Medien : Die Ulla-Schmidt-Show

Bernd Gäbler

Ich stelle mich. ARD . Einst galten Staat, Parlament und Parteien zuverlässig als Orte des Politischen. Das Vertrauen in diese Institutionen schwindet – gerade in Zeiten der großen Koalition. Medien dringen in die Lücken, die diese Vermittlungsinstanzen lassen. Sie suchen das Politische nun verstärkt in der Gesellschaft, ja direkt beim Volk.

Also muss auch die soeben im Kabinett beschlossene Gesundheitsreform noch vor der ersten Parlamentsdebatte in die „Townhall“, ins Fernsehen. Aus Stimmung soll ein Diskurs werden. Gerade weil das Gesetz undurchschaubar wirkt und das Geflecht von Verbänden und Lobbygruppen wie ein dichtes Gestrüpp, soll die Zuständige sich in der „Arena“ unmittelbar Volkes Stimme stellen. Dabei bezieht sich das Fernsehen genauso auf das Volk wie die Politik: nämlich demografisch. Die in Mönchengladbach versammelte Auswahl des Volkes sei „repräsentativ“, verkündete die ARD für das neue, aber im Wahlkampf bereits erprobte Politikformat der direkten Demokratie unter dem alten Namen „Ich stelle mich“.

In der einstündigen Sendung aber zerbröselte das Volk zu einer Abfolge von Krankengymnastinnen, Haus- wie Krankenhausarzt, Vater und Mutter mit kinderreicher Familie, besorgter Rentnerin, begeisterter Privatversicherter, Optiker und Bürgermeister aus ländlicher Region – statt großer Lümmel viele kleine Experten. Das Volk als biederer Arbeitskreis Gesundheit. Das vom WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn versprochene freie Fragen mutierte zur braven Serie vorsortierter Einspielfilmchen, sicherheitshalber war alles aufgezeichnet worden. Nicht nur die Kameras umkreisten die mittig ins Bild gesetzte Ministerin Ulla Schmidt, die mit ihrem freundlichen rheinischen Singsang in allen Belangen am besten Bescheid wusste: egal, ob es um die Schuheinlagen für Zwölfjährige, Prostata-Tests oder die Zahl verletzter Drachenflieger ging. Ein Minister, der bei diesem Arrangement nicht gut abschneidet, müsste sehr viel falsch machen.

Der Journalismus, für den neben Schönenborn noch Inka Schneider vom NDR stand, beschränkte sich darauf, die Themen von Vorsorge über Zuzahlung bis zur gesetzlichen Krankenversicherung zu sortieren, vor lauter angestrebter Sachlichkeit eigene Individualität zu leugnen und ansonsten das Mikrofon hinzuhalten wie ein Sorgentelefon. Und Ulla beruhigte alle. Dann gab es noch joviale Quiz-Witzchen, aber keine Verallgemeinerung nirgends, keine begriffliche Anstrengung – eine Politiksendung ohne Politik. Oder genauer: die Liquidation der Politik zugunsten detailgetreuen Services. Man mag sich darauf berufen, dass Publikum wie Volk genau das wollen. Als Internetforum des Ministeriums oder Sprechstunde im Spartenkanal wäre die Sache ja wunderbar – aber als ein die Verantwortlichen herausforderndes Politikformat?

„Ich stelle mich“ – das waren einmal 90 Minuten am Sonntagabend zu einem Gast. Mochte er Howard Carpendale oder Helmut Kohl heißen – beim nasalen Insistieren Claus Hinrich Casdorffs gab es kein Entrinnen. Generationen von WDR-Redakteuren lernten hier gründliche Recherche. Durch die Zweckentfremdung des Namens wird der Verlust erst recht bewusst.

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