Medien : Die Vergänglichkeit feiern

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Florians japanische Geliebte ist schon lange wieder in ihrer Heimat. „Die Liebe dauert, oder dauert nicht, an dem oder jenem Ort“, dichtete einst Bert Brecht. Der Satz ist zwar logisch gesehen eine Tautologie (wie „Ich bin, der ich bin“), aber er ist – wie die meisten Tautologien – tröstlich. Er hat etwas Buddhistisches, etwas vom Gleichmut angesichts von Werden und Vergehen.

Das Schöne an der Liebe in Zeiten der Globalisierung ist, dass man die Kenntnisse fremder Gebräuche, die man während einer interkulturellen Beziehung vertieft, beibehält, auch wenn die Liebe endet. Florian malt nach wie vor täglich japanische Schriftzeichen mit großen Tuschepinseln auf feines Reispapier, kocht köstliche japanisch-deutsche Mischgerichte und lädt nun den Kurpfälzerstammtisch zur traditionellen japanischen Kirschblütenschau (Hanami). Seine Wahl fällt auf einen Kirschbaum im Volkspark am Weinberg, obwohl sein Lieblingsbaum in der Spandauer Straße steht, ein Pflaumenbaum mit einem aufgepropften Kirschzweig, aber da ist zu viel Verkehr. Sektkühler mit Eis und belegte Brötchen sorgen bei bestem Wetter unter dem blütenmäßig geradezu explodierenen Kirschbaum für optimale Stammtischatmosphäre.

Ein kleiner Junge und ein etwas größeres Mädchen machen sich mit Taschenmessern am Baumstamm zu schaffen. Die Kurpfälzer denken zunächst, die beiden würden ihre Initialen in Herzform in den Stamm eingravieren. Aber als das Schaben in ein Hacken übergeht, begibt sich Florian zu den beiden Kindern, geht in pädagogische Hockstellung und befragt sie. Zurück auf der Picknickdecke berichtet er dem Kurpfälzerstammtisch, dass der kleine Junge gesagt habe, er wolle sich an dem Baum rächen, denn der Baum habe ihn mit einem Ast, an dem eine große Faust gewesen sei, geschlagen. Jetzt wolle er das Baumblut fließen sehen und dann das Baumblut trinken. Florian meint, in solch extremen Fällen solle man sich nicht einmischen. Und vielleicht erkenne der Junge ja über diesen Umweg den mystischen Sinn von Hanami: die Schönheit des Vergehens. Denn für die Japaner sei der erhabenste Moment der Kirschblüte ihr Absterben.

Feiern Sie Hanami! Die beste Zeit dafür ist kurz bevor die Blüten abfallen.

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