Medien : Die Unverstellte

Patricia Riekel ist Chefredakteurin von „Bunte“, „Instyle“ und „Amica“. Vielleicht wäre sie ohne Rot-Grün nicht so erfolgreich geworden

Ulrike Simon[München]

Patricia Riekel ist 19, als sie im selbst genähten violetten Kleid im Zug nach Starnberg sitzt. Zum Verdruss ihrer Mutter, einer Direktorin an einer Mädchenschule, hat sie eine Lehre zur Verlagsbuchhändlerin abgebrochen. Heute beginnt ihr Volontariat in der Starnberger Redaktion des „Münchner Merkur“. Gleich am ersten Tag bekommt sie einen Auftrag. Sie soll recherchieren, ob sich hinter der Sache mit dem verlassen aufgefundenen Ruderboot, eine größere Geschichte, vielleicht ein Unglück verbirgt. Per Autostopp macht sich die schüchterne Patricia Riekel auf. Tags drauf erscheint ein Einspalter in der Zeitung. Patricia Riekels erster Artikel. „Dieser Tag war so großartig und ungewöhnlich, dass ich dachte, ich will nie wieder in meinem Leben etwas anderes machen. Nie wieder!“

Patricia Riekel, 56, sitzt im senfgelben Flatterrock und Shirt auf einem der olivgrünen Stühle in ihrem Büro in München. Seit 1997 ist sie Chefredakteurin von „Bunte“, der Vertrag wurde kürzlich bis Ende 2008 verlängert. Seit 1999 ist sie außerdem Chefredakteurin des von ihr gegründeten Monatsmagazins „Instyle“, und seit ein paar Monaten ist sie auch noch Chefredakteurin der monatlich erscheinenden Frauenzeitschrift „Amica“. Der Titel sei innerhalb der von Burda übernommenen Verlagsgruppe Milchstraße „sicherlich der komplizierteste Sanierungsfall“, sagt Geschäftsführer Philipp Welte. Die Zeitschrift habe „für einige konzeptionelle Irrwege herhalten müssen“ und ein Defizit von mehreren Millionen Euro angehäuft. Die von Welte gegründete Burda People Group, in der die drei Riekel-Blätter erscheinen, war 2004 mit einer Umsatzrendite von etwa 25 Prozent und einem Millionengewinn in ähnlicher Höhe das erfolgreichste Profit-Center im Burda-Konzern.

Als Patricia Riekel Chefin der „Bunten“ wurde, war das Blatt in einem desolaten Zustand. Die journalistische Glaubwürdigkeit war dahin, die Auflage sank, das Blatt schrieb rote Zahlen. „Dass ,Bunte‘ mal ein für Anzeigenkunden attraktives Blatt und eine der Cash-Cows des Verlags werden würde, hat damals niemand geglaubt“, sagt Patricia Riekel. „Instyle“, ein Magazin, das Mode in Verbindung mit Prominenten präsentiert, erwirtschaftete im ersten Halbjahr laut „Kress“ brutto knapp 20 Millionen Euro Umsatz – 23 Prozent mehr als vor einem Jahr. Nicht ohne Stolz ärgert sich Riekel, „Instyle“ sei die „wohl meistkopierte Zeitschrift Deutschlands“.

Jetzt also „Amica“. Seit dem Juli-Heft drückt Riekel dem Blatt ihre Handschrift auf und signalisiert den Werbekunden damit: „Habt Vertrauen, inseriert!“ Mit dem September-Heft ist aus der zuletzt beliebigen Frauenzeitschrift laut Welte ein „internationales Fashionmagazin mit avantgardistischem Anspruch“ geworden. Riekel sagt in ihrer schlichten Art: „,Amica‘ ist eine Zeitschrift für erwachsene Frauen.“ Das Konzept folge ihrem persönlichen Slogan: „Das Leben ist zu kurz, um an einem einzigen Tag schlecht angezogen zu sein.“

Das Jahr, als Riekel „Bunte“ übernahm, war das erste, in dem ein Politiker auf dem Titel erschien: Gerhard Schröder. Seither ist Politik fester Bestandteil jeder Ausgabe. Nicht zuletzt dürfte „Bunte“ ihren Erfolg als deutsches Gesellschaftsmagazin dem neuen politischen Berlin, dem Regierungswechsel und der medialen Darstellungslust der Politiker zu verdanken haben. Riekel sagt: „Rot-Grün hat einen neuen Blick auf die Politik geöffnet. Da sind Männer und Frauen angetreten, die offener als je zuvor ihr Privatleben präsentiert haben.“ Gerade jetzt, in Zeiten des Wahlkampfs, sagt Riekel, sei „der Zugang zu den Politikern so einfach wie selten“. Sie hätten begriffen, „dass sie angesichts schwieriger Sachverhalte in Politik und Wirtschaft die Menschen besser vom eigenen Charakter überzeugen, wenn sie ihr Herz, und manchmal auch ihr Haus öffnen“. Neuerdings erscheint in „Bunte“ eine politische Kolumne, in der es darum geht, wie spannend der Berliner Machtkampf sei. Autor ist der frühere „Spiegel“-Journalist Hajo Schumacher. Seiner Ansicht nach kopiere der „Spiegel“ das, was „Bunte“ seit Jahren mit Erfolg betreibe. Man müsse nur ein Porträt von Joschka Fischer im „Spiegel“ lesen. „Da erfährt man rein gar nichts über Politik, über Antrieb oder Ziele des Außenministers. Aber man erfährt alles über die Sehenswürdigkeiten seiner Tour, jeden Bissen, den er isst, jedes Stirnrunzeln“. Das sei „Boulevardjournalismus, bei dem das Politische auf jenes Minimum reduziert ist, das den Lesefluss nicht stört“.

