Medien : Die verordneten Freunde

Lothar Heinke

1945, als sie riefen: "Gitler kaput" und als ihre beiden Rotarmisten Kantarija und Jegorow (für einen Frontfotografen) die rote Fahne auf dem Reichstag hissten, kamen sie mit Panzern, "Stalin-Orgeln" und auf kleinen, von Pferden gezogenen Panjewagen in das Land zwischen Oder und Elbe. Es war die Stunde des Triumphes der Sieger, der Trauer um gefallene Kameraden, aber auch die Zeit der Rache: Vergewaltigungen, Plünderungen, Verhaftungen und Reparationen wurden den Söhnen Stalins nie verziehen; das Bemühen der offiziell immer wieder so genannten "ruhmreichen Sowjetarmee" um "Druschba!=Freundschaft" mit den Deutschen blieb in engen Grenzen.

Die Sieger igelten sich ein, waren unnahbar in ihren eingemauerten spartanischen Kasernen-Städtchen; große Teile der DDR waren von den zeitweise bis zu 500 000 "Freunden", wie die Sowjetsoldaten offiziell genannt werden sollten, okkupiert. Der Rote Stern schien allgegenwärtig. Schon immer, auch noch sieben Jahre, nachdem der letzte Soldat am 31. August 1994 deutsches Territorium verlassen hatte, wollte man mehr wissen über das Phänomen C & A - wie die Leute die Russen nannten, weil ihre Militärautos das Kennzeichen CA für "Sowjetskaja Armija" trugen. Die Neugier über das Leben und die Rolle der Besatzer und ihrer ordensgeschmückten Generäle bei der Sicherung des sozialistischen Lagers wird nun durch eine spannende Fernsehdokumentation des ORB befriedigt. ("Roter Stern über Deutschland" läuft heute, am 13. und 20. Dezember, jeweils 21 Uhr 45 in der ARD).

Der Dreiteiler schildert spannend, wie die Herrschaft des Roten Sterns begann ("Befreier und Besatzer"), welche Rolle die Sowjettruppen spielten, als sie die "Heiße Front im Kalten Krieg" (mit in der DDR stationierten Atomraketen!) bildeten, und wie "Eiszeit und Entspannung" schließlich dazu führten, dass die Weststreitkräfte (zum Preis von 15 Milliarden D-Mark) als Verlierer das Land verließen. Nach der Wende fühlten sie sich plötzlich "wie Partisanen in Feindesland", und die D-Mark, die die Soldaten ab 1. Juli 1990 als Sold bekamen, "war die schrecklichste Waffe des Westens", wie ein Militär im Nachhinein stöhnt.

Der Film ist spannend, weil er bislang unbekannte Details des tristen Alltags gedrillter und geschundener einfacher Soldaten darstellt und Hintergründe zur großen Politik erhellt: Höchste Militärs verzeihen Gorbatschow nie, dass er ihrer Meinung nach aus Siegern Verlierer gemacht und den Ausverkauf des Sozialismus betrieben hat. In der Dokumentation mit ihren aufschlussreichen Zeitzeugen-Interviews stecken achtzehn Monate Arbeit für die Autoren Christian Klemke und Jan Lorenzen. Für die Redaktion und Leitung zeichnet der künftige ORB-Fernseh-Chefredakteur Johannes Unger verantwortlich. Wir vermuten hoffend, dass der Sender - wie schon bei den "Brandenburgern", "Preußen" und bei seiner "Chronik der Wende" - weitere zeitgeschichtliche lokale Ereignisse der jüngsten Gegenwart plant und so prononciert und professionell realisiert wie diesen "Roten Stern über Deutschland".

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