Medien : Die Verstrickten

30 Jahre Watergate: Arte zeigt Richard Nixons Absturz als atemlose Rückschau

Kerstin Decker

So weit ist es gekommen. Jetzt begehen wir schon das Ende amerikanischer Präsidentschaften. „Anlässlich des 30. Jahrestages des Rücktritts von Präsident Nixon“ rekapituliert Arte die Watergate-Affäre. Am 9. August 1974 trat Nixon zurück, heute Abend, am 11. August, dreißig Jahre später, wird uns noch einmal erklärt warum. Immerhin hat Watergate das Verhältnis von Politik, Medien und Öffentlichkeit in den USA auf Dauer verändert.

Das Ganze hat durchaus tragische Momente. Richard Nixon wurde 1972 in eine zweite Amtszeit wiedergewählt – mit dem besten Wahlergebnis, das je ein Präsident hatte. Es wäre also gar nicht unbedingt nötig gewesen, das Hauptquartier der Demokraten zu verwanzen. Und bedauerlicherweise war es am Ende gerade der Wanzenleger, der mit seiner Tat nicht allein bleiben konnte. Nixon ging es augenscheinlich wie der DDR-Regierung: Erst wenn man mithören kann, was die anderen denken, fühlt man sich sicher. Und Nixon hatte allen Grund, auf die Demokraten aufzupassen. 1947 war er in das Repräsentantenhaus gekommen, wurde Eisenhowers Vizepräsident und 1960, als er gerade Präsident werden wollte, kam dieser große lächelnde Junge der Demokraten, John F. Kennedy, und nahm dem langen zähen Arbeiter des politischen Aufstiegs den Wahlsieg ab. Ganz knapp nur – aber der Präsident hieß Kennedy, nicht Nixon. Seit 1969 hieß der Präsident dann doch Nixon und hatte einiges Interesse daran, dass das auch so bleibt, Verwanzung der Demokraten inklusive. Allerdings machte Nixon den Fehler, auch noch sein eigenes Oval Office zu verwanzen, und irgendwann merkt jeder Installateur: Abhöranlagen haben eine absolut destruktive Seite.

Die Dokumentation von Paul Mitchell ist schon etwas älter. Wenn wir nun also den dreißigsten Jahrestag des Nixon- Rücktritts begehen, so ist es zugleich der zehnte Jahrestag des Entstehens dieser Dokumentation. Aber das Gute an wirklich gelungenen Dokumentationen ist: sie altern nicht. Regisseur Paul Mitchell hat die Chronik des Absturzes ganz dicht geschnitten. Eine atemlose Rückschau – und zugleich das Psychogramm des Präsidenten. Die Beteiligten sagen noch einmal aus, aber es klingt ungefähr wie das Gegenteil von damals. Bloß Richard Nixon hatte keine Lust mitzumachen.

Ein naher Vertrauter des Präsidenten charakterisiert ihn so: Er war „ein Mann mit sehr beschränkten Interessen, der seine Zeit nicht zu vertrödeln pflegte“. Das war anerkennend gemeint, Nixon, der Anti-Kennedy. Aber wäre er ein wenig vertrödelter gewesen, wären er oder sein bester Freund vielleicht nie auf die Idee gekommen, ins Watergate-Hotel, Hauptquartier der Demokraten, einzubrechen. Und da Politiker nun mal keine Profis sind, wurde es nur ein drittklassiger Bruch. Bei einem drittklassigen Bruch werden immer welche erwischt.

Alles kam nun darauf an, eine Grenze zu ziehen zwischen denen und dem Weißen Haus. Das beste Mittel der Grenzziehung – das sahen sofort alle ein – ist Geld. Viel Geld. Regisseur Mitchell hat Daniel Schorr als Off-Kommentator gewonnen. Schorr war damals Chef-Korrespondent der CBS und einer von Nixons besten Feinden. Aber die besten Formulierungen finden die Beteiligten. Nach einem gewissen historischen Zeitraum nennt man sie, die Verstrickten, auch Zeitzeugen. Ausgerechnet der Wanzenleger, Sicherheitschef des „Komitees zur Wiederwahl des Präsidenten“ hörte jetzt die Stimme Gottes. Gott hat zwar die größte Abhöranlage überhaupt installiert („Der Herr sieht alles, der Herr weiß alles…“), aber sein irdischer Imitator wollte ihn trotzdem um Vergebung bitten. Die perfekte Vertuschung bekam den ersten großen Riss. Die Andeutung, dass dieser drittklassige Bruch höchste Regierungsursachen haben könnte, war in der Welt.

Keine objektive Betrachtung fasst die subjektiven Momente eines Ereignisses. Und die sind wichtig. Etwa als Präsidentenberater John Dean die plötzliche Fürsorge des Präsidenten erfuhr: Warum fährst du nicht nach Camp David, Abstand gewinnen? – Dean sitzt vor Mitchells Kamera, in seinem Gesicht steht noch immer die Ernüchterung von damals. Abstand gewinnen? Meinte Nixon etwa dauerhaften Abstand vom Weißen Haus? Sollte er als Sündenbock ausgebildet werden? Der Trotz ist noch ablesbar in diesem Gesicht, auch bei anderen, die der Präsident als Nachfolge-Sündenböcke erwählt. Und über allem steht der Satz: „Ist die Zahnpasta erst aus der Tube gedrückt, geht sie nicht mehr hinein.“

Mitchells preisgekrönte Dokumentation hat ursprünglich fünf Teile; Arte zeigt die beiden letzten über die absolute Unfähigkeit der Zahnpasta, in der Tube zu bleiben. Wir hören von Präsidentensätzen wie: „Lassen Sie uns rausgehen und die Tulpen anschauen, ich habe vielleicht nicht mehr lange zu leben.“ Und als der Präsident schon darum betet, am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen, hält er noch immer Fernsehansprachen, die beginnen: „Ich habe Ordnung geschaffen ....“ Richtig Ordnung schaffen dann zwei Journalisten von der „Washington Post“.

„Watergate“, erster Teil Mittwoch, Arte um 20 Uhr 40; zweiter Teil am 18. August um 20 Uhr 40.

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