Patricia Riekel versteht Netzwerke zu knüpfen. Sie schätzt Angela Merkel, die 2002 von „Bunte“ zur „eindrucksvollsten Frau des Jahres“ gekürt wurde. In „Bunte“ verrät Merkel, dass sie Weihnachten „ein Gänschen“ brät oder verwechselt, wie kürzlich geschehen, brutto mit netto. Denkt man an die Kommentare aus Riekels Anfangszeiten zurück, neigt man dazu, Parallelen zwischen den beiden Frauen zu ziehen. Erst stutzt die Journalistin, dann antwortet sie: „Vielleicht haben Sie Recht. Frau Merkel musste sich auf einem Gebiet durchsetzen, das traditionell von Männern besetzt war und hat innerhalb ihrer Truppe starke Männer, die sie überzeugen, und manchmal auch wegkicken musste, um dahin zu kommen, wo sie hin wollte. Ich musste mit ähnlichen Vorurteilen kämpfen wie sie, und auch bei mir haben einige geglaubt: Das schafft die nie!“.

Patricia Riekel ähnelt im Gesicht ein wenig Suzi Quatro, der Leder-Rockerin aus den 70ern. Der Vergleich erinnert Riekel an ihre Vorliebe für Stiefel. Zum Beweis streckt sie ihre Beine unterm Tisch vor und entschuldigt sich dann, heute sehe sie ja nicht gerade „business-like“ aus. Sie kommt gerade aus Paris. Karl Lagerfeld, der die neue „Amica“ mitgestaltet hat, hatte sie gestern angerufen und kurzerhand zum Abendessen eingeladen. Mit einem Ehemann, der Anwalt oder Arzt ist, könnte man das gar nicht machen, meint Riekel. Als junge Frau war sie mal verheiratet, ganz kurz. Ein zweites Mal ist für sie kein Thema. Auch wenn sie mit „Herrn Markwort“ – sie nennt ihn wirklich so – seit 25 Jahren liiert ist. Über ihre Beziehung zum „Focus“-Chef, der übrigens nach wie vor verheiratet ist, sagt Riekel: „Unser Zusammensein ist von einer großen Liebe und Freiwilligkeit getragen. Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass wir uns nicht noch früher begegnet sind.“

Seitdem sie Dreifach-Chefredakteurin sei, komme sie abends gar nicht mehr vor 23, 24 Uhr aus dem Büro, sagt Riekel. Der Samstagnachmittag, wenn Markwort seinem Hobby Fußball frönt, ist ihr aber heilig. Da trifft sie sich mit ihren Freundinnen, darunter welche, die sie von Jugend an begleiten, außerdem zwei weitere Burda- Chefredakteurinnen und die Frau des Münchner Psychotherapeuten Jens Corssen, mit dem Riekel damals, bei Radio Gong 2000, eine Sendung über zwischenmenschliche Beziehungen leitete.

Einer, der sie lange kennt, sagt, Patricia Riekel sei nicht die verbindlichste, aber eine sehr bodenständige, ehrliche und aufrichtige Frau, die Grundvertrauen ausstrahlt. „Sie hasst Falschheit“. Ein anderer sagt, sie sei ebenso rastlos wie ehrgeizig. Am liebsten würde sie alles selbst machen. Das passt zu dem, was sie über ihren Arbeitsstil erzählt. Ob „Bunte“, „Instyle“ oder jetzt „Amica“: „Es gibt keine Titelkonferenz ohne mich, ich mische mich in kleinste Details ein, es gibt keine Seite, deren Layout nicht über meinen Schreibtisch geht.“ Sagt es, schaut auf die Uhr, sieht die fortgeschrittene Zeit, ruft in ihrem Vorzimmer an und sagt: „Wenn Seiten abgezeichnet werden sollen – bitte reinkommen, ja?“

Sie hocke am liebsten in der Redaktion und komme „viel zu wenig nach draußen“, sagt Riekel. Andere sagen, hätte man sie früher zu repräsentativen Auftritten drängen müssen, fände sie mittlerweile zu sehr Gefallen an öffentlicher Aufmerksamkeit. Sie inszeniere sich als Ikone des People- Journalismus, was sie gar nicht sei, und habe es geschafft, „Bunte“ ein Image zu verpassen, das in krassem Gegensatz stehe zu den rüden Methoden der Redaktion. Riekel sagt: „Ein Streichelzoo für Prominente sind wir nicht. Wir sind aber anständig, fair und um Fakten bemüht“. Betroffene wissen anderes zu berichten. Für Anwälte wie Christian Schertz gehört „Bunte“ zu den üblichen Verdächtigen:„Wir haben in absoluter Regelmäßigkeit Klagen gegen ,Bunte‘ auf Unterlassung, Gegendarstellung und Schmerzensgeld.“

Noch sieht Patricia Riekel in ihrer Mehrfachbelastung mehr Vor- als Nachteile. „Es ist nicht mein Ziel, langfristig Chefredakteurin von drei Zeitschriften zu sein. In erster Linie bin und bleibe ich ,Bunte‘-Chefredakteurin“. Doch alles, was sie bei ,Amica‘ und ,Instyle‘ tue und lerne, sei auch für ,Bunte‘ nützlich. Privat interessiert sie sich für das, womit sich die drei Zeitschriften beschäftigen: Zwischenmenschliches, Mode und Lifestyle. Genau das mache sie stark, sagt einer ihrer Wegbegleiter: „Sie lebt ihren Beruf. Dadurch trifft sie aus dem Bauch heraus die richtigen Entscheidungen“. Oder wie Patricia Riekel es formuliert: „Das ist doch das Glück eines Lebens: Ich mache genau das, was ich will, und ich werde auch noch dafür bezahlt. Und ich hab damit auch noch Erfolg.“

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