Medien : Die vielen Wahrheiten der Djamile R.

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Von Constantin Seibt

Was ist die perfekte Story? Wäre Dr. Frankenstein statt Forscher Journalist geworden, hätte er die perfekte Geschichte aus drei Elementen zusammengemixt : 1. Sex. 2. Politik. 3. Journalistenkollegen auf der Anklagebank.

Diese perfekte Story ist in der Schweiz Realität geworden. Sie dreht sich in endlosen Schlagzeilen um das größte Verlagshaus der Schweiz, um eventuell gefälschte Fotos, um den ehemaligen Botschafter in Berlin, Thomas Borer, seine blonde Gattin Shawne (eine ehemalige Schönheitskönigin) sowie um die Berlinerin Djamile Rowe (eine ehemalige KaDeWe-Verkäuferin und ein ehemaliges Nacktmodell).

Das Licht der Welt erblickte das Monstrum am Ostersonntag: „Borer und die nackte Frau“ titelte das größte Boulevardblatt der Schweiz, der „Sonntagsblick“. Der Schweizer Botschafter Thomas Borer sei mit einem ehemaligen Nacktmodell nachts in der Tiefgarage der Botschaft verschwunden. Illustriert wurde die Geschichte durch Fotos, die eine schwarze Limousine in Anfahrt auf die Botschaft zeigten. Dazu kam als politischer Aufhänger die Stellungnahme des Außenministeriums, man werde Botschafter Borer in puncto seiner Erpressbarkeit befragen.

Darauf war die Hölle los: Der Botschafter dementierte aus dem Urlaub von Mauritius aus, das ehemalige Modell dementierte, die restlichen Zeitungen schrieben erste Leitartikel zur Presseethik, das Modell dementierte postwendend das eigene Dementi („Wir waren in der Tiefgarage“), der angeschossene Ringier-Verlag ließ seine Zeugin nach Zürich einfliegen. Tags darauf erschien im „Blick“ der Titel „Borer lügt!“, dazu eine neue Version der Geschichte („Es ging um puren Sex“), das Außenministerium geriet in Panik und entließ den Botschafter zum Ende April.

Seitdem riss die Kette von Krach und Chaos nicht mehr ab. Wahlweise wurde der Rücktritt des Schweizer Außenministers, der Chefredakteure des „Sonntagsblicks“ oder des „Blicks“, Mathias Nolte und Jürg Lehmann, gefordert. Die digital geschossenen Bilder kamen unter Fälschungsverdacht, eine aufwendige Prüfung des Ringier-Verlags ergab bisher nichts: weder den Beweis der Fälschung noch des Gegenteils. Medienethiker und Publizistik-Professoren schrieben wie wild.

Diesen Sonntag platzte eine weitere Bombe, als das Modell in der vierten Version aussagte, sie habe nie Sex mit Thomas Borer gehabt – sondern sei von der Journalistin Alexandra Würzbach mit Fakten über ihr Vorleben unter Druck gesetzt worden, eine „Abschussgeschichte“ zu bestätigen. Zudem habe der Verleger Michael Ringier ihr persönlich „einen hohen Geldbetrag“ für die Lüge geboten . . .

So weit der Stand der Dinge in der unabsehbaren Story. Sie ist tatsächlich perfekt – und so tödlich wie Frankensteins Monster.

Die Berlinerin Djamile Rowe verlor ihre Stelle in einer Kosmetikboutique des KaDeWe. Erhalten hat sie dafür von Ringier (falls der Verlag die Wahrheit sagt) nur eine Woche Erholungsurlaub in Ascona – und nach ihrer neuerlichen Geschichte einen juristischen Streit mit dem Verlag.

Botschafter Borer ist aus dem Staatsdienst ausgeschieden und arbeitet nun als Unternehmensberater in Berlin – er ist am Ende einer glanzvollen diplomatischen Karriere. Einer zu glanzvollen vielleicht. Der Grund seiner Entlassung war wohl weniger der Skandal als eine Reihe Feinde, die sich Borer im Außenministerium gemacht hatte. Sein erster Karriereschritt war gewesen, die Spesenkonten aller anderen Botschafter zu kontrollieren. Danach wurde er Sonderbotschafter in den USA in Sachen Fluchtgelder im Zweiten Weltkrieg, dann in Berlin der erste Party-Botschafter der Schweiz – mit der Lieblingsaussage in Interviews, er sei nicht so verstaubt wie seine Berner Kollegen. Borer war Botschafter, aber kein Diplomat.

Der Ringier-Verlag hat bereits eine Million Franken an Folgekosten der Affäre ausgegeben und enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Ungleich dem Eindruck, den es vielleicht über die Grenzen macht, waren die Ringier-Blätter „Blick“ und „Sonntagsblick“ in einer verschnarchten Schweizer Presselandschaft mehr als nur die Boulevardblätter: Wenn es um die Recherche (wie etwa bei Geheimdienstskandalen) oder die Wahrnehmung sozialer Phänomene (von Mindest- bis zu den überzogenen Managerlöhnen) ging, lieferten diese beiden Blätter handwerklich den besten Journalismus des Landes. Nun stecken sie wieder tief in der Klischee- und Schmuddelecke.

„Bei einer guten Story geht es nicht um Fragen und Antworten“, schrieb der Ex-Journalist Jörg Fauser einmal. „Sondern darum: Jemandem, der am Boden liegt, in die Fresse zu treten.“ Er hatte Recht. Eine perfekte Story ist der perfekte Fußtritt. Eine, die ihre Helden und ihre Schurken verschlingt. Und ihre Macher auch.

Der Autor ist Redakteur der Züricher „Wochenzeitung“.

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