Die Vermessung des Ich : Mein Körper ist meine App

Fitness-Tracker, intelligente Uhren und Datenbrillen werden immer beliebter. Die Nutzer wollen damit das eigene Ich optimieren. Doch aus der Wearable-Technologie erwachsen riesige Datenschutzprobleme.

Adrian Lobe
"Quantified-Self" heißt ein Trend, der inzwischen auch Deutchland erreicht hat.
"Quantified-Self" heißt ein Trend, der inzwischen auch Deutchland erreicht hat.Foto: Fotolia

Neulich in der S-Bahn einer deutschen Großstadt. Eine Frau Mitte 50 zückt ihr Smartphone und sagt zur ihrem Mann: „Mal sehen, wie viele Schritte ich heute gegangen bin!“. Interessiert beugt sich die Dame über ihr Handy und stellt staunend fest, dass es tausend waren. Der Mann starrt ungläubig in das Display und sagt: „Was die Technik heute alles kann!“.

Auf Grundlage von Alter, Größe und Gewicht ermittelt ein Programm den Kalorienverbrauch und die empfohlene Tagesration für Lebensmittel. Den Fitness-Coach gibt es entweder als App fürs Smartphone oder in Form von „Wearables“, kleinen Geräten, die man am Körper trägt. Das Fitness-Armband Jawbone Up zeichnet zum Beispiel sämtliche gelaufenen Schritte inklusive verbrauchter Kalorien sowie das Schlaf- und Essverhalten auf und erinnert per Vibrationsalarm, sich mehr zu bewegen.

Fitness-Tracker liegen im Trend. Laut Branchenverband Bitkom nutzen inzwischen 13 Prozent der Deutschen eines der kleinen digitalen Geräte, die Schritte und Kalorien zählen oder die Schlafqualität analysieren. Der Markt für „Wearables“ boomt. Das Marktforschungsunternehmen Deloitte schätzt, dass in sechs Jahren 100 Millionen Fitness-Tracker und andere Gadgets auf dem Markt sein werden. Ramon T. Llamas, Analyst der International Data Corporation, sagt, der Großteil des Wachstums stamme von einfacheren Geräten, von Gesundheits-Apps oder Fitness-Trackern. Datenbrillen oder Smartwatches hätten noch enormes Entwicklungspotenzial.

Eine Smartwatch ist ein internetfähiger Hybrid aus Smartphone und Uhr – eine Armbanduhr mit integriertem Computer. In der Uhr stecken ein kleiner Lautsprecher, Mikrofone sowie eine Kamera. Googles Smartwatch „Android Wear“ funktioniert beispielsweise so: Man sitzt im Auto, hebt den Arm vom Lenkrad und diktiert eine SMS in die Smartwatch. Wenig später vibriert diese, ein kurzer Blick aufs Display verrät: fünf neue Mails, aber nichts Wichtiges, also weiterfahren und auf den Verkehr achten. Google kennt Standort und Ziel und kann in Echtzeit Verkehrsmeldungen durchgeben. Die juristische Problematik, dass eine intelligente Uhr als Handy fungiert, ist noch nicht mal im Ansatz diskutiert worden – die Technik entwickelt sich schneller als das Recht.

Die Smartwatch wird zum Schlüssel ins digitale Zuhause

Geht es nach den Entwicklern, soll die Smartwatch künftig der Schlüssel ins digitale Zuhause werden. Die großen Technikfirmen tüfteln emsig an der Umsetzung intelligenter Uhren. Apple will angeblich nächstes Jahr seine iWatch herausbringen. Was erklärt diese Entwicklung? Ist es der Wille zu permanenter Selbstkontrolle? Oder Tugendwächterei am eigenen Leib?

„Quantified-Self“ (etwa „sich selbst vermessen“) nennt sich eine aus den USA kommende Bewegung, die durch konsequente Auswertung von Daten das eigene Ich optimieren will. Die Anhänger dieser Bewegung hegen die Obsession, jede Aktivität zu quantifizieren. Frei nach dem Motto: Mein Körper ist meine App. Das Interessante daran ist, dass das Self-Tracking ja gegen einen selbst gerichtet ist. Nicht die Datenkraken von Google oder Amazon müssen Daten erheben – das tut der Einzelne ganz freiwillig. Der Soziologe Christopher Till, der an der Leeds Metropolitan University zu dem Phänomen forscht, sagte: „Das Self-Tracking korrespondiert mit einer Tendenz in gegenwärtigen Gesellschaften, unseren Körper als Maschine zu sehen, den wir wie ein Auto mit spezifischen Inputs oder Outputs von Energie managen können.“ Auch in Deutschland gibt es eine Quantified-Self-Organisation, die sich in regelmäßigen Meetings austauscht. Freunde können zu „Challenges“ aufgerufen – Wer ist als Erster 20 Kilometer gejoggt? –, Diäterfolge digital geteilt werden.

