Medien : Die verschwundene Tochter

„Die Mutter“: Eindringlicher Familienfilm mit Martina Gedeck

Mechthild Zschau

Ein kleines Wunder ereignet sich zur Zeit im Fernsehspiel. Ein gutes Stück jagt das andere. Eine neue Ernsthaftigkeit macht sich breit, die sich nicht scheut, sich großer und größter Themen anzunehmen. Auch die Drehbücher entfalten eine ungewöhnliche Qualität. Keine knatternden Dialoge mehr, keine mühseligen Erklär-Monologe. Mit Ökonomie und Geduld werden Geschichten erzählt von Menschen in Grenzsituationen. Gute Nachrichten für Zuschauer, die etwas mitnehmen wollen aus dem Fernsehabend in ihr eigenes Leben – Gedanken, Fragen, Bilder. Ist die Realität so ernst geworden, dass die Sucht nach Unterhaltung erlahmt?

Eine weite, leere Landschaft. Ein junges Mädchen reitet durch die kahlen Felder, die Haare fliegen. „Wir waren eine glückliche Familie“, sagt eine Frauenstimme, und gleich darauf erscheint sie, die „glückliche Familie“: Großeltern, Eltern, zwei Töchter, rund um den abendlichen Esstisch. Rena, die wilde Reiterin, hat Geburtstag, es ist ihr sechzehnter, aber zum Feiern ist ihr nicht zumute. Statt ihr heiß geliebtes Pferd Matto geschenkt zu bekommen, soll sie sich mit der braven Stute Bella zufrieden geben. „Wir wussten nicht, dass es unser letzter Abend mit Rena war“, sagt die innere Stimme der Mutter Vera. Am nächsten Tag kommt das Mädchen nicht nach Hause.

Der düstere Grundakkord ist angeschlagen, der Sturz aus dem scheinbar heilen Lebenskonstrukt in klaren Zügen vorbereitet, ganz ohne aufgebauschten Suspense.

So fängt kein Krimi an, auch wenn der Plot durchaus kriminalistische Züge trägt und tatsächlich auch ein Kommissar zu ermitteln beginnt, draußen im Unsichtbaren.

Schon der zugrundeliegende Roman „Die Mutter“ von Petra Hammesfahr verweigert jeden oberflächlichen Spannungseffekt. Im Zentrum steht das, was mit und in den Familienmitgliedern geschieht, strikt aus der Sicht der Mutter Vera erzählt. Hannah Hollingers Drehbuch verzichtet auf jedes entbehrliche Wort, verlegt das Geschehen ganz in Gesichter und Konstellationen („Die Mutter“, 20 Uhr 15, ARD).

Ein eindringliches psychologisches Kammerspiel ist daraus entstanden, und das verdankt der Film vor allem seinem Schauspieler-Ensemble, allen voran der unvergleichlichen Martina Gedeck. So stark wie zerbrechlich zeigt sie die Entwicklung einer Frau, die sich mühelos einfügt in die Gegebenheiten, hin zur bedingungslosen Kämpferin für ihre Hoffnung. Um sie herum Harald Krassnitzer, Gudrun Ritter, Ulrich Matschoss, Martin Glade, Ernie Mangold – jede, jeder eine unverwechselbare Figur.

Ein dunkles Meisterwerk ist Regisseur Matti Geschonnek mit diesem Psychodrama gelungen, in dem kein Wort, kein Bild in Pathos abrutscht, kein Gefühl zu dick aufgetragen ist, in dem der Zerfall einer „glücklichen Familie“ so leise, so schnell, so scheinbar unspektakulär vonstatten geht wie sonst nur im Leben.

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