Medien : Die Unerbittliche

Seit zehn Jahren reist sie durch Tschetschenien, dokumentiert einen Krieg, den der Rest der Welt fast vergessen hatte. Im Moskauer Geiseldrama war Anna Politkowskaja Vermittlerin. Sie sagt: Die Geiseln wurden „absichtlich vergast“

Elke Windisch[Moskau]

Tausend Menschen schauten ihr hinterher, als sie an den Militärposten vorbeilief. Sie lief in Richtung des Moskauer Musicaltheaters, in dem das Geiseldrama schon etwa 40 Stunden andauerte. Sie wollte mit den Geiselnehmern verhandeln. Wasser und Saft für die Geiseln hatte sie dabei – aus der eigenen Tasche bezahlt.

Ein Dutzend Kameras waren an jenem Freitagabend auf sie gerichtet. Auf einmal kannte man sie auf der ganzen Welt, erzählte ihre Geschichte: die Geschichte von Anna Politkowskaja, die als Journalistin seit elf Jahren Tschetschenien bereist und Geschichten mit nach Moskau zurückbringt, die die Staatsführung und das Staatsfernsehen verschweigen In der russischen Führung hat sie sich mit ihrem Vermittlungsversuch im Geiseldrama wenig Freunde gemacht. Dem russischen Establishment war Anna Politkowskaja schon immer suspekt. Jetzt, so sahen es manche, hatte man sie auf frischer Tat beim Landesverrat ertappt.

Ein Plattenbau in einem beschaulichen Moskauer Viertel. Anna Politkowskaja sitzt in ihrem Büro der Zeitung „Nowaja Gaseta“. Graue kurze Haare, graues Kleid. Grau in allen Schattierungen ist offenbar ihre Lieblingsfarbe. Offensichtlich eine Distanzierung vom Goldglanz und den grellen Farben, welche viele russische Frauen tragen. „Nachdem Putin Giftgase eingesetzt hat, die so viele Opfer gefordert haben, glaube ich nicht, dass er noch in den Spiegel gucken kann“, sagt sie und schaut sehr ernst. In ihren Augen war die Geiselbefreiung, bei der 119 Geiseln starben und noch immer Dutzende vermisst werden, alles andere als ein Erfolg, da können noch so viele ausländische Regierungen gratulieren. Sie ist der Meinung: Die Geiseln seien „absichtlich vergast worden“. Sie hat die Geiselnehmer ja erlebt, sie hat mit ihnen verhandelt, anderthalb Stunden lang. Es hätte eine „echte Chance“ gegeben, sagt sie. Den Geiselnehmern hätte eine Absichtserklärung gereicht, dass die russischen Truppen Tschetschenien verlassen wollen. Vielleicht hätte man die eine oder andere Armeeeinheit bewegen müssen, sagt sie.

Anna Politkowskaja erzählt mit sparsamen Worten, fast ohne Gesten. Emotionen sind ihre Sache nicht, Fragen nach dem Privatleben prallen an ihr wie von einem eisernen Vorhang ab. Sie hat zwei erwachsene Kinder, mehr will sie nicht sagen. Alles soll sich um das Thema ihres Lebens drehen: um den Tschetschenien-Krieg.

So „um die fünfzig Mal“, sagt sie, sei sie zur Recherche in Tschetschenien gewesen. Eingereist über Schleichwege, über Ziegenpfade im Gebirge beispielsweise, um die Straßenposten zu umgehen. Gekleidet, statt in praktischen Hosen, mit Rock und Kopftuch. Die Maskerade ist ein Muss: Moskau hat aus dem ersten Tschetschenien-Krieg gelernt, den die Rebellen, lange, bevor sie Russland zu Friedensverhandlungen zwangen, an der Medienfront gewannen. Im zweiten Krieg dürfen Journalisten sich nur noch in Gruppen und in Begleitung von Presseoffizieren im Krisengebiet bewegen.