Nach Ansicht von Datenspezialist Ramon Llamas macht Wearables so attraktiv, „ dass sie Rechenleistung an den Nutzer mit Informationen über diesen bringen, und das in Echtzeit. Es ist sicher ein bedeutender Bequemlichkeitsfaktor dabei.“ Was braucht man ein klobiges Handy, wenn man sich das Internet ganz einfach um den Arm schnallen kann?

Das Netz verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Speziell für Läufer gibt es Sensorensocken, die den Laufstil in Echtzeit auswerten. Intelligente Waagen berechnen neben dem Gewicht den Körperfettanteil und den Body-Maß-Index. Diese Daten können dann über W-Lan mit einem Computerprogramm oder einer App auf mobilen Geräten ausgelesen und über Statistiken und Graphen analysiert werden. Und sie können an Krankenkassen und Versicherungen weitergegeben werden. Hat der Nutzer in letzter Zeit zugenommen? Hat er sich zu wenig bewegt? Dann könnte die Versicherung die Beiträge erhöhen.

Wearables produzieren riesige Datenmengen

Solche Systeme gibt es bereits. Die AOK Nordost bietet in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen dacadoo ag eine Gesundheits- und Fitnessplattform an. „Mithilfe der dacadoo Tracker-App werden Ihre Aktivitäten aufgezeichnet und automatisch auf diese Gesundheitsplattform übertragen“, heißt es auf der Website. Ein „health score“ ermittelt auf einer Skala von 1 bis 1000 den aktuellen Gesundheitszustand und das Fitnessniveau. Der Nutzer erhält eine kostenfreie Jahreslizenz im Wert von 60 Euro im Austausch seiner Daten. Vermutlich zahlt er aber einen viel höheren Preis. „Es kann sehr riskant sein, Informationen mit Dritten zu teilen“, sagt Llamas. „Ich denke, der Fokus liegt gar nicht auf der Herzfrequenz oder den Schritten. Die Frage ist, wie Wearables sensible Informationen gewinnen können“, so Llamas. Zum Beispiel, ob der Nutzer an Diabetes leidet. Fakt ist: Wearables produzieren gigantische Datenmengen.

Im Mai fand in Boston eine Konferenz zum Thema „Big Data in Healthcare“ statt. Alan Stein, der bei Hewlett Packard für Gesundheitstechnologie verantwortlich ist, hat an der Konferenz teilgenommen. „Die Idee von Big Data im Gesundheitswesen ist, dass wir Daten aus einer Vielzahl von Quellen sammeln und Algorithmen anwenden, die wertvolle Erkenntnisse über den Einzelnen liefen“, sagt er. Big Data helfe dabei, ganz bestimmte Fragen zu beantworten, zum Beispiel bei Patienten, die ein hohes Infektionsrisiko auf der Intensivstation trügen. Ärzte frohlocken bereits, Big Data könne Leben retten.

Für die Krankenkassen ist der Datenfluss ein Segen. Die Versicherer können genau abschätzen, wer ein Risikopatient ist. Wearables speisen in Echtzeit Informationen in ihre Datenbanken ein. Doch die Kehrseite dieser Gesundheitsoptimierung ist der gläserne Patient. „Die Privatsphäre bleibt meine Hauptsorge“, sagt Llamas. Tech-Giganten wie Google oder Samsung erhalten, gewissermaßen frei Haus, ein umfangreiches Bewegungs- und Aktivitätenprofil ihrer Nutzer. Wer hält sich wo zu welcher Zeit auf, wessen Puls schlägt wann besonders hoch? Die Geräte sind überdies anfällig für Manipulationen und Missbrauch. „Hacker würden zu gerne diese Daten bekommen, weil sie aussagekräftig und personenbezogen sind“, warnt Experte Llamas. „Das größte Problem dabei sind Kameras.“

Google Glas ist das umstrittenste Wearable

Google Glass, das wohl umstrittenste Wearable, verfügt über eine eingebaute Kamera. Ein kleiner Bildschirm vor dem rechten Auge gibt dem Träger Informationen aus dem Netz, etwa Routenpläne oder Antworten auf Suchanfragen. Prinzipiell funktioniert die Brille per Sprachsteuerung, doch Befehle können auch mit dem Auge erteilt werden. Unbemerkt lassen sich so Fotos aus der Umgebung schießen.

Erst vor kurzem wiesen chinesische Forscher nach, dass man mit der Datenbrille kinderleicht den Pincode von Kreditkarten stehlen kann. In den USA, wo Google Glass seit Mai bezogen werden kann, regt sich Widerstand. Ein Restaurant hatte einen Stammkunden vor die Tür gesetzt, nachdem dieser sich weigerte, seine Google Glass abzusetzen. Demnächst wird Google Glass auch auf dem deutschen Markt erhältlich sein. Gut möglich, dass bald die ersten datenbebrillten Passagiere in der S-Bahn sitzen und freudig deklamieren: „Sieh mal, was die Technik alles kann. Da hinten sitzt mein alter Klassenkamerad.“

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