Medien : Die Unbedingte

„Hunger nach Leben“: Martina Gedeck brilliert als DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann

Kerstin Decker

Diese Frau fiel aus jedem Rahmen. Aus dem üblichen des Frau-Seins. Aus dem der fünfziger Jahre. Aus dem der DDR. Hätte sie doch in den Westen gehen können, mit ihrem Bruder (Uwe Bohm), den sie so liebte. Oder, als er dann weg war, wenigstens ihm hinterher. Aber daran hat Brigitte Reimann nie gedacht. Sie war eine bekennende Dableiberin. Und über solche dreht man neuerdings gesamtdeutsche Filme? Über eine, die „die zweite sozialistische Stadt" Hoyerswerda mit aufbauen wollte. Über eine Schriftstellerin, die auf Bitterfelder Wegen in die Produktion ging. Ja, wenn da wenigstens ein Vorurteil wäre. Oder Häme. Ist aber nicht. „Hunger auf Leben“ nimmt diese Frau ganz ernst.

Man hat gesagt, erst wenn die Bundesrepublik beginnt, sich für die DDR-Geschichte als ihrer eigenen zu interessieren, wird die Einheit wirklich. Irgendwann muss sie wirklich begonnen haben.

Nun gut, Regisseur Markus Imboden ist neutral von Geburt. Denn Imboden ist Schweizer. Aber Neutralität macht noch lange keinen guten Film. Und „Hunger auf Leben“ ist ein schöner, sehr sorgfältiger Film geworden. Präzision beginnt, wo man sich auf seine Vorurteile nicht mehr verlassen kann. „Hunger auf Leben“ wirkt gespenstisch genau. Selbst da, wo man gar nicht genau sein kann. Martina Gedeck spielt Brigitte Reimann. Und nachher schaut man auf die Fotos der beiden Tagebuch-Bände, die der Aufbau-Verlag 1998 herausgegeben hat – ist das nun Brigitte Reimann oder Martina Gedeck? Wie weit können Anverwandlungen gehen?

Brigitte Reimann war schön. Und Martina Gedeck war vielleicht noch nie so schön wie hier als Brigitte Reimann. Adorno hat mal philosophisch begründet, warum schöne Frauen unglücklich sein müssen. Aber an den Spezialfall Reimann hat er wohl nicht gedacht. Dass eine, in jeden Mann, der ihr begegnet – wirklich begegnet – einfach mitten hineinfällt. Und das ist nicht unkompliziert, wenn man Anfang zwanzig ist, verheiratet, gerade den ersten Hochzeitstag hinter sich hat und zum ersten Mal zu seinem Lektor (überlegen-erlegen: Ulrich Mühe) fährt.

Hier setzt der Film ein. 1955. Hier könnte es auch zu einem ersten Missverständnis kommen. Muss die wirklich, kaum dass sie ihren Lektor kennen lernt, mit ihm schlafen? Muss sie. In diesem Falle ist, was wie Kino aussieht, die reine Wahrheit. Und die ist wichtig für das Bild dieser Frau. Um ihre Kompromisslosigkeit, ihre Unbedingtheit zu verstehen. Es ist, als hätte die Prüderie der Fünfziger für diese Brigitte Reimann nie existiert. Und vielleicht ist der Unwille eines Ehemanns über die sexuelle Fremd-Erlebnisfähigkeit seiner Frau doch mehr als Prüderie. Sie versteht das gut. Und kann so aufrichtig trösten. Wenn sie ihm schreibt, dass sie ihn liebt, meint sie das wirklich. Und sie meint wirklich, was sie fühlt, wenn sie den Lektor wiedersieht. Und dann Daniel, den Dichter (sehr sanft: Kai Wiesinger). Und dann Jon, den Jungzyniker. Martina Gedeck findet für diese Brigitte Reimann sofort den richtigen Ton. Denn es ist ja nicht Weibchenhaftigkeit, sondern eine seltsame Urkraft, die diese Frau ausmacht. So ein Ganz-oder-gar-nicht-Mensch ist sie. Man könnte sie eine zu früh gekommene Achtundsechzigerin nennen, mehr als zehn Jahre zu früh und ganz allein. Auch muss sie keine Revolution machen, um die wichtigen Dinge des Lebens zu entdecken: die eigene Jugend, die Schuld der Alten und Zukunft, grenzenlos. Sie ist ohne Reserve. Vor sich selbst. Vor der Wirklichkeit. Daraus kommt ihre literarische Kraft.

Dass Brigitte Reimann zur Schriftstellerin wurde, verdankt sie tatsächlich der DDR. Denn was macht ein Ganz-odergar-nicht-Mensch wie sie in der DDR? Die (ideologischen) Wände, vor denen andere stehen bleiben, scheint sie gar nicht zu bemerken. Sie geht einfach hindurch. Was bei anderen Entschluss ist, ist bei ihr Naturell. Martina Gedeck zeigt es. Dass solche wie die Reimann wohl mit einem grenzenlosen Urvertrauen zur Wirklichkeit zur Welt kommen, macht sie gefährlich. Weil sie schwerer zu enttäuschen sind. Und weil ihre Enttäuschungen dann viel gründlicher sind.

Ihr erstes Buch veröffentlicht sie beim Ministerium des Innern. Von hier bis zum postum erschienenen, unvollendeten Roman „Franziska Linkerhand“ ist es ein weiter Weg. Franziska ist eine junge Architektin und ist natürlich Brigitte Reimann selbst. Imboden deutet das an. Auch, dass die DDR viel zu klein war für eine wie sie. Aber sie glaubte, auch viel zu kleine Länder könnten wachsen. Von innen groß werden. Sie glaubte, die DDR und sie teilten eine gemeinsame Leidenschaft: die Zukunft. Das war der Irrtum der Brigitte Reimann. Am Ende hat sie sich geekelt vor dem Land, in dem sie lebte. Sie starb 1973 an Krebs, keine vierzig Jahre alt.

„Hunger nach Leben“: Arte; Freitag, 18. Juni, 20 Uhr 45; ARD, 1. September, 20 Uhr 15

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