Anna Politkowskaja hält sich nicht dran. Sie taucht plötzlich bei den Rebellen, dann wieder bei den Militärs auf. So erlebt und schildert sie, wie Gewalt immer neue Gewalt gebiert. Da ist der russische Staat, der seine Militärs miserabel besoldet und sich das Problem dadurch vom Hals schafft, dass er sie zu sanktionierter Selbstbereicherung in den Kaukasus abkommandiert. „Sie besetzen Häuser und sagen zu den Frauen: ,Zahle 500 Rubel, und wir vergewaltigen dich nicht,“ berichtet sie. So bessern die Soldaten ihren Sold auf. Wer nicht bezahlt, wird misshandelt. Nach solchen Behandlungen, nach anderen „Spezialoperationen“ der Armee, hätten viele Tschetschenen Rache im Sinn, sagt sie. Beide Seiten – Moskaus Armee und die Freischärler – kommen bei Anna Politkowskaja nicht gut weg. Anders die tschetschenischen Zivilisten, als deren Anwältin Politkowskaja sich vor allem versteht. „Vielleicht ist der Tod das Beste, was den Menschen dort passieren kann. Das Leben ist so grausam“, sagt sie.

Literarische Kunstwerke sind ihre Reportagen nicht. Kein roter Faden verbindet die Episoden, die Anna Politkowskaja in der Reihenfolge aufschreibt, wie sie sie auch erlebt hat. Ohne szenische Rückblenden und Milieuschilderungen. Die Schönheit der Sprache ist für sie ein überflüssiger Schnörkel aus Friedenszeiten, sie kommt gleich im ersten Satz brutal zur Sache. Der Chronisten-Stil hat auch sein Gutes: Die nüchterne, emotionslose Darstellung von Fakten erhöht die Glaubwürdigkeit der Ungeheuerlichkeiten, die Anna Politkowskaja auch am eigenen Leib erfuhr. Anfang letzten Jahres entging sie nach einer Verhaftung und sexuellen Nötigung durch einen betrunkenen russischen Offizier nur knapp einem Erschießungskommando. Weil sich danach Morddrohungen gegen sie häuften, nutzte sie im Herbst vergangenen Jahres das Angebot zu einem mehrwöchigen Studienaufenthalt in Wien. Von dort aus reiste sie auch für ein paar Tage in die USA, wo ihr Buch mit einer Sammlung von Aufsätzen über den Tschetschenien-Krieg herausgekommen war. Der Titel: „A Dirty War“ (Ein schmutziger Krieg). Inzwischen ist das Buch mit einem Preis vom Index of Censorship ausgezeichnet.

In Moskau bedrängten die Machthaber derweil ihre Zeitung, die „Nowaja Gaseta“, die zweimal wöchentlich erscheint und zu den letzten unabhängigen in Russland gehört. Hohe Schadensersatzforderungen führten fast zum Bankrott des Blattes – die Zeitung hatte über einen korrupten Beamten berichtet. Auch das Anzeigengeschäft leidet unter dem kritischen Kurs des Blattes. Ein Geschäftsmann hat angeblich Chefredakteur Muratow gesagt, er könne keine Werbung mehr schalten, da er sonst Schwierigkeiten bekäme. Diesen März wurde auf den Kolumnisten des Blattes sogar geschossen. Nachdem die Duma am Freitag per Eilverfahren das Pressegesetz verschärft hat, ist fraglich, wie lange Anna Politkowskaja überhaupt noch ihre Arbeit fortführen kann.

Sie lässt sich jedenfalls nicht einschüchtern. Sie kritisiert auch weiterhin Putin. Düster fallen ihre Prognosen aus, wie es in Tschetschenien weitergehen soll. Putin, den Anna Politkowskaja einen „kalten Zyniker“ nennt, werde sich aus Berechnung erst kurz vor seiner voraussichtlichen Wiederwahl 2004 ernsthaft um eine Beendigung des Krieges bemühen. Auch Jelzin handelte 1996 erst unter dem Druck des Wahlkampfes.

Aber auch auf Seiten der militanten Separatisten in Tschetschenien kann Politkowskaja wenig ermutigende Indizien erkennen. Hass und Verbitterung über die Willkür der Russen förderten nur die weitere Radikalisierung der tschetschenischen Bevölkerung.

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