inclusive-Preisen der Reisebüros nicht enthalten sind, derzeit besonders günstig angeboten werden.

Jede größere Katastrophe hat auch eine positive Nebenwirkung. Sie bedient das Bedürfnis nach existenziellen Erfahrungen, die der Alltag nicht bietet. Mit dem Leben davon gekommen zu sein, bringt einem das Leben näher, ein Unglück überlebt zu haben, schärft die Sinne für das Glück des Zufalls. In einem Dschungelcamp Regenwürmer zu essen, um „bis an die Grenzen zu gehen“, ist ganz nett, aber einem Tsunami entkommen zu sein, ist eine Erfahrung, bei der kein Reality-Format mithalten kann.

Im besten Falle lässt sich auch das Schöne mit dem Praktischen verbinden. Der überparteiliche Vorschlag, deutsche Arbeitslose als Aufbauhelfer in den Tsunami-Gebieten zu beschäftigen, sie quasi zu entsorgen, ist nicht so zynisch, wie er sich anhört. Wir haben ja schon schwer erziehbare Jugendliche zur Resozialisierung in israelische Kibbutzim und radioaktiven Abfall in den Osten geschickt. Vor allem den schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen würde ein Aufenthalt im Ausland gut tun: physisch, psychisch und auch lebenstechnisch. Einige würden sicher ganz da bleiben und damit aus der deutschen Arbeitslosenstatistik herausfallen. Schade nur, dass der Vorschlag an der Praxis scheitern wird. Keine Krankenkasse würde das Risiko eingehen, Zehntausende von unfreiwillig Beschäftigten in Katastrophengebieten zu versichern.

Ein Gutes hat die Sache trotzdem. Reichte der Boden der deutschen Geschichte früher bis nach Jerusalem, Windhoek und Sansibar, so kommt jede Tsunami-Welle inzwischen in Berlin, Frankfurt und München an.

Endlich geht ein Ruck durch das Land.

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