Medien : Die Überschätzte

Viele schreien auf, weil Charlotte Roches Viva-Show eingestellt wird. Warum nur?

Matthias Kalle

Ein paar Dinge gibt es, die macht man einfach nicht, dazu gehören unter anderem: ausschließlich an Weihnachten in die Kirche gehen, Hunde treten und Charlotte Roche überhaupt nicht gut finden. Wobei Menschen, die Hunde treten, in diesen Tagen moralisch einwandfreier dastehen als welche, die ob der Nachricht, dass der Musikkanal Viva Charlotte Roches Sendung „Fast Forward“ im Dezember absetzt, frohlocken. Wer jetzt also sagt: „Gott sei Dank! Diese Roche habe ich einfach nicht mehr ertragen“, macht sich verdächtig und gesellschaftlich unmöglich.

Wieso das so ist, leuchtet nicht ein. Warum scheint die Frau über jeden Zweifel erhaben? Wieso glauben so viele (seltsamerweise aber vor allem ältere Männer), dass diese Frau die Zukunft/Rettung/Hoffnung des deutschen Fernsehens ist? Haben die mal die „Fast Forward“ geschaut? Beispielsweise Dienstagabend? Im Videotext hatte die Sendung den Untertitel „Liebe, Sex und Video“, das machte wenig Sinn, allerdings ist das Musikfernsehen, da muss nichts Sinn machen – außer eben Charlotte Roche, die sofort am Anfang versuchte, diesem Anspruch gerecht zu werden: „Wir sollten uns nicht so viele Gedanken machen, was die Leute sagen. Sind ja nur Leute.“ Einverstanden. Ist ja nur eine Moderatorin, die im Verlaufe der Sendung dann auch noch den Musiker Damon Albarn einen „alten Kaftanträger“ nennt, und es schafft, folgenden Satz zu sagen: „Slut schwängern im Arschfickrausch 17 Rehkitze.“ Das soll irgendwie schocken, anstößig sein, anders, hihi, aber es ist dann eben doch: langweilig, vorhersehbar, sinnlos.

Immerhin macht die Roche aber dann doch was, was Musiksender nicht mehr allzu häufig machen: Sie zeigt Musik, immerhin fünf Videos, drei sind von deutschen Künstlern, da freuen sich auch die, die nach der Quote schreien, und Charlotte Roche freut sich mit, denn sie zeigt nur, was ihr und ihrer Redaktion gefällt, und die Musikauswahl geht vollkommen in Ordnung. Roche hat Geschmack und Haltung, aber das kann nicht reichen.

Es könnte vielleicht reichen, wenn sich ihre Moderationen, mit denen sie diesen Geschmack, diese Haltung transportiert, nicht anhören würden wie auswendig gelernt. Nicht, dass sie sie auswendig lernt. Behauptet keiner. Würde nie einer behaupten. Aber nur mal angenommen: Was würde passieren, wenn rauskäme, dass Charlotte Roche ihre Texte gar nicht selber schreibt? Sie also für das, wofür sie von so vielen verehrt wird, gar nichts kann? Dann bliebe ja immer noch dieses „Erfrischende, Unkonventionelle“. Genau – das bleibt aber auch schon so lange, dass es wirkt wie ein Selbstzitat, manieriert, gekünstelt.

Natürlich war Charlotte Roche eine Bereicherung zwischen all diesen unsäglichen „Moderatoren“ im Musikfernsehen. Sie begegnete dem Genre mit Ironie. Sie machte Nora Tschirner und Sarah Kuttner möglich. Aber sie machte leider auch all die anderen möglich, die im Aussehen und Sprechen Roche kopieren, und von denen man die Nachnamen nicht weiß. Sie heißen Johanna oder Collin, und sie müssen hinter jeden Satz ein „…ne?“ setzen, erfrischend sein, unkonventionell, und sie sind überall. Und man weiß nicht, ob man deshalb gähnen oder heulen soll.

Vielleicht sollte man jetzt erstmal durchatmen. Und überlegen, ob Hunde treten nicht doch schlimmer ist.

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